Süddeutsche Zeitung

Mitgliederversammlung von 1860 München:Hütchenspieler in der Hitze

  • 1860-Präsident Schneider gibt bekannt, dass Sportchef Poschner nur noch drei Monate auf Bewährung arbeitet.
  • Die Nachricht lenkt davon ab, dass sich sonst kaum etwas geändert hat.

Von Markus Schäflein und Philipp Schneider

Gerhard Poschner war nicht anwesend, er weilte ja im schönen Tirol im Trainingslager; im Mittelpunkt der achtstündigen Mitgliederversammlung des Fußball-Zweitligisten TSV 1860 München stand er dennoch, der Sport-Geschäftsführer, der zwei Tage vor der Veranstaltung zum Sportdirektor herabgestuft worden war. Übergangspräsident Siegfried Schneider startete den Sonntag mit scharfer Kritik an Poschner, den die Vereinsseite entlassen hätte, der aber Unterstützung von Investor Hasan Ismaik genoss.

Schneider bezichtigte Poschner erneut der Lüge: Mit der Aussage, das Präsidium habe die Verpflichtung neuer Spieler blockiert, habe Poschner "versucht, Politik zu machen", sagte er: "Das ist nicht loyal, nicht professionell und seinem Angestelltenvertrag nach nicht akzeptabel."

Etwa 1,5 Millionen Euro stünden gemäß dem bei der Lizenzierung eingereichten Budget für Transfers zur Verfügung. "Das ist nicht die Welt", sagte Schneider, "aber andere Zweitligisten schaffen es auch, Spieler ohne Ablöse zu bekommen." Poschner habe "versucht, von seinen eigenen Fehlern abzulenken und sie anderen in die Schuhe zu schieben". Karl-Christian Bay, Schneiders Kollege im Übergangspräsidium, nannte darauf sogar eine Summe von zwei Millionen Euro, die Poschner zur Verfügung stünden für Ablöse und Gehalt aller neuen Profis.

Wer gedacht hatte, dass es Schneider nach der umstrittenen Beförderung des Investoren-Vertreters Noor Basha zum Sport-Geschäftsführer nötig haben würde, ein weißes Kaninchen aus dem Hut zu ziehen, um die Mitglieder in der schwülheißen Tonhalle auf seine Seite zu ziehen, der sah sich aber getäuscht. Schneider ist kein Zauberer. Er ist Politiker. Also sagte er einfach das, was zu sagen war. Und eine deutliche Kritik an Poschner und eine weitere Einschränkung genügte nach den Wochen des Durcheinanders. "Jetzt ergänze ich, was Sie noch nicht wissen", sprach Schneider feierlich: "Poschner ist Sportdirektor für die kommenden drei Monate. Das ist das Ergebnis aus Abu Dhabi."

Auf diesen Kompromiss also hätten sich die Vereinsvertreter mit Ismaik geeinigt. Die meisten Mitglieder waren begeistert, einer rief euphorisch: "Was in den letzten Tagen bewegt wurde, ist in den letzten zehn Jahren nicht passiert." Und was passiert dann nach drei Monaten mit Poschner, an dem doch ausgerechnet Basha in Treue festhielt? "Wir werden seine Arbeit beobachten, bewerten und die notwendigen Konsequenzen ziehen", versprach Schneider. Poschner werde danach nur weiterbeschäftigt, wenn dies sowohl der Verein als auch der Investor wollen: "Ich warne davor, an dieser Person die Kraftprobe zu machen. Diese Frage, wer den Stecker ziehen kann, muss raus bei 1860."

Lacher für Schneider

Andererseits entsprach ja die Frage nach einem Steckerzug bei Poschner der Sehnsucht so vieler Mitglieder. Doch er wird bleiben, Bewährungsfrist hin oder her. Schneider mag kein Magier sein, aber das Hütchenspiel beherrscht er dann schon. Er hat die Protagonisten der KGaA einfach so lange durcheinander gewirbelt, bis der Eindruck entstanden war, da wehe ein ordentlich frischer Wind. Am Ende sind dann die Vertrauten Poschner und Basha an fast denselben Stellen wieder gelandet.

Einer kleinen Revolution entsprach immerhin der Fakt, dass der kaufmännische Geschäftsführer Markus Rejek fortan der Vorgesetzte von Poschner ist. Die beiden, die sich dem Vernehmen nach längst überworfen haben, waren zuvor gleichgestellt. Dass er als Marketingexperte zuständig sein soll für die Kaderzusammenstellung, verwundert Rejek offenbar. "Ich bin per se nicht derjenige, der hier mit sportlicher Kompetenz angetreten ist", sagte er.

