Süddeutsche Zeitung

Fußball-Regionalliga:300 Gründe fürs oberbayerische Hinterland

Lesezeit: 4 min

Aleksandro Petrovic hat beim TSV Buchbach eine Heimat gefunden, die er gegen nichts eintauschen möchte, das mussten auch einige Profiklubs erfahren. Am Freitag bestreitet er sein Rekordspiel.

Von Christoph Leischwitz

Es war der letzte Versuch. 2015 wollte der Drittligist Wacker Burghausen Aleksandro Petrovic vom Regionalligisten TSV Buchbach loseisen, Burghausens damaliger Trainer Uwe Wolf war besonders hartnäckig. Doch Petrovic hatte gar keine Lust mehr, noch einmal Profi zu werden. Die Ablöse, so war seinerzeit von frustrierten Burghausern zu hören, die hätte nur RB Leipzig bezahlen können.

Nachdem auch diese Offerte abgeschmettert war, wusste Petrovic, dass er seine Karriere im oberbayerischen Hinterland beenden würde. Dort hat er ein sportliches Zuhause gefunden, sagt er heute, "dass ich gegen nichts eintauschen möchte". Vielleicht hätte er noch ein Angebot von Roter Stern Belgrad angenommen, seiner zweiten großen Liebe. Davon erzählt seine Rückennummer 29, die er trägt, weil Roter Stern am 29. Mai 1991 den Europapokal der Landesmeister gewann. Immerhin gewährten sie ihm in Buchbach zwei Jahre lang rot-weiß-gestreifte Trikots, ganz im Stile von Roter Stern. "Er ist für uns ein Glücksfall", sagt sein langjähriger Trainer Anton Bobenstetter, heute Sportlicher Leiter beim TSV, mit reichlich Stolz in der Stimme.

Profi war der nunmehr 34-Jährige nur kurz, aber gerade deshalb geriet seine Karriere so einzigartig. Kommenden Freitagabend läuft der Kapitän gegen den SV Heimstetten zu seinem 300. Spiel in der Regionalliga Bayern auf - Rekord. Das dürften auch bundesweit die meisten Einsatze in der vierten Liga sein, alle zudem beim Regionalliga-Gründungsmitglied Buchbach. Ans Aufhören denkt er noch nicht, irgendwann aber wird es soweit sein, das weiß Petrovic. Er sagt: "Ich habe Angst vor dem letzten Tag."

Die Zahl 300 macht ihn stolz, vor allem weil er alle Spiele für den selben Verein absolviert hat

"Die Kilometer, die man da abspult, auf dem Platz, auf der Autobahn - die Zahl 300 macht mich schon stolz", sagt Petrovic, auch die vielen Erlebnisse: "Die Siege, die Niederlagen, die Tränen, die Freunde fürs Leben, die ich fand." Besonders stolz aber sei er darauf, dass er alle Spiele für einen Verein bestritten habe. Petrovic sitzt in einem Café nahe dem Münchner Kreisverwaltungsreferat, wo er seit 2017 arbeitet. "Da hat sich auch ein Kreis geschlossen", sagt er in seiner Mittagspause, vor sich einen großen Salatteller. Als er drei Jahre alt war, floh seine Familie vor dem Krieg in Jugoslawien, oft saßen sie stundenlang im KVR und hofften auf eine weitere Duldung. Sechs Jahre später entdeckte ihn der FC Bayern, nachdem der 1988 geborene Aleksandro bei den Stadtwerken München mit dem 86er-Jahrgang kickte; fußballerisch wuchs er mit Mats Hummels, Sandro Wagner und anderen bekannten Spielern auf. Die Profikarriere schien vorgezeichnet, es begann auch vielversprechend, in der zweiten serbischen Liga, dann bei Dynamo Dresden.

