Süddeutsche Zeitung

Fußball:Der FC Bayern ist sachlich in Rage

  • "Das ist die Unwahrheit": Die Bayern wollen juristisch gegen die Darstellung vorgehen, dass Arturo Vidal in Katar alkoholisiert gewirkt habe.
  • Sportvorstand Sammer verteidigt zudem Guardiola.

Von Markus Schäflein

Am Mittwochnachmittag stand beim FC Bayern die Präsentation des Innenverteidigers Serdar Tasci auf dem Programm, den der Bundesliga-Tabellenführer von Spartak Moskau geliehen hat, weil so viele Spieler verletzt sind. Doch Tasci erschien nicht: Er war verletzt.

"Naja, Verletzung klingt gleich ein bisschen dramatisch", sagte Sportdirektor Matthias Sammer, der anstelle von Tasci das neue Trikot mit der Nummer vier für die Fotografen in die Höhe hielt, "nein, er hatte im Training einen Zusammenstoß am Kopf, leichte Ausfallerscheinungen, wahrscheinlich eine leichte Gehirnerschütterung, was vielleicht zwei, drei Tage Pause bedeutet." Wer mit Tasci zusammengestoßen war, wollte Sammer nicht sagen, "das ist wurscht, und dem anderen geht's gut".

Wo Sammer schon mal da war, gab es ja auch noch Wichtigeres zu besprechen: die anhaltenden Schlagzeilen aus dem Bauch der Mannschaft über schlechte Stimmung und die Kritik an Trainer Pep Guardiola. "Es wird gezündelt, um die Liga spannend zu machen", vermutete der Sportdirektor. "Ich spüre das Zündeln!" Zuvor waren die Berichte gekrönt worden durch eine Geschichte in der Sport Bild über Arturo Vidal. Der chilenische Mittelfeldspieler habe im Winter-Trainingslager in Katar mehrmals das Hotel verlassen und bei seiner Rückkehr "alkoholisiert gewirkt", war dort zu lesen.

"Das ist die Unwahrheit - damit das klar ist. Ich habe ihn darauf angesprochen, und er hat deutlich gesagt, dass da nichts dran ist", sagte Sammer, "darauf verlassen wir uns. Gegen die Darstellung werden wir natürlich vorgehen." Mediendirektor Markus Hörwick warf ein: "Juristisch." Sammer nickte. Vidal teilte via Twitter mit: "Wir werden gegen die Zeitung, die diese Lügen verbreitet hat, vorgehen." Auch Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge meldete sich noch zu Wort: Der Bericht sei "ebenso böswillig wie falsch".

"Das, was gerade mit dem Trainer passiert, ist nicht korrekt", sagt Sammer

Er entbehrte allerdings, das kann man perfide finden, aufgrund von Vorfällen aus der Vergangenheit bei der chilenischen Nationalmannschaft, nicht einer gewissen historischen Grundlage. Selbstredend wurden entsprechende Verfehlungen mal wieder herausgekramt und in einer "Skandal-Akte" (Sport Bild) zusammengefasst.

Gegen die Geschichte spricht allerdings, dass Trainer Pep Guardiola in seiner Zeit in Barcelona nie davor zurückschreckte, in ähnlichen Fällen konsequente Disziplinarmaßnahmen zu ergreifen, Vidal aber in Katar an allen Trainingseinheiten ohne Auffälligkeiten teilnahm. Aus seinem Umfeld hieß es, Vidal habe seit einigen Wochen nichts Hochprozentiges mehr angerührt. Der FC Bayern führt grundsätzlich bei allen seinen Spielern regelmäßige Bluttests zur Leistungskontrolle durch.

Wo sich Sammer schon einmal "sachlich und freundlich", wie er fand, in Rage geredet hatte, musste er natürlich auch noch auf Guardiola zu sprechen kommen. Der Spanier werde "für alles verantwortlich gemacht: dass De Bruyne nicht da ist und so weiter", sagte er.

Jüngst waren Vermutungen kursiert, dass der Trainer den Belgier, an dem auch der FC Bayern höchst interessiert war, im Sommer aus Wolfsburg zu seinem künftigen Arbeitgeber Manchester City gelotst habe. "Den Umgang mit Guardiola werden wir auch nicht mehr akzeptieren", sagte Sammer: "Das, was gerade mit dem Trainer passiert, ist nicht korrekt."

Dass ein Bericht über schlechte Stimmung in der Mannschaft nicht gänzlich der Wahrheit entbehrte, gab er hingegen zu. Dort war zu lesen gewesen, dass Guardiola sich vor versammelter Mannschaft über übergewichtige Spieler beschwert habe; schon wieder ließ Vidal grüßen. Und dass der Verein eine E-Mail herumgeschickt habe, in der die Spieler dazu aufgefordert wurden, sich auch an freien Tagen ihre Termine genehmigen zu lassen. "In der Vorbereitung der Saison wird es immer so gewisse Themen geben", sagte Sammer dazu: "Und als Trainer hat man die Aufgabe, mal Reizpunkte zu setzen."

Nach außen dringen sollten diese Reizpunkte nicht, doch der FC Bayern muss von sogenannten Maulwürfen in seinen Reihen ausgehen. Dass die negative Berichterstattung in der Mehrheit der Fälle den spanischsprachigen Teil des Teams betrifft, ist auffällig und stößt dieser Fraktion selbstredend bitter auf. Es gibt Bruchstellen innerhalb des Klubs, die noch tiefer geworden sind, seit Guardiolas Abschied feststeht - auch wenn von den kolportierten Geschichten nur ein Teil korrekt sein sollte.

"Bayern München und Ruhe: Das passt ja irgendwo auch nicht. Alles in Harmonie, das können sie vergessen", sagte Sammer. "Aber wenn einer von uns zu Unrecht angegriffen wird - und sowohl bei Vidal als auch bei Guardiola ist es aus meiner Sicht zu Unrecht -, werde ich ihn immer in Schutz nehmen." Er habe "ein Näschen, was atmosphärisch notwendig ist", und, siehe da: "Wir brauchen Spirit, um ganz erfolgreich zu sein."

Nicht nur nach außen muss Sammer also moderierend wirken, sondern auch nach innen. Wenn er von Zündeleien spricht, wird ihm bewusst sein, dass derzeit zumindest viele Streichhölzer aus den eigenen Reihen gereicht werden. Mal schauen, wie lange es dauert, bis zu erfahren ist, wer Serdar Tasci den Kopfstoß zum Einstand verpasste.

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SZ vom 04.02.2016/jbe
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