Süddeutsche Zeitung

Para-Sport in der Corona-Krise:Sportler mit großem Risiko

Viele Para-Athleten wissen nicht, wie ihr Körper eine Coronavirus-Infektion verkraften würde. Können sie erst dann weitermachen, wenn es einen Impfstoff gibt?

Von Sebastian Fischer

Eigentlich macht Annabel Breuer gerade nicht viel anders als die meisten Sportlerinnen. Sie vermeidet Kontakte, verlässt das Haus eigentlich nur für Ausdauereinheiten, im Garten trainiert sie ihre Kraft. Was die 27-Jährige von anderen Athletinnen unterscheidet, ist das diffuse Gefühl der Verunsicherung, wenn sie daran denkt, irgendwann wieder tatsächlich ihren Sport auszuüben. Die Rollstuhlbasketball-Nationalspielerin ist querschnittsgelähmt. Sie weiß nicht genau, wie ihr Körper reagieren würde, sollte sie sich mit dem Coronavirus infizieren.

Was in der Corona-Krise für den olympischen Sport gilt, das gilt größtenteils auch für den paralympischen: Athleten können nur mit starken Einschränkungen trainieren, Veranstaltungen sind abgesagt. Genau wie Olympia wurden natürlich auch die Paralympics in Tokio ins Jahr 2021 verlegt. Und doch gibt es Besonderheiten, die nur für den Alltag von paralympischen Sportlern gelten. Es geht, noch konkreter als im olympischen Sport, um Gesundheit.

Da ist etwa das Beispiel des beidseitig unterschenkelamputierten Sprinters David Behre. Als die Ausgangsbeschränkungen kamen, wollte er sich zunächst fit halten, wie es die meisten Läufer gerade tun: mit lockerem Jogging. Er ging also mit seinen Sprintprothesen in den Wald - und musste nach dem dritten Training wegen Schmerzen in Knien und Rücken abbrechen. Er musste einsehen, dass seine Karbonfederfüße dafür ungeeignet sind.

Behre hat eine Lösung gefunden, "bestens" gehe es ihm, sagt er am Telefon. Er ist aufs Fahrrad umgestiegen, und für Mai hat ihm sein Verein Bayer Leverkusen wieder sprintspezifisches Training auf der Tartanbahn in Aussicht gestellt. Doch es gibt auch Fälle wie den der Rollstuhlbasketballerin Breuer, die zwar ebenfalls guter Dinge ist, obwohl sie seit Wochen keinen Ball mehr berührt hat, die aber auch sagt, dass ihr dieser Gedanke nicht fremd ist: Kann sie überhaupt wieder Basketball spielen, bevor es einen Impfstoff gegen Covid-19 gibt?

Auch unter den Zuschauern, sagt der Manager des Rekordmeisters, seien viele Menschen gefährdet

Anja Hirschmüller ist leitende Ärztin beim Deutschen Behindertensportverband (DBS), und sie bekommt seit Wochen viele Mails von Sportlern, die um Hilfe bei Ausnahmegenehmigungen bitten, um trainieren zu können, oder Fragen stellen. Die kritischste Phase, sagt sie, sei vorbei. Es war die Phase der Ungewissheit, als die Paralympics noch nicht abgesagt waren, Training für die Athleten also weiterhin dringend nötig, aber oft nicht möglich war. Inzwischen, sagt sie, gelte ihr Augenmerk verstärkt der risikoarmen Wiederaufnahme des Trainings, insbesondere in den Mannschaftssportarten, dort vor allem Para Boccia, Rollstuhlrugby und Rollstuhlbasketball. Dort gibt es die meisten querschnittsgelähmten Athleten.

Menschen mit Querschnittslähmung zählen zwar nicht per se zu den vom Robert-Koch-Institut definierten Risikogruppen. Doch je höher der Querschnitt sei, desto riskanter sei auch eine Infektion mit dem Virus, sagt Hirschmüller. Unter dem Querschnitt wird schließlich die Muskulatur nicht mehr angesteuert, und dazu gehört auch die Atemmuskulatur. Sie sei absolut dagegen, sagt die Sportärztin, "irgendein Risiko einzugehen, um zwei, drei Wochen früher wieder zu trainieren". Potenzielle Risikopatienten sollten möglichst lange individuell trainieren. Im Rollstuhlbasketball würde das bedeuten, möglichst lange allein Körbe zu werfen.

