Süddeutsche Zeitung

Manuel Gräfe über Videoschiedsrichter:Sogar Deutschlands bester Schiri zweifelt

  • Der erfahrene Schiedsrichter Manuel Gräfe gibt im Deutschen Theater in Berlin Einblick in seine Erfahrungen auf dem Platz.
  • Über den viel diskutierten Videobeweis sei er zwar als Schiedsrichter froh, doch als Fan glaube er, dass die Technik dem Fußball "die Seele raubt".

Von Javier Cáceres, Berlin

Im Deutschen Theater in Berlin hat sich schon vor geraumer Zeit ein monatlicher Fußball-Sanhedrin etabliert; ein Hoher Rat, der "Fußballsalon" genannt wird, vom Buchautor und Journalisten Christoph Biermann ins Leben gerufen. Am Dienstag firmierte er unter der Rubrik: "Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht", und zu Gast war neben Klaas Reese vom Regelkunde-Blog "Collinas Erben" auch Manuel Gräfe, der schon seit Jahren als Deutschlands bester Schiedsrichter gilt und daher auch so hitzige Duelle wie das Bundesliga-Lokalduell Mainz 05 gegen Eintracht Frankfurt vom Montag übertragen bekommt. Und Gräfe hat, was dem Abend im Theater zugute kam, reichlich Bühnenerfahrung. Man könnte fast dasselbe sagen, was Gräfe ironisch über das pyroschwangere Rhein-Main-Derby berichtete: "Feurig war's."

Als Spieler schoss er beinahe so viele Tore wie Robert Kovac

Gräfe wird von vielen Profis und Fans geschätzt, unter anderem, weil ihn sein Spielverständnis auszeichnet und er das Spiel an sich laufen lässt. Zudem versteht sich Gräfe, der als Jugendlicher unter anderem mit dem späteren Profi Robert Kovac zusammenspielte und nur "wegen eines Schiedsrichterfehlers" ein Saisontor weniger als der Bruder des kürzlich entlassenen FC-Bayern-Trainers schoss, noch immer als Fußballer. Gräfe hält es daher für folgerichtig, dass er bei der Arbeit alle Profis duzt - oder fast alle, wie er mit sinkender Stimme verriet: "Der Einzige, den ich gesiezt hab, war Olli Kahn. Ich war Mitte 20 und hatte Angst."

Er erzählte auch, erkennbar mit Stolz, dass bei einem deutschen Clásico zwischen dem FC Bayern und dem BVB unter seiner Leitung lediglich vier Dortmunder eine größere Laufleistung hatten als er. Irgendwann aber ging es selbstredend um den Videoschiedsrichter (VAR), auf den Gräfe einen differenzierten Blick hat.

Als Schiedsrichter wisse er das Hilfsmittel zu schätzen. Der VAR verhindere, "dass mir eine Jahrhundertfehlentscheidung passiert", weil ein Spieler fünf Meter im Abseits stehe oder den Ball wie einst Maradona mit der Hand ins Tor bugsiere. Als Fan aber werde er das Gefühl nicht los, dass der VAR dem Fußball "die Seele raubt". Denn letztlich sei der VAR eingeführt worden, um den Fußball einer wirtschaftlichen "Prozessoptimierung" zu unterwerfen, "ihn planbar zu machen", die Unwägbarkeit durch Schiedsrichter auszuschließen.

Trainer, Manager, Fans - "sie sind zu Recht unzufrieden"

Große Klubs hätten gedacht, dass sich durch die Eliminierung von Fehlern die höhere Qualität ihrer Kader durchsetzen würde. Die kleineren Klubs hätten geglaubt, dass es weniger Fehlentscheidungen zugunsten mächtiger Klubs geben würde, über die immer wieder geklagt wird. Zwei Jahre danach registriert Gräfe allenthalben Ernüchterung. "Ich merke es bei Spielern, Trainern, Managern, bei den Fans. Sie sind zu Recht unzufrieden."

Das Hauptproblem seien die inflationären Eingriffe des VAR. Ursprünglich sollten nur "krasse" Fehlentscheidungen korrigiert werden. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Nur: "Für fünf bis sechs Fehler hätte sich dieser ganze (auch finanzielle, d. Red.) Aufwand nicht gelohnt." Die Folge: Der VAR komme eben nicht mehr nur bei sogenannten faktischen Entscheidungen zum Einsatz, sondern eben auch bei Szenen, die interpretiert werden müssen. Und das heißt, dass "die Probleme nur von einer Ebene, dem Rasen, auf die andere verlagert" worden seien: Der Unmut der Fans ist diversifiziert worden und richtet sich nun auf die Assistenten im sogenannten Kölner Keller.

Gräfes Vorschlag: Man sollte den VAR "nur bei faktischen Sachen" nutzen, zum Beispiel Abseits oder nicht, und "den Trainern das Challenge geben". Wie beim American Football sollten Trainer das Recht bekommen, eine begrenzte Zahl an Schiedsrichterentscheidungen überprüfen zu lassen, etwa wenn sie meinen, ein Tackling sei nicht korrekt gewesen. Es gäbe, wie Gräfe an einem dafür prädestinierten Ort meinte, am Ende wohl weniger Theater.

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SZ vom 05.12.2019/jbe
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