Süddeutsche Zeitung

Rechtsextremismus im Sport:Plakative Predigten

Zwei Bundesminister und hohe Sportfunktionäre diskutieren in Berlin über Rechtsextremismus im Sport - die Wirkung darf bezweifelt werden. Für Nationalisten kann Fußball Teil einer Erlebniswelt sein.

Auf den Tag genau vor einem Jahr wurde die Internetseite des Projektes "Am Ball bleiben" zum letzten Mal aktualisiert. Drei Jahre lang hatte die Initiative ein Netzwerk gegen Rechtsextremismus im Sport geknüpft. Sie hatte Fortbildungen für Funktionäre organisiert, Broschüren herausgegeben, für lokale Partner geworben. Das Projekt "Am Ball bleiben" beschäftigte einen festen und wenige freie Mitarbeiter, es kostete 100.000Euro im Jahr, wurde zur Hälfte getragen durch das Bundesfamilienministerium und den Deutschen Fußball-Bund (DFB). Die Finanzierung der einzigen bundesweiten Anlaufstelle für den Einsatz gegen Rechtsextremismus im Sport wurde nicht verlängert. Trotz einer beachtlichen Aufbauarbeit.

Vermutlich sagt diese Abwicklung mehr über die Zusammenarbeit zwischen Politik und Sport aus als die gesamte Podiumsdiskussion am Dienstag in der Berliner Auferstehungskirche. Der Bundesinnenminister, die Bundesfamilienministerin, die Vorsitzende der Sportministerkonferenz und die beiden ranghöchsten Sportfunktionäre des Landes predigten vor 150 Zuhörern und einem Dutzend Kameras Absichten und Empfehlungen.

Nie ist der Einsatz gegen Rechtsextremismus im Sport in Deutschland prominenter diskutiert worden. Trotzdem darf bezweifelt werden, dass auch nur ein Bruchteil der Jugendfußballteams, Turnvereine oder Betriebskegelgruppen erreicht wird - von nachhaltiger Wirkung ganz zu schweigen.

Es liegt nicht am Konzept, für die Tagung in Berlin haben Wissenschaftler ein fundiertes Papier zusammengestellt, ihre Erfahrungen beruhen auf regionalen Projekten, die seit langem gut funktionieren, in Hessen oder Niedersachsen. Vielmehr sind Politik und Verbände beim Versuch gescheitert, diese Prävention bundesweit zu vereinheitlichen.

In Vorbereitung auf die Tagung gaben lediglich acht von 26 angeschriebenen Sportverbänden Auskunft über regionale Strukturen. Im Fußball wurden erst in vier der 21 DFB-Landesverbände Beauftragte ernannt, die sich dem Thema Rechtsextremismus widmen. Von der Politik ist nicht viel Hilfe zu erwarten. Eine Anhörung im Sportausschuss des Bundestages lief im November 2008 ebenso plakativ ab wie eine Sitzung im Bundestag im Mai 2009 - ohne Konsequenzen.

Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) räumte allerdings ein, dass mit rund 26.000 Extremisten der organisierte Rechtsextremismus in Deutschland eher auf dem Rückzug sei. Dennoch sei festzustellen, dass rassistisches Gedankengut immer stärker den Sport infiltriere. "Das Verhalten einiger Aktiver zum Beispiel in den Kampfsportarten und einiger Fangruppen beim Fußball macht uns schon Sorgen." Trotzdem sieht de Maiziere im Sport eine Chance: "Wir wollen die Reichweite des Sports nutzen, dass Jugendliche nicht anfällig werden für Rechtsextremismus."

Strittiger Auftritt der Bundesfamilienministerin

Strittig war der Auftritt von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder. Im vorigen Jahr hatte sie mit dem Vorschlag für eine Extremismusklausel für Empörung gesorgt, danach sollten geförderte Projekte gegen Rechtsextremismus ein Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung abgeben - als stünden diese Projekte zwangsläufig dem linksextremen Spektrum nahe.

Am Dienstag wiederholte sie die Vermutung, Rechtsextremismus betreffe in erster Linie Jugendliche. "Insbesondere Menschen, die 60 Jahre und älter sind, weisen hohe Abwertungseinstellungen auf", sagt der Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer, der seit 2002 die "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" untersucht.

Laut Heitmeyer werde die Diskussion auf Rassismus verengt. Zu rechtsextremen Einstellungen gehören Homophobie, Sexismus, Islamfeindlichkeit oder die Abwertung von Obdachlosen. Was organisierten Rechtsextremismus betrifft, also die NPD, Kameradschaften oder autonome Nationalisten, so ist der Zugang über den Fußball Teil einer Erlebniswelt, zu der Musik, Codierungen oder Kleidermarken gehören, auch darüber scheinen sich Sportfunktionäre selten klar zu sein. Dem Sport fehlt noch immer eine tief gehende Studie, die Verhältnisse bundesweit analysiert und damit eine Grundlage für Kampagnen schafft.

Ignoranz und Gegenwehr

"Solche Veranstaltungen sind gut für warme Worte. Viel wichtiger aber ist, was sich aus diesen Worten entwickelt", sagt Monika Lazar, seit 2005 Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion gegen Rechtsextremismus. Lazar kickt für den Roten Stern Leipzig, einen Verein, der sich gegen Rassismus einsetzt.

Sie versucht in Sachsen, Partnerschaften zwischen Vereinen, Verbänden und Politik zu fördern, durch Briefe, Besuche, Veranstaltungen, oft stößt Lazar auf Ignoranz und Gegenwehr. Wenn aber die Verzahnung auf lokaler Ebene nicht klappt, wie wirksam kann dann eine prominente Diskussionsrunde sein?

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SZ vom 19.01.2011
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