Süddeutsche Zeitung

Actionsport:Flugshow vor dem Eiffelturm

Iris Schmidbauer aus Pähl in Oberbayern belegt beim High Diving in Paris den dritten Platz. Das spektakuläre Klippenspringen fristet in Deutschland ein Schattendasein, was sich ändern könnte, sollte die Disziplin olympisch werden.

Von Thomas Becker

Es waren schon reichlich surreale Bilder, letztes Jahr in Paris. Menschen in Badekleidung, die scheinbar vom Eiffelturm fallen, nicht ohne noch ein paar Salti und Schrauben in die Luft zu zaubern. Man mag vom Rummel um dieses eiserne Monstrum halten, was man will, aber dass dieser Turm wohl der berühmteste aller Hingucker ist, wird niemand bestreiten. Hier, mitten in der Großstadt, die weltbesten Klippenspringer so in Szene zu setzen, dass nicht nur den Touristen auf der Seine in den Bateaux Mouches vor Staunen der Mund offen bleibt, das ist schon großes Kino. Kein Wunder, dass sich Iris Schmidbauer im vergangenen Jahr rechtschaffen ärgerte, dass sie nicht dabei war. "Ich war richtig traurig, denn vor dem Eiffelturm zu fliegen, ist schon cool", sagt sie am Telefon, "so ein Souvenir wollte ich mir schon noch holen!" Nun, es hat geklappt, und wie: Beim zweiten Stopp der Red Bull Cliff Diving Series hat die 28-Jährige Rang drei belegt, ihr erster Podiumsplatz - und die Fotos von ihren Sprüngen mit dem Eiffelturm im Hintergrund sind längst abgespeichert.

Klippenspringen in Paris: auf die Idee muss man mal kommen! Wobei: Viel hätte nicht gefehlt, und High Diving wäre olympische Disziplin geworden. Für die Spiele 2016 in Rio war der spektakuläre Wettbewerb aus 21 (Frauen) beziehungsweise 28 Metern (Männer) als Demonstrationswettbewerb geplant, was dann aber doch nicht zustande kam. "Das wäre es natürlich gewesen!", ruft Schmidbauer ins Telefon. Damals war die gebürtige Oberbayerin aus Pähl bei Weilheim schon seit ein paar Jahren auf der Cliff-Diving-Tour und hätte wohl Chancen auf olympisches Edelmetall gehabt. Seit Jahren ist das Thema beim IOC immer wieder in der Diskussion, es gibt Gerüchte, aber keine verbindlichen Aussagen von den Verbänden. Die Zuversicht hat Schmidbauer dennoch nicht verloren: "Ich denke schon, dass es früher oder später olympisch wird. Und somit habe ich immer noch die Chance, die allererste Goldmedaille bei Olympia zu holen."

Weltmeisterschaften werden im High Diving seit 2013 ausgetragen, Europameisterschaften seit dem vergangenen Sommer, und die erste Europameisterin in dieser Disziplin heißt - genau: Iris Schmidbauer. Im August holte sie sich in Rom die Goldmedaille. "Ich hätte nicht Zweite werden dürfen", sagt sie, "das war schon wichtig für mich, dass ich da gewonnen habe, eine Bestätigung für mich selbst. Ich hatte das beste Ranking und die schwierigsten Sprünge von allen, insofern war klar, dass ich gewinnen konnte, wenn ich meine vier Sprünge ordentlich hinkriege." Bekam sie hin, sie widerstand dem "Druck, im entscheidenden Moment nicht zu patzen".

In diesem Jahr steht im Juli wieder eine Weltmeisterschaft an, in Japan, und erstmals in ihrer Karriere begleitet sie in Person von Boris Rosenberg ein Trainer zum Wettkampf. "Aber nur, weil er zum Weltcup kurz davor eh in der Ecke ist", sagt Schmidbauer, "aber das ist schon mal ein Fortschritt." Flug und Hotel bekommt sie vom Verband gezahlt, aber so lange High Diving nicht olympisch ist, gibt es keinerlei Förderung. Im Gegensatz zu anderen Ländern: "Die Italiener haben ein Team, einen Physio, einen Coach, der immer dabei ist, regelmäßige Trainingscamps, finanzielle Unterstützung - das ganze Paket. Die Kanadier genauso, plus 20-Meter-Plattform in der Halle, die Amis auch. Und was haben wir in Dresden? Einen Zehnmeterturm."

Vom Zehnmeterturm auf die doppelte Höhe zu klettern, ist wie der Wechsel von der blauen Piste auf die Streif

Und so kommt es, dass Schmidbauer unlängst beim Weltcup in Fort Lauderdale - mit Platz neun war sie erneut beste Europäerin - zum ersten Mal seit einem halben Jahr wieder aus 20 Metern Höhe gesprungen ist. "Das fühlt sich natürlich wackelig an", sagt sie, "als würde man auf Skiern von der blauen Piste mal eben auf die Streif wechseln." Erst über die Wettbewerbe der Cliff Diving Series kommt sie nun allmählich wieder in den Rhythmus. Wobei auch in Paris lächerlich wenig Zeit ist: Am Freitag ist sie angereist, am Samstag gab es ein Trainingszeitfenster von zwei Stunden, in denen sie gerade mal vier Sprünge in die Seine schaffte, und am Sonntag wurde es dann auch schon ernst.

Was ihr heuer hilft: In dieser Saison ist sie eine der wenigen Fixstarterinnen bei allen sechs Wettbewerben der Serie. Erst einmal seit ihrem Debüt 2016 hatte sie diesen Status, bekam sonst oft nur eine Wildcard für ein oder zwei Events. Lustigerweise stieg sie einst beim selben Wettbewerb in Poligano ein wie die Seriensiegerin der vergangenen Jahre, Rhiannan Iffland. Schmidbauer erinnert sich: "In Polignano lag ich tatsächlich einen Platz vor ihr, danach hat sie eigentlich immer gewonnen." Die Dominanz der Australierin erklärt die Deutsche so: "Wir haben zwar gleichzeitig angefangen, aber mit komplett anderem Hintergrund. Ich kam vom Freizeitsport, habe bei null angefangen, sie kam vom Turnen, war im Nationalteam Trampolin, dann im Nationalteam Wasserspringen, hatte ihre Karriere eigentlich schon beendet, danach jahrelang Show-Springen gemacht und dann erst wieder Wettkämpfe bestritten."

Während Iffland als Dauersiegerin gut von ihrem Job leben kann, muss sich Schmidbauer ganz schön strecken. Zuletzt in Boston war sie Siebte, wofür es nicht mehr allzu viel Preisgeld gab. "Ich komme gerade so über die Runden, aber nachdem ich mir im Januar eine Wohnung in Dresden eingerichtet habe, gleicht mein Konto einer Brachlandschaft", erzählt sie mit Galgenhumor. Da kommt man schon mal auf ausgefallene Ideen: "Ich hab tatsächlich mal bei den Italienern nachgefragt, was ich tun müsste, um für die starten zu können." Und? "Ich müsste einen Italiener heiraten!"

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5944527
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/stga/lib
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.