Süddeutsche Zeitung

Schalke 04:Kramer empfangen die Zweifel

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Wiedersehen am Traditionstheater Gelsenkirchen: Der neue Trainer Frank Kramer trifft bei Schalke 04 auf alte Weggefährten und ein skeptisches Umfeld. Dass er selbst vielen nur als "kleine Lösung" gilt, nimmt er demonstrativ unbeschwert zur Kenntnis.

Von Philipp Selldorf

Mike Büskens war körperlich nicht anwesend, als Schirmherr der Veranstaltung aber stets gegenwärtig. Eigentlich hatte Schalke 04 zur Vorstellung des neuen Cheftrainers Frank Kramer eingeladen, doch bevor jener seine Vorstellungen ausbreiten durfte, musste er erstmal darlegen, wie er es mit seinem Vorgänger halten würde. Formell ist Mike Büskens ab sofort ein untergeordneter Mitarbeiter in Kramers Trainerstab, als zuständiger Urheber des Bundesligaaufstiegs gebührt ihm allerdings ein Kult-Status, und er ist nur deshalb noch nicht heiliggesprochen worden, weil Papst Franziskus - anders als sein historischer Vorgänger Johannes Paul II - bisher keinen Mitgliedsantrag bei den Knappen unterzeichnet hat.

Büskens, immer wieder Büskens, hieß es deshalb auf der Pressekonferenz am Dienstagnachmittag. Wie wird der neue Trainer mit dem alten Helden umgehen, der nach dem vollbrachten Aufstieg verabredungsgemäß in seinen alten Job als Assistenztrainer zurückgekehrt ist? "Der persönliche menschliche Zugang zu Mike ist super, da passt kein Blatt dazwischen", beruhigte Frank Kramer die Skeptiker.

Es trifft sich gut, dass der deutsche Profifußball eine kleine Welt ist, wo jeder schon mal jedem über den Weg gelaufen ist. Kramer und Büskens etwa verbindet der Umstand, dass beide schon mal der Nachfolger des Anderen waren. Kramer ersetzte 2013 Büskens bei der SpVgg Greuther Fürth, Büskens trat zwei Jahre darauf dort wieder an Kramers Stelle. Andere Beteiligte damals im Frankenland waren: Gerald Asamoah in seinen letzten Profi-Tagen und Rouven Schröder als sportlicher Leiter in Fürth.

Nun sind sie allesamt am Traditionstheater in Gelsenkirchen wieder vereint, und die Bestellung Kramers zum Cheftrainer nach fast dreimonatiger Kandidaten-Lese wirkt beinahe wie ein konzeptioneller Entwurf. Sportdirektor Schröder, 47, stellte das Engagement seines geschätzten Bekannten in einen vereinsphilosophischen Zusammenhang: "Die Gemeinschaft hat uns im vergangenen Jahr stark gemacht", sagte er, und Kramer werde als erklärter "Teamplayer" eben diesem Leitmotiv entsprechen: "Er ist einer, der die Gruppe anführt, der aber auch - ganz wichtig - Dinge zulässt. Wir setzen auf unsere Mitarbeiter - und haben jetzt dazu einen Kopf gefunden", erklärte Schröder.

"Billig-Kramer"? Solche Schlagzeilen machen ihn nicht nervös, sagt der neue Coach: "Das spornt mich an."

Er bestätigte, auch andere Anwärter kontaktiert zu haben. Was er hingegen im Dunkeln beließ: Ob jene Anwärter am Ende lieber andere Angebote angenommen hatten, die womöglich besser dotiert sind und weniger gefahrenreich als der Job beim finanziell beschränkten Aufsteiger. Sportvorstand Peter Knäbel verwies vielsagend darauf, Schalke habe sich auf "einem dynamischen Markt" bewegen müssen.

Die Bild-Zeitung empfing den neuen Chefcoach mit der wenig charmanten Anrede "Billig-Kramer" und legte damit nahe, der Verein habe vor allem eine kostengünstige Lösung gewählt. Das Boulevardblatt ist aber nicht der einzige Zweifler in der Gemeinde. Kramers Biographie ist von kleineren Adressen und weniger prominenten Tätigkeiten geprägt, Schalke 04 ragt da wie ein Abenteuer hervor. Er hat zwar schon beim FC Bayern gespielt, aber lediglich beim Amateurteam; er war schon Nationaltrainer, aber lediglich bei den DFB-Junioren, und beinahe wäre er Assistent von Weltmeister Jogi Löw geworden, doch dann bekam Thomas Schneider den Posten.

Zuletzt musste Kramer nach einem gemischt erfolgreichen Engagement Arminia Bielefeld verlassen. Mit Argwohn begrüßt zu werden, sei ihm "nicht unbekannt", sagte er und ließ recht glaubhaft Unbeschwertheit anklingen: "Das spornt mich an." Sich selbst beschreibt er als "ehrlich, umgänglich, offen", und so wird in der Szene auch über ihn gesprochen. Von Fußball versteht er viel, heißt es. "Ehrgeizig, empathisch, demütig", so charakterisiert ihn Rouven Schröder.

Der Auftrag an den neuen Trainer lautet Klassenerhalt, mehr als Platz 15 verlangt niemand von ihm. Kramer zählt dafür auch auf die Tore von Simon Terodde. Der Mittelstürmer, wie Büskens ein Mann mit Helden-Status, darf - anders als auf seinen Missionen mit den Aufsteigern Stuttgart und Köln - mit Unterstützung rechnen. "Es würde mich überraschen, wenn er nicht auch in der Bundesliga trifft", bekannte Kramer.

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