Süddeutsche Zeitung

Grand Slam Cup:Ein unmoralisches Tennisturnier

Vor 30 Jahren wird in München zum ersten Mal der Grand-Slam-Cup ausgetragen. Weltranglistenpunkte gibt es keine, dafür so viel Preisgeld wie nirgendwo sonst. Boris Becker boykottiert zunächst das Spektakel, macht später aber doch mit.

Von Lisa Sonnabend

Geld brauchte Boris Becker im Dezember 1990 keines. Damals, vor 30 Jahren, wurde in München ein neues Turnier ausgetragen: der Grand-Slam-Cup. Eine umstrittene, viele fanden gar eine verwerfliche Veranstaltung. Sportlichen Wert hatte sie keinen, Weltranglistenpunkte wurden nicht vergeben, dafür Geld - so viel wie bei keinem anderen Tennisturnier. Jeder der 16 Spieler erhielt 100 000 US-Dollar nur fürs Dabeisein, der Gewinner heimste zwei Millionen Dollar ein. Hatte dieser in der Saison bereits einen Grand-Slam-Titel geholt, gab es noch eine Million oben drauf. Boris Becker weigerte sich mitzumachen. Er rief seine Kollegen sogar zum Boykott der Veranstaltung auf, ermahnte sie, sie sollten nicht immer "nur an das Geld denken." Der Grand-Slam-Cup war seiner Meinung nach dabei, das Tennis zu einer unmoralischen Sportart verkommen zu lassen.

So begann der erste Grand-Slam-Cup in der Münchner Olympiahalle am 11. Dezember 1990 ohne den besten deutschen Spieler. Der spätere Becker-Manager Axel Meyer-Wölden und Robert Lübenoff hatten das bemerkenswerte Spektakel entwickelt, der Computerfabrikant Compaq war Sponsor. Teilnehmen durften diejenigen Spieler, die bei den vier Grand-Slam-Turnieren am besten abgeschnitten hatten. Gespielt wurde im K.-o.-Modus auf Teppich, am Eröffnungstag traten die Popband a-ha und Opernsänger Plácido Domingo auf. Die Eintrittskarten waren teuer, doch die Münchner stapften im Schneematsch zur Halle. Fernsehsender aus aller Welt übertrugen. "Eine schöne Bescherung für Tennisfans", bewarb Sat1 die Übertragung. Es herrschte Tennisboom in Deutschland.

Der Reiz des Geldes ist groß

Wie groß der Reiz des Geldes war, konnten die Zuschauer im Halbfinale erleben. Die Amerikaner Brad Gilbert und David Wheaton hätten sich beinahe geprügelt. Beim Stand von 6:6 im Tie-Break des dritten Satzes überstimmte der Schiedsrichter den Linienrichter. Wheaton fühlte sich benachteiligt - und verlor den Satz. Am Netz gerieten die zwei Spieler in Streit, schrien, schubsten sich und mussten von den Offiziellen getrennt werden. Gilbert gewann in fünf Sätzen und zog ins Finale ein. "Es war eine Millionen-Dollar-Fehlentscheidung", schimpfte Wheaton. Das erste Endspiel beim Grand-Slam-Cup gewann dann Pete Sampras, damals gerade erst 19 Jahre alt. Weil er schon bei den US Open gesiegt hatte, nahm der Teenager nach der Woche in München drei Millionen Dollar mit.

Neun Jahre lang wurde beim Grand-Slam-Cup jedes Jahr viel Geld verspielt. Im zweiten Jahr gewann Wheaton, der Wüterich kam also doch noch zu seinen Millionen. Sampras holte den Titel 1997 sogar ein zweites Mal, allein durch das Turnier in München hatte er ausgesorgt. Das Niveau der Spiele schwankte, manche nahmen die Veranstaltung eher locker, andere motivierte das viele Geld.

Als der Tennisboom hierzulande nachließ, wurde das Preisgeld zeitweise ein wenig gesenkt, lukrativ war der Besuch im weihnachtlichen München für die Profis aber jedes Mal. 1998 und 1999 durften auch Frauen um den Pokal spielen. 2000 schließlich wurde der von der International Tennis Federation organisierte Grand-Slam-Cup mit der konkurrierenden ATP-Weltmeisterschaft verschmolzen. Seitdem treten die besten Profis am Jahresende nur einmal gegeneinander an, ATP Finals heißt die Veranstaltung inzwischen. Geld gibt es nicht mehr ganz so viel, dafür Weltranglistenpunkte.

Beim Grand-Slam-Cup nahm Boris Becker übrigens später doch teil. 1993 änderte er seine Meinung, verlor aber gleich in der ersten Runde. 1996 gewann er das Show-Turnier sogar, besiegte im Finale Goran Ivanišević - und holte sich noch tüchtig Geld in München ab.

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