Süddeutsche Zeitung

Nationalmannschaft:"Wo er hinkommt, fliegen ihm die Herzen zu - zu Recht"

  • Mit Lukas Podolski verlässt der bestgelaunte Fußballer Deutschlands die Nationalelf.
  • Bundestrainer Joachim Löw schätzte ihn als Fußballer, vor allem aber auch als Persönlichkeit.
  • Im Umgang mit den Medien lieferte der Kölner oft glänzende Momente.

Von Philipp Selldorf, Dortmund

Am Tag nach seinem DFB- Abschiedsspiel, das hat Lukas Podolski bereits angekündigt, werde er nach Köln fahren - "natürlich". Selbstverständlich, wohin sonst? Erstaunlich ist lediglich, dass der Stürmer die Nacht noch in Dortmund zu verbringen gedenkt und nicht gleich nach dem Abpfiff seines 130. und letzten Länderspiels in gewohnt rasanter Fahrt heimkehrt ins Rheinland. Schließlich hat sich Podolski, 31, auserbeten, dass man im Hotel "irgendwas aufbaut" für ihn.

"Ich bin einer, der die großen Reden und Verabschiedungen nicht so mag", hat er am Dienstag in Dortmund erklärt, als er seine letzte offizielle Pressekonferenz als Nationalspieler gab. Dass ihm Bundestrainer Jogi Löw beim Testspiel gegen England die Kapitänsbinde anvertrauen wird, das freut ihn allerdings schon, sogar ganz gewaltig freut es ihn. Als Löw diese Geste der Verbundenheit bekannt machte, erlebte man "Poldi" für einen Moment auf unübliche Art: überwältigt und ein bisschen verlegen.

"Mehr geht nicht", sagte er dann, "da kann man nur Danke sagen."

Wenn alte Helden abtreten, sind große Worte über ihr Werk ganz gewöhnlich. Bei Lukas Podolski fällt es jedoch nicht ganz so leicht, die Lebensleistung als Nationalspieler durch die Würdigungen seiner besten Einsätze zu beschreiben. Zum Sportlichen müsse man nicht viel sagen, "Lukas' Spielweise ist einmalig", teilte der Bundestrainer mit und zog sich damit geschickt aus der Affäre. Es besteht zwar kein Zweifel daran, dass er den Fußballer Podolski immer hochgeschätzt hat.

Aber noch mehr hat er den Menschen Podolski und dessen charakterliche Einmaligkeit geschätzt: "Wo er hinkommt, fliegen ihm die Herzen zu - zu Recht", sagte Löw. Weshalb er dem Abend in Dortmund mit gemischten Gefühlen entgegensieht. Sicherlich werde es in "absolut angemessenem Rahmen" sehr schön werden, "aber für mich ist es auch ein trauriger Tag". Ein Tag der unwiderruflichen Trennung, nach mehr als zwölf gemeinsamen Jahren im DFB-Dienst.

An der WM 2014 und EM 2016 nahm Podolski dank Löws Sondergenehmigung teil

Als Fußballer war Podolski schon lange vor der triumphalen Nacht von Rio Weltmeister: Trainingsweltmeister. So mitreißend und hingebungsvoll wie Podolski trainierte in all den Jahren bei der Nationalmannschaft kaum einer, nicht mal Thomas Hitzlsperger. Manchmal entstand der Eindruck, dass er vor allem wegen seiner Qualitäten als Trainingspartner eingeladen wurde. Seine Wirkung im Wettkampf ließ dagegen über die Jahre nach.

An der WM 2014 und an der EM 2016 nahm er nur noch dank einer Sondergenehmigung des Bundestrainers teil. Bereut hat Jogi Löw das nicht, obwohl sein Schützling in beiden Turnieren kein komplettes Spiel mehr bestritt. Es gebe auch andere, die mal einen Spaß und gute Stimmung machten, stellte Löw jetzt fest, aber Podolski sei einfach unersetzlich.

Das Geheimnis von Podolskis Späßen bestand oft auch darin, dass sie gar nicht spaßig gemeint waren. "Herr Podolski", sprach ihn 2006 nach einem Länderspiel in Bratislava ein Reporter an, "Sie haben eine blutige Lippe. Was ist da passiert?" Podolski: "Gegenspieler." - "Haben Sie das im Spiel gemerkt?" Podolski: "Ja." - "Hat es wehgetan?" Podolski: "War mir egal." Danke für das Gespräch.

Gelegentlich verhedderte er sich

Das fachkundige Sezieren von Fußballspielen wurde mit Podolski zu einem nationalen Vergnügen. Einmal hatte er gegen Südafrika drei Tore geschossen. "Ja klar", resümierte er anschließend auf dem DFB-Podium, "wir haben 4:2 gewonnen, ich hab drei Tore gemacht, da bin ich zufrieden." Normalerweise erzeugt so eine Antwort Verdruss und Gähnen, bei ihm wurde es als eine Form von Folklore verstanden, die Belustigung und Dankbarkeit hervorrief. Medienhistoriker könnten heutzutage auf die Idee kommen, dass Podolski mit seinen Antworten auf die immer gleichen Fragen vorsätzlich das Affentheater karikierte, das der Fußball durch die permanente Medienbelagerung zu bieten hat.

Gelegentlich verhedderte er sich aber auch selbst in den Sprechblasen des Metiers. Am Dienstag wurde Podolski nach Beispielen für besondere Augenblicke im Nationalteam befragt. Seine köstliche Antwort lautete: "Ich will keinen Moment herauspicken - das wäre unfair gegenüber den anderen Momenten."

Niemand aus dem Stab des Nationalteams vergisst den Hinweis, dass es der größte Fehler wäre, Podolski zu unterschätzen, und dass es ebenfalls eine riesengroße Ungerechtigkeit wäre, ihn auf die Rolle des Kaspers und Unterhaltungskünstlers zu reduzieren. Auch die klassischen Eigenarten eines Kölners erfüllt Podolski nur partiell. Entgegen der kölschen Eigenart, Termin-Verabredungen mit großzügigen Spielräumen zu eigenen Gunsten auszustatten, ist Podolski nicht nur für seine Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit bekannt, beim DFB wird ihm sogar Überpünktlichkeit nachgesagt. Die mediterrane Lebensart der Kölner entspricht nicht seiner zielbewussten Natur.

Zwei andere Prinzipien des Kölner-Seins erfüllt er ebenso wenig: weder spricht er Kölsch noch trinkt er Kölsch. Trotzdem ist an seiner Liebe zur Quasi-Heimatstadt (geboren wurde er in Polen, aufgewachsen ist er im Kölner Umland) selbstredend nicht zu zweifeln. Über sein Engagement in Japan bei Vissel Kobe wollte er am Dienstag nicht reden, "aus Respekt vor meinem Klub", Galatasaray Istanbul, aber über das wichtigste Gepäckstück hat er bereits gesprochen. Eine große Köln-Fahne werde er auf jeden Fall dabeihaben, hat er versichert. Die Familie kommt übrigens auch mit nach Fernost.

Mancher Kölner wird ihm zuliebe auch zum DFB-Abschied nach Dortmund kommen. Ohnehin hatte die Poldi-Begeisterung bereits in frühen Jahren die Grenzen seines rheinischen Sprengels verlassen, schon beim Confed-Cup 2005 jubelte man ihm in Nürnberg oder Leipzig wie einem Befreier zu. Beim nächsten Confed-Cup im Sommer 2017 wird Jogi Löw ihn dringend vermissen.

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SZ vom 22.03.2017/jbe
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