Süddeutsche Zeitung

Schalke 04:Wagner hinterlässt einen hilflosen Eindruck

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Wenn Krisen zu etwas taugen, dann dazu, das Repertoire eines Trainers kennenzulernen. Welche Antworten findet der Schalke-Coach auf die Probleme seines Teams? Nicht viele.

Von Philipp Selldorf

Ein Witz, der zurzeit über den FC Schalke 04 kursiert, geht so: "Hätte ein Schalker damals auf John Lennon geschossen, wäre John Lennon heute 79 Jahre alt."

Über Schalke 04 werden gerade sehr viele Witze gemacht, die wenigsten sind so liebenswürdig harmlos wie im obigen Fall. Häme aus dem eigenen wie gegnerischen Publikum gibt es zur immer undurchdringlicher wuchernden Krise gratis dazu, ebenso wie die schlechte Presse. Darüber beschwert sich aber keiner in der Schalker Führung, dazu habe man selbst genügend beigetragen, heißt es.

Und selbst wenn Schalke eigentlich gerade mal nichts verbrochen hat, dann gerät der Verein trotzdem in schlechte Schlagzeilen, weil es nun sein Aufsichtsratsvorsitzender Clemens Tönnies ist, der mitten im öffentlichen Kreuzfeuer steht. Dass Tönnies wegen seiner Geschäftsmethoden als Fleischgrossist in der Kritik steht, berührt mindestens mittelbar auch den Ruf des FC Schalke, den der ostwestfälische Unternehmer in den vergangenen Jahren mehr und mehr zu seinem Herrschaftsgebiet gemacht hat. Den von ihm geschätzten Titel "Schalke-Boss" hat er nicht umsonst.

Der Verein ist innerlich in Bewegung geraten

Am Samstag tat nun auch die Mannschaft wieder einen Teil zur Misere hinzu, als sie dem VfL Wolfsburg 1:4 unterlag und den Bundesliga-Rekord an sieglosen Spielen auf 15 Partien erhöhte. Wolfsburg sei "im Moment nicht das Level, das wir haben", erklärte Trainer David Wagner in mittlerweile gewohnter Resignation. Auf die Frage, welche positiven Eindrücke ihm von diesem Nachmittag blieben, tat sich der Coach naturgemäß schwer. "Individuelle positive Ansätze" fielen ihm ein, etwa der 20-Minuten-Einsatz des 18-jährigen Malick Thiaw und der Aushilfsauftritt von Timo Becker als Rechtsverteidiger. Schließlich nahm Wagner noch einen letzten Rest von Behauptungswillen zusammen und sagte: "Ich bleibe dabei, dass diese junge Mannschaft versucht hat, auch bei 0:4 das Ergebnis zu korrigieren."

Außer einem hilflosen Eindruck hinterließ Wagner auch einen ziemlich einsamen. Allein saß er vor der Sponsorenwand und empfing die vorab per WhatsApp eingereichten Fragen der Reporter, die auf dem Oberrang des leeren Stadions das einseitige Spiel verfolgt hatten. Als Souffleur der Erkundungen diente ein Mitarbeiter der Pressestelle, der vertretungshalber an die Seite des Trainers gerückt ist. Thomas Spiegel, der elf Jahre als Medienchef auf Schalke fungiert und die Trainer begleitet hatte, ist vor einigen Wochen höchst überraschend abgesetzt worden. Man wolle in der Kommunikation neue Wege gehen, hieß es - prompt häuften sich nach Spiegels Abschied geradezu schlagartig die Kommunikationspannen im Verein.

Der wenige Wochen später folgende "Rücktritt" des Finanzvorstands Peter Peters zeigte an, dass der Verein innerlich in Bewegung geraten ist, wobei es viele Theorien dazu gibt, in welche Richtung er dabei tendiert. Um Peters' ebenfalls plötzliches Ausscheiden ranken sich aufregende Gerüchte, die auch damit zu tun haben, dass Schalke wieder in finanziellen Schwierigkeiten steckt und das Heil in der Ausgliederung der Profiabteilung suchen könnte. Angeblicher Kandidat als Geldgeber und Teilhaber: Clemens Tönnies. Das Thema - falls es eines war - dürfte sich in Anbetracht der Turbulenzen in seiner Firma erst mal erledigt haben.

Nun wird sich der verbliebene Teil des Schalker Managements auch mit der Trainerfrage beschäftigen müssen

In diesem Klima eine Mannschaft zu trainieren, die nach der extrem gelungenen Vorrunde seit Spieltag 18 eine extrem misslungene Rückrunde spielt, zumal unter dem Einfluss eines aberwitzigen Verletzungspechs, das ist für David Wagner keine angenehme Aufgabe. Die Corona-Pause schien ihm die Chance zum Neustart zu verschaffen, aber es ist sogar noch viel schlimmer geworden. Die Verletzungen nahmen gleich wieder überhand, das Wunschmittelfeld mit Omar Mascarell, Suat Serdar und Amine Harit ist ein Wunschtraum geblieben, viele Spieler kamen mit seltsam auffälligen Fitnessproblemen zurück.

Wagner reagierte auf den Fehlstart (0:4 in Dortmund, 0:3 gegen Augsburg) mit dem Rückzug in die totale Defensive. Nicht nur die Zuschauer am Fernseher, auch die eigenen Spieler betrachteten das als Kapitulationserklärung. Im Spiel bei Fortuna Düsseldorf (1:2) durfte die Elf die Mittellinie nur im Ausnahmefall übertreten, vorne stand allein Guido Burgstaller, den zwar alle sehr gern haben, der deswegen aber immer noch keine Tore schießt.

Im Heimspiel gegen Bremen (0:1) das gleiche Bild der Angst: Wieder wurden alle Mann nach hinten befohlen, Wagner behauptete, es ginge nicht anders, und stellte sich selbst ein trauriges Zeugnis aus. Wenn sportliche Krisen überhaupt zu etwas taugen, dann doch dazu, das Repertoire eines Trainers kennenzulernen. Welche Antworten findet er auf die Probleme? Nicht viele, wie man auf Schalke feststellt. Das 1:1 gegen Leverkusen, erkämpft von einer jungen Notbesetzung, ist ein vereinzelter Lichtblick geblieben.

Nun wird sich der verbliebene Teil des Schalker Managements auch mit der Trainerfrage beschäftigen müssen. Zwar hat der tapfere Daniel Caligiuri versichert, man werde am Samstag in Freiburg "noch mal alles raushauen", aber der Trend spricht nicht für Schalke und womöglich auch nicht für den amtierenden Coach. Wagner mit der historischen Last von demnächst vielleicht 16 sieglosen Spielen in die nächste Saison zu schicken, wäre gewagt. Das Risiko ist den Verantwortlichen bewusst.

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SZ vom 22.06.2020/chge
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