Breuer spielt in der Bundesliga für den RSV Lahn-Dill, den deutschen Rekordmeister. Auch in diesem Jahr hatten sie beim RSV Ambitionen auf den Titel. Geschäftsführer Andreas Joneck ist dennoch froh, dass die Liga bereits Ende März die Entscheidung traf, die Saison vor dem Ende der Playoffs zu stoppen, auch wenn damit der ungeschlagene Hauptrundensieger Thuringia Bulls zum Meister wurde.

"Wir müssen sehr, sehr vorsichtig sein"

Für Joneck geht es gerade weniger darum, an die Wiederaufnahme einer Form des Trainings zu denken - "es wäre kein vernünftiges Zeichen, so zu tun, als wäre das elementar wichtig", sagt er. Zumal ja ohnehin noch ein paar Monate Sommerpause ist. Es geht eher um Finanzielles: Die Wetzlarer Rollstuhlbasketballer gehören einer Interessengemeinschaft aus 16 hessischen Profi-Sportklubs an, der Fußball ausgenommen, die mit dem Landesinnenministerium darüber sprechen, wie sie fortbestehen können.

Der RSV werde es wohl "mit zwei blauen Augen und Kratzern" bis zum Sommer schaffen, sagt Joneck. Planmäßig würde die nächste Saison im Rollstuhlbasketball Ende September beginnen. Wann immer es wieder losgeht, sagt er, werde es auch um die Frage gehen, "ob der Rollstuhlbasketball und der Para-Sport einen Extraweg gehen müssen".

Beim RSV spielen neben Breuer noch weitere querschnittsgelähmte Basketballer, unter anderen der deutsche Nationalspieler Christopher Huber oder der Brite Simon Brown, der gerade froh sei, in der Sommerpause noch in Deutschland und nicht in der Heimat zu sein, erzählt Joneck. In Großbritannien hat der Ausbruch des Virus schließlich noch gravierende Folgen. Doch wenn es um mögliche Risikopatienten geht, denkt der Geschäftsführer nicht nur an seine Mannschaft. Auch der Co-Trainer und der Videocoach sind querschnittsgelähmt. Und es sei der Charakter der Sportart, sagt Joneck, dass er ein Publikum "mit einem deutlich höheren Anteil an Zuschauern, die zur Risikogruppe gehören", anziehe; viele Rollstuhlfahrer und Menschen mit Behinderung gehören zu den Fans. Zum letzten Hauptrundenspiel kamen 1600 Zuschauer in die Halle.

Wie der Extraweg für den Para-Sport aussehen könnte und ob es ihn überhaupt braucht, darüber möchte Joneck noch nicht spekulieren, dafür ist es noch zu früh. Fest steht nur, dass Spiele ohne Zuschauer keine Perspektive darstellen. Fest steht also, "dass wir sehr, sehr vorsichtig sein müssen".

Annabel Breuer sagt, sie sei froh, dass gerade gar nicht an Ausnahmen zum Training gedacht werde, auch zur eigenen Sicherheit. Einerseits habe sie zwar eine gute Lungenfunktion. Andererseits falle es ihr bei Erkältungen oft sehr schwer, Schleim abzuhusten. Aufgrund ihrer Lähmung sei ihre Lunge anfällig.

Am Anfang, erzählt sie, fand sie es sogar ganz nett, sich mal mit anderen Dingen zu beschäftigen als mit dem Sport. Sie zog für die Zeit der Ausgangsbeschränkungen zu ihren Eltern in die Nähe von Ulm, dort ist mehr Platz, auch für das Heimtraining. Inzwischen wünscht sie sich wenigstens die Aussicht, mal wieder mit ihrem Team zu spielen. Sie sagt: "Basketball vermisse ich schon sehr."

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SZ vom 23.04.2020/sonn
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