Süddeutsche Zeitung

Niederländischer Fußball:Eredivisie steht vor dem Abbruch

Während die Bundesliga auf eine schnelle Fortführung drängt, plant der Verband in den Niederlanden, die Saison nicht zu Ende zu spielen. Das könnte ein Präzedenzfall werden.

Von Johannes Aumüller

Als am 8. März der 26. Spieltag der niederländischen Eredivisie absolviert war, deutete alles auf ein extrem spannendes Saisonfinale hin. Tabellenführer war Ajax Amsterdam mit 56 Punkten, der erste Verfolger AZ Alkmaar hatte ebenfalls 56 Punkte, nur die bessere Tordifferenz (plus 45 versus plus 37) entschied an dem Tag über die Platzierung. Seit dem 8. März ruht nun wegen der Corona-Pandemie der Spielbetrieb, und seit Dienstagabend ist klar, dass sich an dieser Ruhelage in dieser Saison auch nichts mehr ändern wird. Denn da erklärte der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte, dass alle Großveranstaltungen bis zum 1. September verboten seien - und damit auch die Profifußballspiele.

Formal abgebrochen ist die Saison noch nicht. "Wir beabsichtigen, die Saison nicht zu beenden", ist nun die Sprachregelung des Königlich Niederländischen Fußballbundes KNVB, und das ist protokollarisch durchaus wichtig. Die Niederländer werden die erste europäische Liga sein, die formal ihre Saison wegen Corona beendet. Aber was der Abbruch konkret bedeutet, klärt sich erst in den nächsten Tagen: bei einer Schalte des KNVB und der 18 Erstligisten am Freitag - sowie rund um eine Vorstandssitzung von Europas Fußball-Union (Uefa) am Donnerstag. Und was dabei herauskommt, wird nicht nur für die Niederländer interessant sein, sondern für alle 54 europäischen Länder, deren Ligen wegen Corona gerade pausieren (alle Uefa-Mitglieder minus Weißrussland).

Denn in diesen Debatten werden zwar interne niederländische Fragen verhandelt. Zum Beispiel entscheidet sich erst am Freitag, ob Ajax als Tabellenführer automatisch Meister ist oder die Saison angesichts noch acht ausstehender Spiele komplett annulliert wird. Aber zugleich ist auch die Frage, wie die Uefa mit dem Abbruch umgeht und ob das für den niederländischen Fußball Konsequenzen fürs kommende Europapokaljahr haben wird.

Das Thema kam erstmals auf, als vor zwei Wochen die belgische Liga einen Abbruch ihrer Saison vorschlug. Damals gab es einen Aufschrei - und einen geharnischten Brief, den die Spitzen der Uefa, des europäischen Klubverbandes ECA und der Ligenvereinigung European Leagues gemeinsam signierten. "Es ist von größter Bedeutung, dass ein disruptives Ereignis wie diese Pandemie unsere Wettbewerbe nicht daran hindert, auf dem Feld entschieden zu werden", hieß es darin - und beinhaltete auch eine Drohung: "Die Uefa behält sich das Recht vor, die Zulassung von Klubs zu den Uefa-Vereinswettbewerben 2020/21 (...) zu prüfen." In einem ZDF-Interview wurde Uefa-Präsident Aleksander Ceferin noch deutlicher: "Die Belgier und andere, die jetzt vielleicht darüber nachdenken, riskieren ihre Teilnahme am Europapokal in der nächsten Saison."

Auch vor diesem Hintergrund gibt es in Belgien bisher noch keinen formalen Beschluss, dass die Saison beendet ist. Der Entscheid ist nun auf den kommenden Montag terminiert. Zugleich gibt es in anderen Ligen, die mit Blick auf Niveau und Bedeutung hinter den Top fünf England, Spanien, Deutschland, Italien und Frankreich kommen, Gedankenspiele, die Saison vorzeitig abzubrechen. Entsprechend bedeutsam ist die definitive Positionierung der Uefa für viele Länder. Und inzwischen klingt der Ton deutlich milder.

Zu Wochenbeginn schalteten sich die Generalsekretäre der Uefa-Mitglieder und die Zentrale in Nyon zusammen. Danach hieß es in einem Statement zwar weiter, es sei "eindringlich empfohlen" worden, die nationalen Meisterschaften der höchsten Spielklasse und die Pokalwettbewerbe bis 3. August abzuschließen. Aber es müsse "möglicherweise mit einigen Sonderfällen gerechnet werden". Die Uefa erarbeite gerade Richtlinien für die Teilnahme an ihren Klubwettbewerben, um ihre Mitglieder im Falle abgesagter Meisterschaften oder Pokalwettbewerbe zu unterstützen. Auf Anfrage zum Umgang mit der Entwicklung in den Niederlanden wiederholt sie das nur und verweist auf die Vorstandssitzung am Donnerstag. Klar ist: Hat der Abbruch der Eredivisie keine negativen Konsequenzen, dürften andere Ligen folgen.

Grundsätzlich ist der Abbruch im Sinne der niederländischen Klubs

Dabei zeigt die Situation in den Niederlanden exemplarisch, wie schwer es sein wird, die Europapokal-Teilnehmer zu bestimmen. Ajax und Alkmaar wären als Erster und Zweiter zwar sicher in der Champions-League-Qualifikation, Feyenoord Rotterdam und PSV Eindhoven als Dritter und Vierter in der Europa League. Aber ob Willem II (Fünfter) oder Utrecht (mit einem Spiel weniger Sechster und Pokalfinalist) das letzte Ticket bekämen, ist die Frage.

Grundsätzlich aber ist der Abbruch im Sinne der niederländischen Klubs. Sie hatten schon länger einen Stopp gefordert. Die finanzielle Situation der Klubs, die zum Beispiel in Deutschland das zentrale Argument ist, warum es unbedingt weitergehen muss, spielt in den Niederlanden eine geringere Rolle. Die Fernsehgelder des Senders Fox dort sind für zwölf Jahre fix - unabhängig davon, ob gespielt wird oder nicht.

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SZ vom 23.04.2020/schm
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