Süddeutsche Zeitung

Sieg im Supercup:Dortmund hebt den Zeigefinger

Leidenschaftlicher Tempofußball trifft auf Statik und Lücken: Borussia Dortmund gewinnt den Supercup mit 2:0 und offenbart die Schwächen des FC Bayern. Der sorgt sich weniger um den Saisonstart als um den schwer verletzten Javier Martínez.

29 Minuten waren in diesem Supercup gespielt, da wurde das Ergebnis für den FC Bayern München zur Nebensache. Das Spiel sollte noch weitere 61 Minuten laufen, doch die interessante Frage für den Meister lautete nun: Wie geht es Javier Martínez? Der Defensivspieler war in eben jener 29. Minute mit dem Dortmunder Marcel Schmelzer zusammengestoßen, er plumpste auf den Boden und fasste sich an das linke Knie. Zwei Minuten später wurde er auf einer Trage in die Kabine getragen, und in den späten Abendstunden teilte Martínez in einer Videobotschaft auf Facebook mit: "Der Arzt hat mir gesagt, es sei zu 99 Prozent ein Kreuzbandriss." Die Verletzung des Spaniers war der bittere Höhepunkt für den FC Bayern in einem Spiel, das die Mannschaft 0:2 (0:1) gegen Borussia Dortmund verlor. Es war ein Spiel, das viele Fragen für die nächsten Wochen der Mannschaft aufwarf. Erst am Dienstag war ja bekannt geworden, dass Mittelfeldspieler Thiago länger ausfällt, vermutlich bis Oktober. Bastian Schweinsteiger war aufgrund fehlender Fitness nicht mit nach Dortmund gereist, genauso wie Franck Ribéry. Da ja zudem Toni Kroos zu Real Madrid gewechselt ist, gehen Trainer Pep Guardiola langsam die Mittelfeldspieler aus. Ein verletzter Martínez wäre für ihn kaum zu ersetzen, der Spanier war ein wichtiger Stabilisator in dieser Vorbereitung. Guardiola hatte ihn immer wieder ins Zentrum seiner neu formierten Dreierkette gestellt. "Javiers Ausfall wäre ein großes Problem, denn er war bisher sehr gut", sagte Guardiola nach dem Spiel. "Ich fürchte, dass er länger ausfällt." Eine genaue Diagnose erwarten sie beim FC Bayern an diesem Donnerstag.

Dass diese Verletzung eine enorme Schwächung für den FC Bayern wäre, zeigte das Spiel in Dortmund. Die Borussia bereitete dem FC Bayern mit ihrem Tempofußball immer wieder Probleme, so wurde offenbar, dass die Abstimmung zwischen Abwehrkette und defenivem Mittelfeld beim FC Bayern noch nicht stimmt. "Wir haben als Mannschaft ganz, ganz toll verteidigt und waren ein unangenehmer Gegner - genau das wollten wir sein", lobte Dortmunds Trainer Jürgen Klopp.

Der Supercup stand am Ende einer Vorbereitung nach der WM, am Ende einer Vorbereitung also, die für beide Teams geprägt war vom langen Urlaub ihrer WM-Teilnehmer. Elf der 23 deutschen Weltmeister spielen in der neuen Saison für Borussia Dortmund oder den FC Bayern, aber zum Spielbeginn am Mittwoch stand von Dortmunds fünf WM-Fahrern bloß der neue Innenverteidiger Matthias Ginter auf dem Rasen. Von Münchens sechs WM-Teilnehmern waren immerhin Manuel Neuer, Jérôme Boateng und Thomas Müller dabei. Mario Götze und Philipp Lahm saßen zunächst auf der Bank. Bei den Dortmundern wurden Mats Hummels und Roman Weidenfeller geschont.

Kurz vor dem Auftakt seiner zweiten Saison beim FC Bayern hat Trainer Pep Guardiola seiner Mannschaft ein 3-4-2-1-System verordnet, mit Robert Lewandowski als Spitze, dem jungen Gianluca Gaudino sowie Sebastian Rode im zentralen defensiven Mittelfeld, dazu der spanische Zugang Juan Bernat links außen. Doch die Bayern waren allzu statisch und daher chancenlos gegen aufgeladene Dortmunder, deren 4-3-3 die Lücken im großmaschigen Münchner Netz nach Belieben nutzte.

Immobile empfiehlt sich, die Flügel drehen auf

Gerade im Mittelfeld wirkte der FC Bayern anfällig, ohne Tempo, mit wenig konstruktiven Ideen im Spielaufbau. "Wir waren gegen den Ball extrem griffig", lobte Klopp dagegen sein Team. In der Defensive waren die FC-Bayern-Spieler oft zu weit weg vom Gegenspieler, in manchen Situationen dazu überfordert vom Tempo des Gastgebers. Dass es durch ein Tor von Henrikh Mkhitaryan (23.) zur Pause nur 1:0 stand, war auch schon das einzige Manko im Spiel der leidenschaftlichen Westfalen.

Mit Philipp Lahm für Thomas Müller zu Beginn der zweiten Halbzeit sollte das Bayern-Netz engmaschiger werden. Doch die Dortmunder blieben dominant. Ihr neuer italienischer Stürmer Ciro Immobile war bloß deshalb zentral ein bisschen blass, weil Mkhitaryan und Pierre-Emerick Aubameyang an seinen Seiten aufdrehten. In der 62. Minute köpfelte Aubameyang eine Flanke von Lukasz Piszczek zum 2:0 ins Tor. Er jubelte, indem er aus seiner Hose eine Maske des Comic-Superhelden Spiderman zog und sie sich über den Kopf streifte. Die Angelegenheit war damit zugunsten Dortmunds erledigt. Wie bereits im vergangenen Jahr. "Wir sind jetzt Rekord-Supercupgewinner", stellte Klopp daher fest, "gibt Schlimmeres."

Am Wochenende treten die Teams im Pokal in der Fußballprovinz an. Dortmunder spielt am Samstag beim Drittligisten Stuttgarter Kickers, der FC Bayern am Sonntag beim Drittligisten Preußen Münster. Der Grad der Herausforderung ist also ähnlich und wird weitere Rückschlüsse darauf zulassen, mit welchen Erwartungen die beiden Mannschaften in die Bundesliga starten werden.

Die Aussichten des FC Bayern auf die nächsten Wochen sind seit dem Mittwochabend etwas verhaltener geworden. So sagte Trainer Guardiola: "Wir brauchen Zeit, die wir nicht haben."

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Quelle:
SZ vom 14.08.2014
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