Süddeutsche Zeitung

Rechtsextremismus im Fußball:Das hartnäckige Nazi-Problem auf der BVB-Südtribüne

Lesezeit: 3 min

Borussia Dortmund hat einiges getan, um rechte Fans draußen zu halten. Doch die Szene ist wandlungsfähig.

Von Christoph Ruf

Manchmal ist es interessant, sich mit Menschen über Fußball zu unterhalten, die mit einem Kenntnisstand zufrieden sind, den sie nicht jedes Wochenende aktualisieren müssen. Der Hamburger SV gilt diesen Menschen als gefallener, der FC Bayern als unbezwingbarer Riese. Und beim Stichwort Borussia Dortmund kommt erstaunlich oft die Feststellung, dass das doch wohl "die mit den rechten Fans" seien.

Das hat natürlich so noch nie gestimmt, auch nicht zu Beginn des Jahrzehnts. Als die Schlagzeilen über die politischen Aktivitäten vieler BVB-Fans sich überschlugen, waren die Rechten nur ein verschwindend kleiner Teil der riesigen Südtribüne. Doch Tausende andere sahen dort keinen Grund, sich ihnen entgegenzustellen. Oder sie hatten schlicht Angst davor.

Immer wieder berichteten nicht-rechte Dortmunder Fans, dass sie im Alltag verprügelt wurden. Bei einem Spiel in Donezk Anfang 2013 wurden zwei Fanbetreuer von rechten Fans auf der Toilette zusammengeschlagen. Und immer wieder machten rechte Fußballfans gemeinsame Sache mit den Nazi-Kadern, die noch heute im Stadtteil Dorstfeld ihre WGs haben und in dem von ihnen selbst genannten "Nazi-Kiez" Andersdenkende terrorisieren.

Der BVB änderte seine Strategie

Doch anstatt das Offensichtliche einzugestehen und wirksame Gegenmaßnahmen anzukündigen, ließ Borussia jahrelang immer wieder verlautbaren, die Journalisten und Fans hätten wohl Probleme mit ihrer Wahrnehmung. "Es sind keine Bestrebungen von Nazis im Gange, im Fußball Fuß zu fassen", ließ die Pressestelle noch Ende 2010 ausrichten. Erst als ein Fan 2012 mitten auf der Südtribüne mit einem Transparent "Solidarität" mit der gerade vom Bundesinnenminister verbotenen Kameradschaft "Nationaler Widerstand Dorstfeld" forderte, änderte der BVB seine Medienstrategie.

Doch durch die jahrelange Vogel-Strauß-Taktik der Vereinsführung hat sich das Image von der braunen Kurve so sehr verselbständigt, dass Hans-Joachim Watzke mittlerweile im Wochentakt Medienanfragen beantworten muss. Und längst zeichnet er ein realistisches Bild von der Gemengelage in der Fanszene. Ohne zu übertreiben, aber auch ohne zu verharmlosen.

Über den Berg ist die BVB-Fanszene noch lange nicht

"Der BVB ist auf einem guten Weg", sagt auch der Fanforscher und Rechtsextremismusexperte Robert Claus, der den Verein seit 2013 wissenschaftlich berät: "Aus der Fanszene kommen viele positive Impulse und Aktionen." Auch beim Ordnerdienst sei man "besser aufgestellt als noch vor einigen Jahren". Tatsächlich traut sich die übergroße Mehrheit der nicht-rechten Fans wieder, Zeichen zu setzen - zum Beispiel auf Transparenten. Und es bleibt nicht bei symbolträchtigen Aktionen. Schon 2008 hatten Mitglieder der größten Ultragruppe "The Unity" im Anschluss an ein Auswärtsspiel aus eigenem Antrieb das KZ Majdanek besucht. Viele von ihnen engagieren sich noch heute gegen rechts.

Doch so positiv die Entwicklung der vergangenen Jahre auch ist - über den Berg ist die Dortmunder Fanszene noch lange nicht. Seit einigen Monaten sorgt eine Hooligangruppe für Schlagzeilen, die sich entsprechend der Dortmunder Telefonvorwahl "0231 Riot" nennt und um die 50 Mitglieder hat. Die waren in den letzten Jahren so oft im Kampfsport-Studio, dass sie andere Fans alleine wegen ihrer physischen Erscheinung einschüchtern.

Die Lust auf Randale ist das verbindende Element

Im Stadion bekommen das Fans zu spüren, die "Refugees-welcome"-Shirts tragen, außerhalb auch Anhänger der jeweiligen Gastmannschaft. Dabei ist "0231" - obwohl einige ihrer Führungsfiguren ideologisch gefestigt sind - keine primär politische Gruppierung: Die Lust auf Randale ist das verbindende Element.

Gute Kontakte unterhalten "0231"-Mitglieder allerdings zu Denis N., einem russischen Neonazi. Fotos, die in einem Dortmunder Gym aufgenommen wurden, zeigen "0231"-Mitglieder zusammen mit N. sowie Kölner Hooligans. N. ist Inhaber der Kleidermarke "White Rex" und versucht seit Jahren, europaweit Teams unter seinem Namen auftreten zu lassen. Kleidungsstücke von "White Rex" zieren dabei die Nummer 88 (Akronym für "Heil Hitler") oder Runen, die von der SS verwendet wurden.

Die größte Spielwiese der rechten deutschen Kampfsportszene ist der "Kampf der Nibelungen", der von militanten Angehörigen der rechten Szene unter größter Geheimhaltung organisiert wird. 2016 fand die Veranstaltung zum vierten Mal statt - in einem Kurort im nordrhein-westfälischen Teil der Eifel. Die Polizei beobachtet das Treiben seit Langem und hält die Nibelungen-Kämpfe für eine mehr oder weniger hermetische Veranstaltung der extremen Rechten. In diesem Jahr liefen die Fäden in Dortmund zusammen.

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Quelle:
SZ vom 17.11.2016/fued
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