Süddeutsche Zeitung

Deutsche Hockey-Nationalmannschaft:Die sechste kapitale Niederlage in vier Jahren

Nach dem Aus der deutschen Hockey-Spielerinnen im EM-Halbfinale gegen Belgien herrschen Trauer und Wut. Erneut verpasst das Team einen großen Titel - und will das Glück bei Olympia in Paris endlich erzwingen.

Von Ulrich Hartmann

Die Kapitänin benötigte eine halbe Stunde, ehe sie zum Interview in die Medienzone am Spielfeldrand kommen konnte. In dieser halben Stunde musste Nike Lorenz nicht nur mit der akuten Enttäuschung einer 0:1-Halbfinal-Niederlage gegen Belgien bei der Hockey-EM fertigwerden. Sondern sie beweinte auch nochmal all die kapitalen Niederlagen der vergangenen vier Jahre. Die 26-Jährige war traurig und der Verzweiflung nahe, aber als sie eine halbe Stunde nach dem Spiel gefragt wurde, welches Gefühl in ihr jetzt eigentlich gerade vorherrschend sei, da antwortete sie unter Tränen: "Wut!"

Im August 2019 und im Juni 2021 verloren die deutschen Hockeyfrauen jeweils das EM-Finale gegen die Niederlande. Im August 2021 schieden sie bei Olympia im Viertelfinale gegen Argentinien aus. Bei diesen Spielen hieß der Bundestrainer noch Xavier Reckinger. Dann gab es einen Wechsel an der Spitze, doch auch unter Valentin Altenburg ist den Hockeyspielerinnen in den entscheidenden Partien bislang weder das Glück hold, noch bleiben ihre Nerven stark. Im Juli 2022 verlor die Mannschaft bei der Weltmeisterschaft zunächst das Halbfinale gegen Argentinien und anschließend auch noch das Spiel um Bronze gegen Australien. Das 0:1 gegen Belgien am Donnerstagabend war binnen vier Jahren folglich die sechste kapitale Niederlage in einem relevanten K.-o.-Spiel.

An den Pfosten oder knapp am leeren Tor vorbei - es war zum Verzweifeln

In dieser angestauten emotionalen Gemengelage wechselten sich also Traurigkeit und Wut ab. "Ein Traum ist zerplatzt", sagte verbittert die beste deutsche Torschützin Sonja Zimmermann und berichtete über die Minuten unmittelbar nach dem Spiel in der Kabine, dass es sehr still gewesen sei. "Wir waren einfach nur füreinander da - das ist ja das Tolle am Mannschaftssport." Das Spiel um Bronze am Samstagmittag gegen England (12.15 Uhr, ARD) erachten die deutschen Frauen nicht als Chance zum Trost. England hatten sie in der Gruppe bereits mit 5:0 besiegt und EM-Bronze wäre keine wirksame Medizin gegen all die Tränen und die Traurigkeit der vergangenen vier Jahre.

"Jedes Mal hat uns ein Quäntchen Glück gefehlt", klagte Kapitänin Lorenz über die immer länger werdende Serie der Enttäuschungen, "dabei wünschen wir uns doch einfach nur mal ein ganz kleines bisschen Glück!" Doch das Schicksal kann unerbittlich sein. Dem frühen 0:1-Rückstand gegen Belgien aus der zweiten Minute liefen die hoch dominanten deutschen Frauen 58 Minuten lang erfolglos hinterher. Es war zum Verzweifeln. Ende des ersten Viertels stocherte Charlotte Stapenhorst den Ball aus wenigen Zentimetern Distanz um wenige Millimeter am leeren Tor vorbei und Anfang des vierten Viertels traf Stapenhorst gar nur den Pfosten.

Wenn die Traurigkeit überwunden ist, wäre Wut ein geeignetes Gefühl, um sich bei einem nun erforderlichen Qualifikationsturnier im Januar für Olympia im nächsten Sommer in Paris zu qualifizieren und dort zu versuchen, dieser verzweifelten Geschichte ein Happy End aufzuzwingen. "Wir sind immer noch eine Mannschaft in der Entwicklung", sagte Trainer Altenburg, um nach all den Enttäuschungen ganz bewusst den Blick perspektivisch auf die Zukunft zu lenken.

"Die Spielerinnen müssen verstehen, dass wieder nicht viel gefehlt hat", sagte der 42 Jahre alte Hamburger und appelliert mit solch einer Interpretation der Niederlage an seine Mannschaft, den Mut nicht zu verlieren, sondern weiter daran zu glauben, dass sie den Lauf der Dinge selbst beeinflussen können. Vor diesem Hintergrund ist es tröstlich für die Hockeyfrauen, dass sich bereits in elf Monaten bei Olympia eine neue Gelegenheit ergeben könnte, dem Glück auf die Sprünge zu helfen.

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