Warum also ging es nicht weiter nach oben? Petrovic holt ein wenig aus. "Vielen jungen Spielern heute fehlt eine realistische Selbsteinschätzung", sagt er, "sie träumen viel." Das dürften sie auch, "aber mit 20 guten Regionalligaspielen wirst du kein Profi, da fressen sie dich in der dritten Liga auf". Demnach hat Petrovic also zu früh aufgehört zu träumen? Jein. Er findet, ihm selbst fehlte in einer Zeit, in der der Fußball immer athletischer wurde, schlicht die Schnelligkeit. Zumindest, um erste Liga spielen zu können. "Zweite Liga, das haben mir viele Trainer gesagt, wäre schon gegangen." Es gibt einen weiteren Grund, den er nur kurz anschneidet. Von einem bestimmten Punkt im Profifußball an sei "der Kampf um die Stammplätze gesundheitsgefährdend" gewesen, darauf hatte er gar keine Lust.

Als Veganer ging er zu einem Klub, der für seine Spanferkel-Semmeln bekannt ist

Von Dresden nach Buchbach also. Damals noch als Veganer zu einem Dorfklub, bekannt für seine Spanferkel-Semmeln. Sandro Volz, sein Torwart-Kumpel aus Jugendzeiten, hatte ihn mitgenommen zum Probetraining. Eine Woche später unterschrieb Petrovic. Das ist am Freitag 4182 Tage her. Was nomadisierende Jungspieler nicht kennen, lernte er bald schätzen: Man kann auch an einem Ort verweilen und viel erleben. Und am 20. Mai 2017 wurde es für Petrovic sogar episch: Nach einer verkorksten Saison köpfelt Torwart Alexander Strobl am letzten Spieltag in Rosenheim in der siebten Minute der Nachspielzeit das 3:2-Siegtor und sicherte den Ligaverbleib. Das Ende einer schwierigen Saison, mit zwei Krebsdiagnosen im Kader. Es entstanden enge Freundschaften, besonders viel spricht Petrovic über Maximilian Hain, Maximilian Drum, Markus Grübl und Thomas Breu, die diese Zeit maßgeblich mitgeprägt hätten.

Zurzeit trainiert Petrovic noch professioneller als zu Profizeiten. Weil er so Schmerzen und Verschleißerscheinungen vermeiden will - und aus sportlicher Notwendigkeit: "Es ist brutal, wie sich die Regionalliga verändert hat." Zu Anfangszeiten der 2012 gegründeten Liga habe man im Mittelfeld noch Zeit gehabt, "sich vier-, fünfmal mit dem Ball zu drehen wie damals Paul Breitner". Heute ist das undenkbar, zwei Kontakte vielleicht ungestört, mehr auf keinen Fall. Das Spiel werde immer schneller, auch das Spielverständnis der jungen Kicker steige: "Wir haben damals Trainingseinheiten gemacht, weil der Trainer das gesagt hat. Heute wollen sie genau wissen, welchen Sinn dieser oder jener Spielaufbau hat. Damit steigt auch die Qualität." Auch der TSV habe sich mitentwickelt, es gibt ein neues Vereinsheim im Stil einer Berghütte, erbaut in ehrenamtlicher Eigenarbeit. Im Herbst folgt ein Fitnessstudio.

Natürlich haben auch andere Klubs versucht, Petrovic loszueisen, die letzte Profi-Offerte liegt drei Jahre zurück. Diesen Sommer versuchte es der alte Klassenkamerad Sandro Wagner, der ihn nach Unterhaching holen wollte: keine Chance. Dabei könnte man sagen, dass Wagner bei Petrovic noch ein kleines Steinchen im Brett hatte. Einmal saßen die beiden in der Realschule Taufkirchen im Fach Technisches Zeichnen nebeneinander. Sie sollten eine Grafik am PC anfertigen. "Sandro", raunte der verzweifelte Petrovic seinen Sitznachbarn an, "ich habe keine Ahnung! Kannst du deins ausdrucken und den Namen ändern und dann nochmal ausdrucken?" Wagner tat ihm den Gefallen. Beide gaben die selbe Zeichnung ab, Petrovic bekam eine Zwei, Wagner eine Drei.

Schöne Erinnerungen, doch jetzt ist es an der Zeit, sich um die Jüngeren zu kümmern. Der Kapitän übergibt nach und nach Aufgaben an seine Nachfolger, auf und neben dem Platz, sie sollen daran wachsen, so schnell wie möglich. Und wenn eines Tages jemand seinen Rekord bricht, soll es wenigstens ein Buchbacher sein.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5636743
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/toe/lib
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.