Süddeutsche Zeitung

Jérôme Boateng:Der Verbannte ist jetzt Stammspieler

Beim FC Bayern sind von vier Innenverteidigern plötzlich nur noch zwei fit - wegen der Verletzungen von Niklas Süle und Lucas Hernandez hat Jérôme Boateng wieder einen Startplatz.

Von Martin Schneider, Piräus

Das Unglück des FC Bayern zeigte sich an den Badelatschen. Lucas Hernandez hatte sich keine Sportschuhe mehr angezogen, richtig auftreten konnte er sowieso nicht mehr. Er schob sich weit nach Mitternacht auf zwei blauen Krücken gestützt zum Mannschaftsbus, den Blick nach unten gerichtet. Vereinsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, so sagte es Sportdirektor Hasan Salihamidzic, hatte da im Stadion schon die erste Diagnose gestellt. Bandverletzung im Knöchel, mehrere Wochen Pause. Im Laufe des Mittwochs hieß es konkreter: Teilruptur des Innenbandes am rechten Sprunggelenk, es muss operiert werden. Wie lange Hernandez ausfallen dürfte, ließen die Bayern offen.

Derjenige, auf den sie nun hoffen beim FC Bayern, trug derweil Kopfhörer. Jérôme Boateng, nach Hernandez' Verletzung gegen Piräus in der 59. Minute eingewechselt, ging mit Musik in den Ohren zum Bus. Reden wollte er nicht, aber das tut er nach Spielen sowieso nicht mehr, vor allem, seit Vereinspräsident Uli Hoeneß ihm "als Freund" bei der Meisterfeier empfahl, sich einen neuen Verein zu suchen. Der Verbannte wird nun einen Stammplatz bekommen, es geht nach der Verletzung von Hernandez und dem Kreuzbandriss von Niklas Süle gar nicht anders. Einen Tag, nachdem Hoeneß am Flughafen verkündet hatte, die Abwehr "stelle sich von alleine auf", stellt sich die Abwehr tatsächlich von alleine auf. Nur nicht so, wie der Präsident sich das vorgestellt hatte. Von vier Innenverteidigern sind zwei fit - neben Boateng noch Benjamin Pavard. Allerdings hat Boateng lange gar nicht gespielt und Pavard meist als Rechtsverteidiger - weil Joshua Kimmich ins defensive Mittelfeld gerückt ist.

Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll, all die neuen Abwehrprobleme aufzuzählen, die gerade zu den alten Abwehrproblemen hinzukommen. Der FC Bayern hat zunächst einmal noch immer Probleme mit dem französischen Verband. Der hatte Hernandez zuletzt im Länderspiel eingesetzt, obwohl der FC Bayern öffentlich davon abgeraten hatte. "Ich bin immer noch ein Stück weit verärgert", sagte Salihamidzic in Piräus. Eine Mitschuld an den Umständen der Verletzung wollte er dem französischen Verband ausdrücklich nicht geben, aber erwähnen wollte er den Sachverhalt trotzdem. Er erörterte allerdings nicht, warum der FC Bayern Hernandez selbst gegen Augsburg aufstellte, wenn die Belastung offenbar ein Problem war.

Die größte Unbekannte ist Boateng selbst. Vor Kurzem flog er übers Wochenende nach New York, um an einer Buchpräsentation von Sängerin Rihanna teilzunehmen. Man kann sich ungefähr vorstellen, wie Uli Hoeneß reagiert, wenn er so etwas erfährt. Und Boateng war ja durchaus nicht abgeneigt, Hoeneß' Rat zu befolgen, ein Wechsel zu Juventus Turin im Sommer scheiterte dem Vernehmen nach nur an einem Last-Minute-Veto von Juve-Trainer Maurizio Sarri. Boateng wechselte unlängst den Berater, von Ex-Bayern-Manager Christian Nerlinger zu der Agentur "Lian Sports" - und wenn man den Verein nicht wechseln will, wechselt man normalerweise auch nicht den Berater. Dass der FC Bayern unter den nunmehr gegebenen Umständen Boateng ziehen lässt, ist aber nahezu ausgeschlossen. In dieser Saison kam er zu sechs Einsätzen - besonders schlecht spielte er nicht.

Neben ihm wird Benjamin Pavard spielen, der immer noch mit dem Niveau-Unterschied zwischen einer Abstiegssaison beim VfB Stuttgart und einer Champions-League-Saison beim FC Bayern zu kämpfen hat. Das ist auf der einen Seite verständlich. Auf der anderen Seite sollte er ja auch Niklas Süle und Lucas Hernandez neben sich haben, damit ihm die Einarbeitungszeit erleichtert würde.

Diese Hilfe hat er nun nicht mehr. Er kämpft aber auch wie Kimmich mit den ständigen Positionswechseln, meist spielte er Rechtsverteidiger. Das macht nun wieder Kimmich, der viele Partien im defensiven Mittelfeld agiert hat. Gegen Piräus erwischte er prompt eines seiner schwächsten Spiele im Bayern-Trikot, stand in einem wilden Duell sehr offensiv und verlor zu viele Zweikämpfe. David Alaba, als letzter und tatsächlich mittlerweile erfahrenster Teil der Viererkette, kommt gerade selbst aus einer langen Verletzungspause.

Sollte ein Viertel der Viererkette ausfallen, gäbe es nur noch die Option, Javi Martinez als Innenverteidiger aufzustellen - wobei dann die Absicherung im Mittelfeld fehlen würde. Oder Lars Lukas Mai müsste spielen. Mai ist 19, Innenverteidiger aus der eigenen Jugend, und es gibt viele, die ihm großes Talent attestieren. Manuel Baum, aktueller Trainer der deutschen U20-Nationalmannschaft sagte kürzlich, die Chance, dass Mai dem FC Bayern weiterhelfen könne, sei nicht so gering.

Die neu zusammengesetzte Verteidigung soll nun jedenfalls die für einen Spitzenklub wie den FC Bayern horrende Serie von fünf Spielen mit jeweils zwei Gegentoren beenden; es trafen etwa der SC Paderborn, 1899 Hoffenheim und der FC Augsburg zweimal. Und dies ausgerechnet unter Trainer Niko Kovac, der vor jedem Spiel den Wert der Defensive preist. Zum Vergleich: In der Saison 2014/15 kassierten die Münchner in der gesamten Hinrunde nur vier Gegentreffer.

Natürlich hängt im Fußball alles mit allem zusammen, natürlich beginnt Abwehr ganz vorne und natürlich braucht eine Mannschaft vor allem ein stimmiges Gesamtkonzept. Aber eine Viererkette ist eben ein besonders sensibler Abstimmungsteil. David Alaba hatte vor dem Spiel in Piräus den Wunsch geäußert, sich in den nächsten Wochen mit der gleichen Viererkette einspielen zu dürfen. Der Wunsch erübrigte sich etwas mehr als 24 Stunden später.

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Quelle:
SZ vom 24.10.2019
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