Süddeutsche Zeitung

Leichtathletik:Rückenwind auf dem Weg zur EM

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Deutsche Rekorde, Topathleten als Hilfspersonal, ein unfreiwilliges Rahmenprogramm: Das Regensburger Leichtathletik-Meeting zeigt wieder einmal, wie man sich als Fixpunkt in der Allgemeinsportnische hält - trotz wachsender Schwierigkeiten.

Von Johannes Knuth, Regensburg

Soll keiner sagen, es mangele beim Regensburger Leichtathletik-Meeting am Rahmenprogramm. "Das war wie die Prozession an Fronleichnam", scherzte Kurt Ring, der Meeting-Chef der Regensburger Sparkassen-Gala am vergangenen Wochenende. Das stimmte zum einen nicht ganz, weil Rings kleines Leichtathletikfest diesmal auf das Pfingstwochenende fiel, andererseits sah das schon sehr einträchtig aus: Wie die Wettkampfleitung am Samstag immer wieder Athleten von einem Ende der Bahn zum anderen scheuchte, auf dass ihnen vom Start dort der Rückenwind ins Kreuz drücken möge, sie zu Bestzeiten und Normen für kommende Großereignisse trage. Amen.

Allein an ihrer Rückenwindgarantie, wie sie das in Regensburg nennen, lag es diesmal aber auch nicht, dass die Athleten wieder die Besten- und sogar Rekordlisten verzierten. Die 4x100-Meter-Staffel des Nationalkaders erschuf in 37,99 Sekunden einen nationalen Rekord; dabei führt es die Staffel einmal um die Bahn herum und damit in alle Himmelsrichtungen. Auch die 400-Meter-Läufer waren stark, der Chemnitzer Marvin Schlegel stellte in 45,80 Sekunden seine Bestleistung ein, vor dem Dortmunder Manuel Sanders (45,99). Und über die 100 Meter blies der Wind so marginal, dass er ohnehin kaum half. Der 21-jährige Owen Ansah (Hamburger SV) schaffte auch so 10,08 Sekunden und unterbot nebenbei die 33 Jahre alte deutsche Juniorenbestmarke von Sven Matthes, Julian Wagner (Topteam Thüringen) reichte 10,12 Sekunden ein, Gina Lückenkemper (SSC Berlin) 11,21. Allesamt Werte, die zur Durchfahrt für die EM im August in München berechtigten.

Wie machen sie das also in Regensburg, dass sie am Ende doch wieder herausstechen in der großen See der Pfingstmeetings, Galas und Diamantenwettkämpfe?

"Weil wir offenbar eine magische Bahn haben", sagt Ring amüsiert, vielleicht auch ein wenig beseelt vom Heiligen Pfingstgeist. Oder ins Weltliche übersetzt: Der Kopf sprintet mit, und wer an einem Ort einmal flott unterwegs war, kehrt dorthin selten in schlechter Stimmung zurück. Und jenseits aller Metaphysik: Da lassen sie in Regensburg ihr bescheidenes Budget, laut Ring ein niedriger fünfstelliger Betrag, vor allem den Sportlern zufließen. Es ist schon extravagant, wenn sie, wie vor ein paar Jahren, im Innenraum einen kleinen Biergarten aufbauen, in dem ein Moderator die Ehrengäste nach ihren Bestleistungen aushorcht. Lieber garantieren sie Rückenwind oder sorgen dafür, dass an zwei Wettkampftagen alle Vor-, Neben- und Endläufe dieser komplizierten Sportart ineinanderfließen.

Die besten Regensburger Athleten bauen die Hürden auf oder schaufeln den Regen von der Laufbahn

Nicht selten sind es ihre eigenen EM- und Olympiastarter, die die Hürden aufbauen oder den Regen von der Bahn schaufeln, wenn ein Gewitter die Veranstaltung wegzuschwemmen droht. "Wir müssen in Zukunft wohl sogar so weit gehen, dass wir unsere guten Leute ganz rausnehmen und arbeiten lassen", sagte Ring nun, "weil wir einfach zu wenige Helfer haben." 60 Freiwillige an zwei Tagen waren es diesmal, viel zu wenige, eigentlich. Viele, so Ring, machten es "aus Liebe zum Team". Ein Individualsport als Gemeinschaftserlebnis, das ist immer leicht gesagt und schwer mit Leben gefüllt.

Ring wäre allerdings nicht Ring, würde er das eigene Geschäftsmodell nicht kritisch durchleuchten. Antrittsgelder müssen sie kaum berappen, da leben sie von ihrem guten Ruf. Aber sie spüren natürlich, wie das Leben immer teurer wird: Allein die Absperrgitter für die Rundbahn kosteten früher 800 Euro, so Ring, mittlerweile zahle man für die Hälfte fast drei Mal so viel. Die Pandemie habe das Organisieren auch nicht erleichtert - wie plant man ein Meeting in ein paar Monaten, wenn man nicht einmal weiß, was in zwei Wochen ist? Er spüre aber auch, sagte Ring, dass die Zuschauer das, was noch da sei, mehr schätzten. Die große, dunkle Steintribüne des Regensburger Uni-Stadions war am Samstag fast durchweg besetzt, auch das war nicht immer selbstverständlich.

Geht es nach Ring, könnte man an einem Baustein des Erfolgs künftig ganz sparen: "Man tut den Sprintern nicht unbedingt einen Gefallen, wenn man sie so verwöhnt", findet er; wenn man sie so laufen lässt, dass der Rückenwind sie garantiert anschiebt. Bei den großen Wettkämpfen müssen sie ja alle Launen der Natur aushalten. Überhaupt sei das ein Fehler der deutschen Leichtathletik, seit Jahren schon: "Es geht bloß um Normen und Rekorde", findet Ring. "Wir machen keine echten Rennen mehr, in denen Platz eins bis drei etwas zählt." Er hätte nichts gegen eine Art Deutschland-Cup, vier oder fünf Meetings, die gleiche Besetzung, die um die Qualifikation für die nationalen Meisterschaften buhlt, als Appetitanreger für den Hochsommer. Oft angedacht und gefordert, bislang ohne Erfolg.

Und sollte es irgendwann doch etwas werden: In Regensburg wären sie bestimmt nicht abgeneigt.

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