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Schalke besiegt Dortmund:Wuselig wie sonst der BVB

"Eine der besten Halbzeiten, die ich überhaupt je gesehen habe": Schalkes Manager Horst Heldt ist von dem Erfolg des Teams gegen Dortmund entzückt. Schalke spielte so, wie man es eigentlich vom BVB kennt - doch der Sieg geht auch auf Personalentscheidungen von Jürgen Klopp zurück.

Von Felix Meininghaus, Gelsenkirchen

Kaum ein Fußballer in der aktuellen Mannschaft identifiziert sich mehr mit seinem Verein Schalke 04 als Julian Draxler. Der Youngster hat die Rivalität mit dem Rivalen in schwarz-gelb mit der Muttermilch aufgesogen. Vor der 142. Auflage des Revierderbys gegen Borussia Dortmund gab der Mittelfeldspieler Einblicke in sein Seelenleben: "In meiner Familie sind nur Blaue, meine Kumpels auch. Im weiteren Bekanntenkreis gibt es auch einige Dortmunder, aber das sind nicht meine allerbesten Freunde. Außer zum Fußball war ich noch nie in Dortmund."

Solche Aussagen lieben die Fans, sie passen perfekt zur Folklore zweier Klubs, die seit Jahr und Tag in inniger Hassliebe verbunden sind. Das Klappern vor den Duellen gehört genauso zum ewig jungen Kräftemessen der beiden großen Ruhrgebietsvereine wie die emotionalen Auseinandersetzungen auf dem Rasen. Schalke gewann die neuerliche mitreißende Begegnung der Rivalen nun mit 2:1 (2:0) und verdiente sich diesen Sieg vor allem aufgrund der unglaublich starken ersten Hälfte. Manager Horst Heldt sprach von "einer der besten Halbzeiten, die ich überhaupt je gesehen habe", und diese Analyse war nicht allein der Euphorie des frischen Eindrucks geschuldet.

Tatsächlich agierten die Schalker in den ersten 45 Minuten wie aus einem Guss und hätten durchaus höher führen können als durch die beiden Treffer von Draxler und Klaas-Jan Huntelaar. Draxler krönte mit dem frühen Führungstreffer sein Jubiläum. 100 Pflichtspiele hat der Schalker im einem Alter von 19 Jahren und 170 Tagen bereits absolviert, was ein Rekord ist. Noch nie in der Geschichte der Bundesliga hat es ein Spieler geschafft, in diesem jugendlichen Alter diese Zahl an Erstligaspielen anzuhäufen.

Draxler und seine Kollegen wirbelten vor mehr als 60.000 begeisterten Besuchern in der Schalker Arena, dass es allen warm ums Herz wurde, sofern sie ihr Herz an blau und weiß verschenkt hatten. Es war toll zu sehen, wie viel Überzeugung und Leidenschaft die Gastgeber ins Spiel einbrachten. Dabei sind das doch eigentlich Tugenden, die Borussia Dortmund normalerweise für sich in Anspruch nehmen kann. Noch nie in den so erfolgreichen letzten beiden Jahren ist der Doublesieger aus Dortmund dermaßen an die Wand gespielt worden, mit nur zwei Gegentreffern war der BVB bis zur Pause noch gut bedient.

Folgerichtig berichtete Keller hernach von einem "überragenden Spiel, das wir bis zu diesem Zeitpunkt abgeliefert haben". Danach kippten die Kräfteverhältnisse, was vor allem daran lag, dass Dortmunds Trainer Jürgen Klopp in der Halbzeitpause zwei exorbitante personelle Fehler korrigierte. Zum einen erlöste er Manndecker Mats Hummels, der sich nach überstandener Grippe zwar spielfähig gemeldet hatte, aber dennoch ganz offensichtlich nicht im Vollbesitz seiner Kräfte war. Zudem beließ er auch noch Kevin Großkreutz in der Kabine, den er als zusätzliche Absicherung für die linke Abwehrseite ins Spiel geschickt hatte, der seinem Spezialauftrag jedoch zu keinem Zeitpunkt erfüllen konnte.

Diese beiden Personalrochaden waren ein Fehler, wie sich nach dem Seitenwechsel herausstellen sollte. Mit Nationalspieler Marco Reus, der eine Hälfte des Spiels tatenlos mit ansehen musste, wie seine Mannschaft unterging, agierte der BVB in der zweiten Hälfte wesentlich stringenter. Doch es reichte nicht, um die Geschicke noch zu wenden, zu mehr als dem Anschlusstreffer von Robert Lewandowski kamen die Dortmunder nicht.

Bereits beim 1:2 im Hinspiel hatte sich Klopp verzockt, indem er auf eine taktische Grundordnung mit Dreierkette gesetzt hatte. Das Experiment war grandios gescheitert, damals nahm der Meistertrainer die Niederlage auf seine Kappe. Dieses Mal mochte er so weit nicht gehen. Auf die Frage, ob er mit seinem Rochaden daneben gelegen habe, antwortete er, das könne jeder so beurteilen, "der das so sehen will". Um dann hinzuzufügen: "Wir würden es wieder so machen. Bei der Belastung, die wir haben, müssen wir unsere personellen Möglichkeiten nutzen."

Während die Dortmunder nach der zweiten Derbyniederlage in einer Saison ihre Wunden leckten, genossen die Schalker den Augenblick. Das galt vor allem für Keller, der in jeder Minute, seitdem er auf Schalke vom Jugendtrainer zum Chefcoach befördert wurde, von den Boulevardmedien massiv infrage gestellt wird. Nun durfte der permanent Angegriffene den Nachmittag als persönlichen Triumph auskosten.

Es sei "nicht nur der Derbysieg, sondern auch die Art und Weise, wie wir ihn herausgespielt haben", der ihn glücklich mache, berichtete der Trainer. Die Frage, ob er nun zumindest für einige Tage durchschnaufen könne, mochte der Trainer nicht beantworten. Er ist zwar erst wenige Monate im Amt, kennt das chronisch aufgeregte Schalker Umfeld jedoch gut genug, um zu wissen: "Am Ende entscheidet Ihr Journalisten, ob ich hier in Ruhe arbeiten kann."

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