"Ich weiß, viele von Ihnen hätten lieber eine sofortige Trennung von Poschner gehabt", sagte Schneider unter tosendem Applaus. Als er ergänzte, sein Vizepräsident Bay habe aber "den Umständen entsprechend ein außergewöhnlich gutes Ergebnis erzielt", hatte er die Lacher auf seiner Seite. Dass Basha künftig gemeinsam mit Rejek die Geschäftsführung im Bereich Sport übernehmen soll, wurde von den Mitgliedern mit lautstarken Buhrufen quittiert. Schneider erklärte den Hintergedanken der Beförderung Bashas: "Mir ist es schon lieber, dass er eingebunden und in Verantwortung ist. Und nicht über Facebook, Twitter oder sonst was kommuniziert." Riesenlacher.

Schneider springt Basha zur Seite

Poschner ereilte die Nachricht im Trainingslager in Bad Häring. "Es gibt jeden Tag neue Überraschungen, die ich zur Kenntnis nehme", sagte er, "ich habe es interessiert verfolgt." Nach außen hin gab sich Poschner gelassen: "Jeder Arbeitnehmer steht tagtäglich unter Beobachtung, und es ändert sich ja nicht wirklich was." Nach Überlegungen, verärgert hinzuwerfen, klang das ganz und gar nicht - Poschner scheint festen Willens zu sein, die bizarre Situation auszusitzen, so lange es geht. In der Aussprache warf ein Mitglied zu Recht die Frage auf, welcher Spieler oder Berater noch mit der "Lame Duck" Poschner in Verhandlungen treten wolle.

Bay versuchte, den Mitgliedern die Perspektive Ismaiks zu vermitteln: "Tatsache ist, dass Hasan Ismaik über 40 Millionen Euro in den Verein investiert hat und dafür keinerlei Rendite erhalten hat." Und auch für Basha bat er um Verständnis: "Er hat die Geschäftsführung von HI Squared (ehemaliger Vermarkter, d. Red) im Interesse aller, auch des Vereins, abgegeben. Dadurch kam er in eine mehr als komplexe Situation, auch für ihn persönlich." Und man solle das doch bitte schön auch mal so sehen: Basha unterliege als Geschäftsführer künftig den Weisungen der Geschäftsführungs-GmbH, an der der Verein 100 Prozent hält, und des Beirats.

In jenem Beirat wird es Veränderungen geben, denn weil Ismaik nie in München weilte, entschied das Gremium zuletzt nur noch über Umlaufbeschlüsse per Email. "Die Positionen des Mitgesellschafters im Beirat werden durch zwei neue Mitglieder aus Deutschland besetzt", erklärte Bay, "dadurch erwarten uns für die Zukunft erhebliche Fortschritte bei der Zusammenarbeit in den Gremien. Das Ziel ist, dass dort gearbeitet und keine Politik gemacht wird." Einer der neuen Vertrauensleute Ismaiks sei "ein deutscher, erfahrener Vorstand eines Großunternehmens. Diese Person haben wir in Abu Dhabi abgestimmt".

Ein Mitglied forderte bei der Aussprache eine Rede von Basha; er solle erklären, weshalb er an Poschner festhalte und weshalb er getwittert habe, er könne irgendjemand, und warum auch immer, binnen einer Sekunde vernichten. Basha erschien nicht auf der Bühne, um eine Antwort zu geben. Dafür sprang Schneider ihm zur Seite, bügelte die Anfrage mit dem Hinweis ab, die Antwort werde schriftlich zugestellt.

Es war beileibe nicht so, dass Basha die argumentative Konfrontation gescheut hätte. Zumindest draußen vor der Tür redete er eine Weile mit Fans, die von ihm offenbar Antworten auf dieselben Fragen verlangten. Denkbar auch, dass der eine oder andere Anhänger dabei war, der sich erkundigte, weshalb Basha glaubt, dass er das nötige Fachwissen mitbringe, um sein Geld als Sport-Geschäftsführer zu verdienen. Die Debatte wurde hitzig, Basha zog davon.

Dass es zu Bashas Beförderung keine Alternative gebe, machte dann Schneider klar. "Es wäre fatal für den Verein, gegen Hasan Ismaik zu arbeiten. Und diese Wahrheit müssen wir akzeptieren", sagte Schneider: "Es war zwingend notwendig, eine Lösung mit ihm gemeinsam zu finden. Zumindest für diese Saison." Zur Frage, weshalb es trotz eines Angebots für dessen Anteile nicht gelungen sei, die Zusammenarbeit mit Ismaik zu beenden, erklärte Bay: "Es gab eine sehr deutliche Rückmeldung, dass die finanzielle Größenordnung nicht attraktiv genug war."

Was bedeutete: Bei einem passenden Angebot würde Ismaik durchaus verkaufen. Und das fetteste Kaninchen, das bei Sechzig je aus dem Hut gezogen werden könnte, wäre nach wie vor ein Anteilsverkauf.

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SZ vom 13.07.2015/ska
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