Süddeutsche Zeitung

Niederlage für Hertha:Gestutzte Berliner Phantasien

Das Ziel der Hertha ist der Europapokal - doch nun erleidet das Team gegen Stuttgart bereits die dritte Niederlage im vierten Spiel. Jens Lehmann macht sich auf der Tribüne eifrig Notizen.

Von Javier Cáceres, Berlin

Die Berliner und die Schwaben unterhalten seit einigen Jahren eine vielbesungene und intensive Beziehung zueinander; der Zuzug von Migranten aus dem Südwesten in die Hauptstadt der Republik hat bleibende Spuren hinterlassen. Und unter anderem dazu geführt, dass in diversen Bäckereien Seelen feilgeboten werden. Auch um die jüngere Fußballgeschichte haben sich namentlich die Stuttgarter verdient gemacht. Im Mai 2019 unterlag der VfB in der Relegation gegen den 1. FC Union Berlin und bereicherte - um den Preis des eigenen Abstiegs - die Bundesliga um einen absoluten Neuling.

Aber der Schwabe gibt, der Schwabe nimmt: Am Samstag spielten die Stuttgarter als Bundesligarückkehrer bei Unions Nachbarn Hertha BSC - und stutzten die "Big-City-Club"-Phantasien, die auf den Millionen des Investors Lars Windhorst beruhen, auf ein kleineres Maß zurück. Der VfB siegte durch Tore von Marc Oliver Kempf und Gonzalo Castro mit 2:0 und bescherte der Hertha die dritte Niederlage im vierten Bundesligaspiel der neuen Saison.

"Insgesamt war das heute von uns zu wenig", sagte Hertha-Coach Bruno Labbadia nach der Partie, "wir haben uns selbst geschlagen." Es gab Einiges, was ihn phänomenal ärgerte - auch wenn er ruhig und sachlich zur Analyse schritt. Seine Mannschaft, so sagte er, sei eigentlich ganz gut ins Spiel gekommen, habe gedrückt, wie es verabredet worden war. Doch es dauerte nicht sehr lange, bis der VfB den Eindruck erweckte, die klareren Ideen und die bessere Orientierung zu haben, und dann auch noch der Hertha nach acht Minuten einen gehörigen Schrecken einjagte.

Der VfB hat keine größeren Schwierigkeiten, die Kontrolle zu bewahren

Der tendenziell aufregende Tanguy Coulibaly, ein junger Franzose, der im Mittelfeld sein Startelfdebüt gab, bediente Sasa Kalajdzic mit einer Flanke von der linken Seite, und der österreichische Stürmer wuchtete den Ball per Kopf an den Pfosten (8. Minute). Der metallene Klang des Aluminiums lag den Anhängern noch in den Ohren, als die Stuttgarter eine Minute später die Führung durch Marc Oliver Kempf erzielten. Der Verteidiger köpfelte den Ball nach einem Freistoß von Daniel Didavi ins Netz - und zwar exakt nach dem Muster, wie Labbadia sagte, vor dem er ab Vorabend bei der Teambesprechung gewarnt hatte. "Danach haben wir den Faden verloren", sagte Herthas Maxi Mittelstädt nach der Partie.

Den Moment des Rückstands quittierte ein großer Teil der vorbildlich separierten 4000 Anhänger der Hertha mit vereinzelten, aufmunternden Rufen. Doch richtig inspirierende Wirkung hatte das nicht. Die Stuttgarter, die wegen der Ausfälle von Waldemar Anton und Konstantinos Mavropanos ihre Abwehr neu entwerfen mussten, hatten keine größeren Schwierigkeiten, die Kontrolle zu bewahren. Die einzige wirkliche Gefahr für das Stuttgarter Tor ergab sich aus einem Querschläger des Belgiers Orel Mangala, der in der 40. Minute nahe am Gehäuse von Gregor Kobel vorbeiflog.

Nach der Halbzeitpause wechselte Herthas Trainer Bruno Labbadia Dodi Lukébakio für den nichtssagenden Australier Mathew Leckie ein. Doch das Spiel der Berliner vitalisierte sich erst, nachdem Kalajdzic einen Kopfball aus wenigen Metern und völlig freistehend neben das Berliner Tor gesetzt hatte (48.). Córdoba versuchte sich mit einem Drehschuss; VfB-Torwart Kobel parierte einen Schuss aus kurzer Distanz von Cunha; Boyata und neuerlich Cunha hatten ein paar halbgare Gelegenheiten. Und dennoch: Verunsichert wirkten die Stuttgarter nicht. Im Gegenteil. Herthas Einwechselspieler Zeefuik verlor an der Außenbahn den Ball an Stuttgarts Kapitän Gonzalo Castro - und zwei Doppelpässe später hatte der Deutschspanier aus 20 Metern freie Bahn. Mit einem platzierten Schuss überwand Castro Herthas Torwart Alexander Schwolow zum 2:0-Endstand (68.).

Der Treffer war nicht nur mit einer Niederlage gleichbedeutend, die Labbadia als vermeidbar ansah. Sondern auch mit dem Umstand, dass Hertha nun in fünf Pflichtspielen fünfzehn Gegentore kassiert hat. Auf der Tribüne saß Herthas Aufsichtsrat und Windhorst-Berater Jens Lehmann und machte sich wieder eifrig Notizen; das hatte er schon beim letzten Heimspiel gegen Frankfurt so gehalten. Seine Erkenntnisse streute er unter der Woche unter die Menschen. In der Zeitschrift Sport-Bild erklärte er mit Blick auf die personelle Besetzung der Hertha, dass das Ziel ein Platz im europäischen Fußball sei. Die Zahlen und Leistungen der Berliner sprechen zurzeit allerdings eher dafür, dass sie erst mal kleinere Seelen backen müssen.

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