Süddeutsche Zeitung

Hamburger SV:Eine Frage der Alternativen

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Klaus-Michael Kühne macht seinem HSV ein 120-Millionen-Euro-Angebot, das dieser vorerst ablehnen muss. Doch der Milliardär hat etwas, was der HSV leider nicht hat: Geld.

Kommentar von Thomas Hürner, Hamburg

Klaus-Michael Kühne könnte einen geruhsamen Lebensabend verbringen. Der Logistikmilliardär, 85, hat ein Faible für Poesie und ist laut seiner Frau Christine ein "wahnsinnig guter Dichter", der in seinem Werk die Liebe, die Politik und auch die Geschehnisse im Sport verarbeitet. Überdies macht Kühne kein Geheimnis daraus, dass er das Konzept der ewigen Jugend für nicht realistisch hält, weshalb es schon erstaunt, dass er sich nicht längst in seine Domizile auf Mallorca und in der Schweiz verzogen hat und einfach eine entspannte Zeit verbringt.

Doch Kühne hat halt zwei Probleme. Erstens: Er ist Fan des Hamburger SV. Zweitens: Diese Hingabe hat ihn zum schlechtesten Geschäft seines Lebens verleitet, als er 2015 als Investor beim Traditionsklub eingestiegen ist und sich damit in eine Art toxische Beziehung begab, in der er nicht nur eine Menge Geld versenkt hat, sondern letztlich auch den HSV.

Es lässt sich nicht bestreiten, dass mit Kühnes Einstieg ein verheerender Abwärtstrend beim Hamburger Sportverein eingesetzt hat. Aus einem ambitionierten Bundesligaklub wurde ein zweitklassiger Sanierungsfall, das gilt für die Gremienstrukturen bis hin zum maroden Stadiondach. Aus HSV-Sicht lässt sich aber ebenso wenig bestreiten, dass es irgendjemanden braucht, der diese geöffnete Büchse der Pandora wieder verrammelt und versiegelt und für immer in der Hamburger Binnenalster versenkt. Und diese Person kann womöglich nur Kühne selbst sein, der jüngst eine Offerte vorgelegt hat: 120 Millionen Euro, geknüpft an Bedingungen, die vom HSV-Präsident und Aufsichtsratschef Marcell Jansen als "so nicht umsetzbar" abgewiesen wurden.

Kühne möchte seine Anteile beim HSV aufstocken - und den Volkspark in "Uwe-Seeler-Stadion" umbenennen

In der Tat, der Reformplan wäre in der Form schwer zu realisieren gewesen. Er sah unter anderem vor, dass Kühne seine Anteile an der (von ihm mitgeschaffenen) HSV Fußball AG von 15,21 auf 39,9 Prozent aufstockt. Mehrheitsgesellschafter bliebe der gemeinnützige Stammverein, womit zumindest formal die 50+1-Regel eingehalten würde, die den Einfluss von Investoren einschränkt. Faktisch hätte Kühne aber eine Art Sperrminorität erhalten, mit der keine Beschlüsse ohne seine Zustimmung gefasst werden könnten.

Außerdem wollte Kühne den siebenköpfigen Aufsichtsrat neu besetzen und auf fünf Personen verschlanken sowie für 40 Millionen Euro die Namensrechte am Volksparkstadion erwerben, das dann für zehn Jahre "Uwe-Seeler-Stadion" hieße. Trotz dieses publikumswirksamen Details blieb die Begeisterung unter den HSV-Mitgliedern, die über weitere Anteilsverkäufe entscheiden müssten, überschaubar. Wo aber längst niemand mehr durchblickt: Wer ist eigentlich der HSV?

Aktuell laden die wirren Klubstrukturen dazu ein, dass einzelne Leute in kürzester Zeit Präsident, Aufsichtsrat, Aufsichtsratschef werden und dann mal eben ins operative Geschäft springen. Das garantiert den Status als Person des öffentlichen Lebens. So ungefähr war das beim 2020 demissionierten Bernd Hoffmann, so ähnlich war das auch beim aktuellen Vorstand Thomas Wüstefeld. Man stelle sich das mal beim FC Bayern vor. Die Gleichzeitigkeit der Interessen und Posten führt wiederum dazu, dass langfristiges Denken unmöglich wird, denn Kungeleien kosten Energie, und oft geht nichts den Protagonisten über den Erhalt von Einfluss und Macht.

Das macht den HSV zum wohl merkwürdigsten Klub der Republik. Nirgendwo ist die Diskrepanz zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte, so groß wie bei diesem potenziellen Giganten, der sich selbst verzwergt. Für Marketingexperten gehört der HSV weiterhin zu den Edelmarken des Landes, in der Praxis möchte aber kaum noch jemand Geld in den Verein stecken. Auch deshalb stecken die Hamburger nun das fünfte Jahr in der Zweitklassigkeit fest und schreiben seit zehn Jahren rote Zahlen.

Der HSV braucht dringend eine solide Organisationsstruktur

Dass sich die Situation mittelfristig bessert, ist allein wegen des Stadions unwahrscheinlich: Der Volkspark muss für fast 40 Millionen Euro saniert werden - mit Geld, das der HSV nicht mehr hat, obwohl er extra dafür vor zwei Jahren sein Stadiongelände an die Stadt Hamburg verkauft hat. Der unbeliebte Finanzvorstand Wüstefeld musste deshalb ein neues Darlehen besorgen, das den Schuldenstand abermals nach oben schraubt. Davon abgesehen machte der Medizinunternehmer Wüstefeld eher negative Schlagzeilen.

Womit man wieder beim Investor Kühne wäre. Denn der hat etwas, was der HSV nicht hat: Geld. Dass das allein nicht reicht, hat die Vergangenheit bewiesen, doch ohne akute Finanzhilfen bliebe der HSV ein Gefangener seiner eigenen Geschichte. Kühne ließ bereits durchblicken, dass sein Angebot eher eine Verhandlungsbasis darstellen soll; der Aufsichtsratschef Jansen hat weitere Gespräche in Aussicht gestellt. Die Voraussetzung für eine Übereinkunft wäre, dass Kühne keine ungefragten Ratschläge mehr erteilt und mithilft, den HSV in eine solide Organisationsstruktur zu überführen. Eine naive Vorstellung? Vielleicht. Vielleicht hat der HSV-Fan Kühne aber einfach keine Lust mehr, diesem Verein bei seinem ewigen Ringen um Kontinuität und bei seinem ewigen Scheitern zuzusehen.

Denn der Geschäftsmann Kühne weiß: Das Leben ist eine Frage der Alternativen. Der HSV hat keine andere mehr.

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