Süddeutsche Zeitung

Beachvolleyball:Die Eltern sind der Hauptsponsor

Jonas und Benedikt Sagstetter haben sich dafür entschieden, die Halle zu verlassen und ihr Glück im Sand zu suchen. Nun haben sie ihre erste gemeinsame Medaille bei einem internationalen Männerturnier gewonnen.

Von Sebastian Winter

Benedikt Sagstetter hatte es eilig am Dienstagmittag, er musste seinen Bruder Jonas zum Bahnhof nach Bochum bringen. Von dort ging es weiter zum Flughafen, das Ziel der Reise: Lissabon - zu Jonas' Freundin. Benedikt hat auch bald Urlaub, am Donnerstag fliegt er mit seiner Partnerin auf die Kanarischen Inseln. Erstmal abschalten, das ist für beide nun der Plan, nach einem Jahr der großen Veränderungen.

Denn Jonas, 24, und Benedikt, 22, aufgewachsen in Landshut in einer Volleyballerfamilie, sozialisiert beim ASV Dachau und in die erste Liga emporgestiegen in Unterhaching und Herrsching, haben sich dafür entschieden, die Halle zu verlassen und ihr Glück im Sand zu suchen. Das ist - spielerisch, organisatorisch, finanziell - quasi eine 180-Grad-Drehung. "Davor haben wir ohne viel Plan ein bisschen Beachvolleyball gespielt. Wir wollten diesen Schritt beide gehen, voll in den Sand zu investieren", sagt Benedikt Sagstetter.

Am vergangenen Wochenende sind sie bei der DM in Timmendorfer Strand auf Platz fünf gelandet, sicher nicht ihr Traumergebnis, nach Rang zwei und vier in den beiden Vorjahren. Aber sie hatten Lospech, verloren ausgerechnet gegen die späteren Sieger Ehlers/Wickler und die Finalisten Poniewaz/Poniewaz jeweils knapp. Eine Woche davor grinsten sie dafür mit Bronzemedaillen in die Kamers, die sie bei einem Weltserienturnier der dritthöchsten Kategorie in Österreich gewonnen hatten. Es war ihre erste gemeinsame Medaille bei einem internationalen Männerturnier. Zuvor waren sie in Belgien, Finnland und Frankreich zweimal Fünfte und einmal Vierte geworden.

Und immer mittendrin: ihr Vater Reiner. Er reise trotz beruflicher Verpflichtungen fast immer mit, scoute die Gegner, sei ausführender Trainer vor Ort und ohnehin "drittes Mitglied im Team", wie Benedikt Sagstetter sagt. Sie tauschen sich in ihrer Dreier-Chatgruppe auch immer über Reisebuchungen und alles Organisatorische aus. "Hauptsponsor sind immer noch unsere Eltern, sie finanzieren die Flüge, die Hotels, ohne sie geht es nicht." Auch ihre Mutter Ursula war früher Volleyballerin, Schwester Lina hat gerade erst damit aufgehört. Immerhin wird Benedikt Sagstetter inzwischen auch von der Bundeswehr gefördert - ein kleiner Luxus, der, so hofft er, bald auch seinem Bruder zuteil werden wird. "Das wäre auch extrem wichtig für den Geldbeutel unserer Eltern."

Beachvolleyball, kaum einer weiß das besser als der 80-jährige Hans Voigt, ist eine hochkomplexe Wissenschaft

Seit Herbst 2022 lebt Benedikt Sagstetter in der Nähe von Witten in Nordrhein-Westfalen, wo es ein privates Beachvolleyball-Zentrum gibt - zunächst alleine, inzwischen aber zusammen mit Jonas, der ihm nach dem Ende der letzten Hallensaison mit den WWK Volleys Herrsching - und einem Handgelenksbruch, der ihn danach sechs Wochen lang plagte - dorthin gefolgt ist. Sie haben für diesen Schritt selbst Einladungen der Hallen-Nationalmannschaft ausgeschlagen. Unter dem inzwischen fast 80-jährigen Hans Voigt, der mit seinem wissenschaftlichen, ganzheitlichen Ansatz hierzulande als Beachvolleyball-Vordenker gilt und auch im Trainerteam der Olympiagoldgewinner Brink/Reckermann und Ludwig/Walkenhorst stand, entwickeln sich die Brüder seither weiter. In einem Umfeld, "den man sonst eigentlich nur an einem Olympiastützpunkt hat", sagt Benedikt Sagstetter.

Sie feilen in Witten unter Voigt und seinem kompetenten Trainerteam an ihrem schnellen Spiel; an Sprung-Zuspielen; am Stemmschritt, der im Sand wegen des viel tiefer und technisch ganz anders ist als in der Halle; am Sprungaufschlag und an Überraschungsangriffen. Beachvolleyball, kaum einer weiß das besser als Voigt, ist eine hochkomplexe Wissenschaft. Mit ihren neuen Instrumenten wollen die Sagstetters auch international so weit kommen, wie es geht.

Ihre Geschichte ist auch deshalb so außergewöhnlich, weil sie so ziemlich das einzige Duo auf der deutschen Tour sind, das hybrid spielt: Anders als sonst gibt es bei ihnen also keinen Block- und Abwehrspezialisten, beide machen einfach beides. Wenn Jonas aufschlägt, blockt Benedikt, wenn Benedikt aufschlägt, blockt Jonas. Das hat den großen Vorteil, dass die Laufwege kürzer sind und der Aufschläger sich ganz auf dieses Element konzentrieren kann. Es funktioniert, weil beide ähnlich gut in beiden Elementen sind - und ähnlich groß, Benedikt misst 1,97 Meter, Jonas 1,91 Meter.

Man wünscht ihnen nun etwas Freizeit in Lissabon und auf den Kanaren, aber die nächsten internationalen Turniere warten schon im Herbst. Goa in Indien, China, Thailand, die Philippinen. Was davon ist machbar, auch finanziell? Oder geht gar eine große Asien-Tour? Die Sagstetter-Chatgruppe wird im Urlaub nicht zur Ruhe kommen.

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