Süddeutsche Zeitung

Hollands Sieg im Elfmeterschießen:Mätzchen eines Torwarts

Nie gewann die Niederlande bei einer WM im Elfmeterschießen. Vor dem Krimi gegen Costa Rica wechselt Trainer Louis van Gaal den Ersatztorwart Tim Krul ein. Der hält zwei Schüsse und führt das Team ins Halbfinale. Seine Gesten sind allerdings provokant.

Von Thomas Hummel, Rio den Janeiro

Tim Krul starrte in Richtung der Spieler von Costa Rica, er klopfte mit seinem Handschuh-Zeigefinger an die eigene Brust. Als die Schützen kamen, ging er ihnen mit erhobenem Oberkörper entgegen. Er fuchtelte mit der Hand und schrie: "Ich weiß, wohin du schießt. Ich weiß, wohin du schießt."

Der niederländische Torwart, laut Spielerbogen der Fifa 1,93 Meter groß, baute sich vor Celso Borges auf, anschließend vor Bryan Ruiz, er redete auf Giancarlo Gonzalez ein, auf Christian Bolanas und auf Michael Umana. Jedes Mal sprang der 26-jährige Torwart beim Elfmeterschießen in die richtige Ecke. Ob Krul es tatsächlich wusste, ob er nur großmäulig daherredete und Glück hatte? Die Strafstöße von Ruiz und Umana hielt er, die Niederlande stehen im Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft am Mittwoch gegen Argentinien.

Das Verhalten Kruls erregte Aufsehen. Die Öffentlichkeit und die Internetgemeinde fragten sich, ob das erlaubt sei, dass da ein Torwart die Spieler derart angehe. Schiedsrichter Ravshan Irmatov aus Usbekistan ahndete es jedenfalls nicht, nahm ihn nur einmal kurz zur Seite.

Später, als die Tränen weggeduscht waren, erklärten die Spieler aus Costa Rica einhellig, dass die Mätzchen des Torwarts dazu gehörten. Falls sie sich über das Verhalten Kruls geärgert hatten, zeigten sie es zumindest nicht. Oder sie waren einfach zu stolz auf das, was sie erreicht hatten. Schließlich war noch nie eine Auswahl aus dem mittelamerikanischen Land so knapp vor den Halbfinal-Einzug bei einer WM gestanden. "Der Traum ist zu Ende, aber die Legende dieser Mannschaft wird ewig leben", titelte die Zeitung La Nación.

So durften sich der niederländische Torwart und sein Trainer Louis van Gaal ungestört als Helden der Nacht feiern lassen. Denn ohne van Gaal wäre es niemals zu Kruls Taten gekommen.

Der hohe Favorit aus Europa hatte während der 120 Minuten plus Nachspielzeit etliche Chancen vergeben. Wesley Sneijder traf je einmal Pfosten und Latte, am Ende der regulären Spielzeit lenkte Yeltsin Tejeda einen Schuss von Robin van Persie kurios an die Latte. Über weite Strecken mutete dieses Viertelfinale wie ein Pokalspiel zwischen Bundesligist und Viertligist an, so sehr wurden die Mittelamerikaner eingeschnürt. Erst in der 117. Minute hatte Costa Rica den Sieg auf dem Fuß, als Marcos Urena an Jasper Cillessen scheiterte. Cillessen? So heißt der eigentliche Torwart der Niederlande. Doch Louis van Gaal beorderte seine Nummer eins vom Feld.

Es lief die 120. Minute in der Arena Fonte Nova in Salvador. Da leuchtete unten die Eins auf und wer daran dachte, dass hier womöglich noch eine Minute nachgespielt werden würde, der musste sich über die Zahl 23 daneben wundern. Doch es war keineswegs das Zeichen für die Nachspielzeit, Louis van Gaal wechselte vor dem Elfmeterschießen den Torwart. "Wenn das nicht gut geht, dann sagen alle, ich bin verrückt", erkannte van Gaal später. Aber es ging gut. Weshalb er anfügte: "Darauf bin ich schon ein klein wenig stolz."

In wenigen Augenblicken so viel bewegt

Es kursierte gleich nach dem letzten Strafstoß der Beiname "Elfmeterkiller" für Tim Krul. Zumindest bei seinem Klub Newcastle United hatte er das bislang nicht gezeigt, laut des Statistik-Anbieters Opta hatte er von den 20 vergangenen Strafstößen in der Premier League lediglich zwei gehalten. Im Trainingslager der Elftal musste er demnach einiges gezeigt haben, denn van Gaal erklärte: "Ich dachte, er ist der beste Elfmeterkiller in unserer Mannschaft. Jasper Cillessen kann das auch gut, aber hier ist Krul besser."

Während die Niederländer van Persie, Robben, Sneijder und Dirk Kuyt gegen den überragenden Torwart aus Costa Rica, Keylor Navas, allesamt sicher und souverän verwandelten, ahnte Krul bei jedem Schuss die richtige Ecke. Es war der effizienteste Einsatz der bisherigen WM. Keiner hat bislang in so wenigen Augenblicken so viel bewegt. "Das ist nicht normal. Auf der Bank war es ganz schlimm, mit ansehen zu müssen, wie wir Chance um Chance vergeben haben. Dann halte ich zwei Elfmeter - das ist ein Jugendtraum, der wahr geworden ist", sagte der Torwart.

Die Niederländer verhinderten durch das bizarre Wechselstück ihres Trainers den Heimflug. Sie nehmen das Wissen mit ins Halbfinale, dass sie nun auch Verlängerung und Elfmeterschießen können. Bislang waren sie an diesen Herausforderungen bei einer WM stets gescheitert. Viermal hatte eine Elftal zuvor in der Verlängerung verloren, unter anderem die Endspiele 1978 gegen Argentinien und 2010 gegen Spanien. Einmal schieden die Niederlande im Elfmeterschießen aus, im Halbfinale 1998 gegen Brasilien.

Es war der Abend des großen Dramas und der Gefühle. Schon bei den Interviews auf dem Platz kletterte die Tochter van Persies auf den Arm ihres erschöpften Papas. Auch Arjen Robben saß plötzlich mit Kind auf der Ersatzbank. Außerdem war es der Abend, an dem der strenge Louis van Gaal ein ungewöhnlich euphorisches Lob loswurde: "Es ist die beste Mannschaft, mit der ich jemals zusammengearbeitet habe. Besser als die bei Bayern oder anderen Klubs", sagte er. Er habe das von Beginn an gemerkt.

Jetzt also Argentinien, am Mittwoch in São Paulo. Robben gegen Lionel Messi. Van Gaal gegen Alejandro Sabella. Tim Krul wird dann wieder draußen sitzen. Bleibt abzuwarten, wie er von dort aus den Gegner einschüchtern wird.

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