Süddeutsche Zeitung

WM der Obdachlosen in Sacramento:Nicht mal die Trikots sind angekommen

Der Homeless Worldcup soll Menschen ohne festen Wohnsitz verbinden und ihnen helfen, in einen festen Alltag zu finden. Der DFB bewirbt sein Engagement dafür als ein "zentrales Anliegen" - obwohl er kaum etwas dazu beigetragen hat.

Von Vinzent Tschirpke

"Wir für euch", das ist das Motto, mit dem der Deutsche Fußball-Bund (DFB) seinen Einsatz beim Homeless Worldcup in Sacramento bewirbt. Ein Turnier, das einmal pro Jahr ausgetragen wird, um obdachlose Menschen zu vernetzen, sie an einen strukturierten Alltag heranzuführen und das Interesse am Fußball zu stärken. Eine zehntägige Flucht aus dem Alltag, nach Sacramento in die USA. "Die Unterstützung von wohnungslosen Menschen ist uns (...) ein großes Anliegen. Es war daher selbstverständlich, dass wir die Nationalmannschaft der Wohnungslosen bei der WM in den USA unterstützen", so zitiert der DFB auf seinem Instagram-Kanal den Nationalspieler Robin Gosens.

Gerichtet waren diese Worte an die 5,8 Millionen Follower des DFB, der Beitrag erzielte mehr als 13 000 Likes und unzählige Kommentare. Nur: Außer dieser Zitatkachel hat der DFB kaum etwas dazu beigetragen. Bis auf einen Satz Trikots hat der Verband jede Anfrage auf Unterstützung ignoriert, dafür aber kräftig sein vermeintliches Engagement beworben, sodass das Motto eigentlich lauten müsste: Wir für uns.

90 Minuten den Kopf ausschalten

"Als ich den Post gesehen habe, musste ich erst mal lachen", sagt Manuel Timmermann. Der 26-Jährige war Teil des achtköpfigen Teams, das im Juli gemeinsam aus Frankfurt in die USA geflogen ist. Bei dem Turnier ist er auf andere wohnungslose Spieler aus aller Welt getroffen, mit der deutschen Auswahl hat er gegen Polen, Chile oder Litauen gespielt. "Die WM war eine super Sache: Sie hat mir wieder gezeigt, wie viel Spaß Fußball macht. Jetzt habe ich mir auch in Hamburg einen Verein gesucht, um drei Mal pro Woche für 90 Minuten den Kopf auszuschalten."

Timmermann ist einer der Spieler, dem Fußball geholfen hat. Lange war er suchtkrank, hatte keine feste Wohnung und wechselte jeden Abend auf das Sofa eines anderen Bekannten. Wenn sich nichts ergab, feierte er die Nacht durch, bis woanders ein Platz frei wurde. Durch den gemeinnützigen Verein "Anstoß e.V." lernte er den Sozialarbeiter Johan Graßhoff kennen, der ein Fußballteam mit Hamburger Obdachlosen trainiert und sie im Alltag unterstützt. Als Graßhoff Trainer für die deutsche Auswahl beim Homeless Worldcup wurde, kam Timmermann in sein Team, zusammen mit Wohnungslosen aus Frankfurt, Berlin und anderen deutschen Städten.

"Ich wollte Menschen mitnehmen, denen ein solches Turnier hilft", sagt Graßhoff. Ihm ging es nicht um sportliche Leistung, deshalb habe er auch Spieler ausgewählt, die kaum fußballerische Erfahrung besitzen und während des Turniers lernen wollten, sich in eine Gruppe einzufügen. Jede Person darf nur ein Mal an einem Homeless Worldcup teilnehmen, beim nächsten Turnier sollen andere die Chance erhalten. Die Unterkunft und Verpflegung wurden vom Veranstalter bezahlt, die Anreise aber nicht. Weil Flugtickets in die USA teuer sind, hat die deutsche Auswahl auch beim DFB nachgefragt - und als Antwort einen Satz Trikots bekommen.

"Wenn sie solche Bilder posten, sollen sie auch helfen."

"Wir mussten mehrmals nachhaken, bevor überhaupt eine Reaktion kam", sagt Johan Graßhoff. Als Sozialarbeiter im gemeinnützigen Verein ist er es gewohnt, auf die Hilfe größerer Spender angewiesen zu sein. "Der DFB muss natürlich nicht die Probleme der Wohnungslosenthematik in Deutschland lösen, ein veränderter gesellschaftlicher Blick hilft den Betroffenen schon." Dass der DFB auf seinen Kanälen Werbung für den Homeless Worldcup macht und damit vor allem auch für sich selbst, findet der 35-Jährige deshalb grundsätzlich in Ordnung.

Sein Spieler Timmermann sieht das anders: "Wenn sie solche Bilder posten und dadurch viele denken: ,Wow, die haben richtig geholfen', dann sollen sie das auch machen." Den versprochenen Trikotsatz sendete der DFB zu spät los, erst am Abreisetag wurde das Paket an die Hamburger Wohnung von Trainer Graßhoff geliefert - der in Frankfurt auf den Abflug wartete. "Das hat überhaupt nichts gebracht", sagt Timmermann. Andere Länder hätten mehr Hilfe erhalten, Portugal und Polen wurden vom jeweiligen Verband mit Trainingsequipment und einem Reisebudget ausgestattet. "Wir haben dann Trikots von einer anderen Einrichtung bekommen, die sie vorher beim DFB kaufen musste."

Langfristige Hilfen statt Eigenwerbung

Eine ernst gemeinte Unterstützung hätte demnach viel einfacher ablaufen können. Während sein Team auf Kosten der Einrichtung "Anstoß" anreisen musste, würden etwa Influencer-Teams vom DFB ins Fußballmuseum eingeladen. Und auch innerhalb Deutschlands könne durch die Bereitstellung von Trainingskleidung und Fußballschuhen den Wohnungslosen geholfen werden, Fixpunkte im Alltag zu bekommen. "Die meisten würden diese Hilfe gerne annehmen. Ein Mal pro Woche zu einem festen Zeitpunkt Fußball zu spielen, hilft mehr, als man denkt", sagt Graßhoff. Wichtig sei eine langfristige Unterstützung, die nicht an einzelne Events gebunden ist. Obdachlosigkeit soll so weniger stigmatisiert und als gesellschaftliches Problem erkannt werden.

Der DFB teilte auf SZ-Anfrage mit: "Mit dem Instagram-Post wollten wir unsere Unterstützung für die Nationalmannschaft der Wohnungslosen ausdrücken und vor allem Aufmerksamkeit für den Homeless Worldcup und seine Bedeutung schaffen. Das Engagement für Wohnungslose ist eines der zentralen Anliegen der Stiftung der Nationalmannschaft."

Beim Worldcup in Sacramento ist die deutsche Mannschaft auf Platz 26 von 28 gelandet, Weltmeister wurde Chile. Für das Turnier im nächsten Jahr will Trainer Graßhoff erneut ein Team mit Obdachlosen aus ganz Deutschland zusammenstellen - im besten Fall mit rechtzeitiger Unterstützung des DFB.

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