Süddeutsche Zeitung

Hamburger SV:Die Katastrophe tritt ein

  • Der Hamburger SV und der SC Paderborn kommen aus unterschiedlichen Galaxien - trotzdem besiegten die Paderborner den HSV mit 4:1.
  • Schon vor dem letzten Saisonspiel ist damit klar: Der Hamburger SV wird eine weitere Saison in der 2. Liga verharren müssen.

Am Sonntag war bei der Familie Baumgart der Hausfrieden in Gefahr. Schuld war die verzwickte Konstellation in der Tabellenspitze der zweiten Liga. Steffen Baumgart ist Trainer des SC Paderborn, seine Frau Katja arbeitet im Fanshop von Union Berlin. Beide Klubs kämpfen derzeit um den Aufstieg in die Bundesliga.

Als heimstärkste Mannschaften der zweiten Liga lieferten sie sich am Sonntag ein Fernduell, aber sie gewannen sozusagen Seite an Seite und provozierten folglich auch keinerlei familiäre Trübsal. Während Union Berlin den 1. FC Magdeburg mit 3:0 besiegte, schlug der SC Paderborn den Hamburger SV sogar mit 4:1. Das weckte Glücksgefühle bei den Baumgarts, aber für den Hamburger SV bleibt der Wunsch des Wiederaufstiegs unerfüllt.

Für Paderborn und Berlin geht es am finalen Spieltag noch darum, wer direkt aufsteigt und wer in die Relegation gegen den VfB Stuttgart muss. Union spielt am nächsten Sonntag in Bochum, Paderborn in Dresden. Baumgart hat aber sowieso keine Angst vor einem Familienzwist. "Meine Frau", sagt er, "hängt mehr an mir als an Union." Großer Verlierer im Aufstiegskampf ist der Hamburger SV. Für dessen Trainer Hannes Wolf geht es nun um den Job, ihm droht die Entlassung. "Die letzten Wochen waren bitter, und es tut mir leid für alle Fans und alle Mitarbeiter vom HSV", sagte Wolf nach dem Spiel deprimiert. Das klang nach Abschied. Über den miserablen Fußball des HSV gibt es keine zwei Meinungen. "Wir haben leider jegliche Stabilität verloren", sagte Hamburgs Torschütze zum zwischenzeitlichen 1:2, Rick van Drongelen, über die Blamage am Sonntag. Diese Aussage ließ sich aber auf die ganze Rückrunde übertragen. "Dieses Spiel war ein Spiegelbild der vergangenen Wochen", sagte auch Wolf. Mit sieben sieglosen Ligaspielen nacheinander waren die Hamburger in Paderborn angetreten. Paderborn ist die beste Mannschaft der Rückrunde, der HSV eine der schlechtesten.

Dass Paderborn in der Tabelle vor dem HSV steht, ist unter monetären Gesichtspunkten ein Witz. Die Hamburger gaben in dieser Saison etwa 28 Millionen Euro an Gehältern für ihren Kader aus, die Paderborner gut sechs Millionen. Für eine so preiswerte Belegschaft ist beim SCP der Sportdirektor Markus Krösche verantwortlich, der ein solch gutes Auge für unentdeckte Talente hat, dass er ab der kommenden Saison vermutlich für RB Leipzig arbeitet. Vor einem Jahr hatte ihn der HSV verpflichten wollen, doch damals lebte Paderborns Fußball-Gönner Wilfried Finke noch und wollte Krösche, zu dem er ein väterliches Verhältnis pflegte, partout nicht abgeben. Finke ist im Januar gestorben. Er erlebt Paderborns neuerlichen Aufschwung nicht mehr mit.

Vor solch einem Szenario hat auch Hamburgs Fußballikone Uwe Seeler Angst. Er ist 82 Jahre alt und sagt: "Ich hoffe, dass ich den HSV noch mal in der Bundesliga sehe." Diesen Wunsch schienen die Hamburger ihrem Vereinshelden am Sonntag zunächst sogar erfüllen zu wollen. Sie gingen mit großer Körperlichkeit ins Spiel. Paderborn, das offensiv zweitstärkste Team der Liga hinter Spitzenreiter 1. FC Köln, wirkte zunächst angespannt. Die junge Truppe wusste sich des robusten Fußballs der Hamburger anfangs nur schlecht zu erwehren. Doch das 1:0 in der 25. Minute gab ihr Sicherheit. Sebastian Vasiliadis nutzte einen Torwart-Abpraller zum 1:0; Tom Mickel war für den verletzten Julian Pollersbeck in die HSV-Elf gerückt.

Nur eine einzige Saison, nämlich die gegenwärtige, hat Hamburg bisher nicht in der Bundesliga gespielt - nur eine einzige Saison hat der SC Paderborn in der Bundesliga gespielt: 2014/15. Die beiden Klubs kommen aus unterschiedlichen Galaxien, aber am Sonntag trafen sie sich auf demselben Platz. Für den HSV wurde das zu einer schmerzhaften Erfahrung. 21 Sekunden nach der Pause dribbelte sich Vasiliadis durch und schob den Ball zum vorentscheidenden 2:0 ins lange Eck.

In Hamburg muss Uwe Seeler nun noch mindestens ein Jahr länger auf die Rückkehr in die Bundesliga warten. In der 71. Minute verkürzte van Drongelen zwar auf 1:2, doch in der Schlussphase machte Christopher Antwi-Adjej mit dem 3:1 und dem 4:1 alles klar. Der Sportchef Krösche war selig. "Das Schlimmste, was uns jetzt noch passieren kann, ist die Relegation", sagte er. "Mindestens Platz drei ist sicher", freute sich auch Baumgart. "Wir werden in Dresden natürlich alles versuchen, um direkt nach oben zu gehen", sagte der Trainer, "aber es wird schwer." Mit dieser Einstellung haben sie sich in Paderborn durch die ganze Saison gefeiert. In Hamburg hingegen gab es keinen Plan B zum Aufstieg. Platz vier ist ein Drama für den Klub. Der Trainer Hannes Wolf saß nach dem Spiel mit aschfahlem Gesicht in der Pressekonferenz, und viel mehr als eine umfassende Entschuldigung brachte er auch nicht über die Lippen.

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SZ vom 13.05.2019/vit
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