Süddeutsche Zeitung

Champions League:Zwei Treffer für neuen Mut

Die Wolfsburgerinnen frischen im Halbfinal-Rückspiel der Champions League gegen Barcelona ihr Selbstvertrauen auf - um sich noch die nationalen Titel zu sichern.

Von Anna Dreher

Almuth Schult war in Partystimmung. Sie kletterte einen Metallzaun in der VW-Arena hoch, bis sie sicher stand und als sie ein Megafon bekam, legte sie los mit ihrem Animationsprogramm. Gerade hatten die Fußballerinnen des VfL Wolfsburg gegen den FC Barcelona gewonnen, 2:0 gegen das derzeit weltweit beste Team, da kann man schon mal ausgiebig mit den Zuschauern feiern, von denen so viele gekommen waren. Das Ergebnis war ein Statement. Damit hatte Wolfsburg die Serie der Katalaninnen von 45 Siegen hintereinander beendet und ihnen etwas von ihrer Aura der Unbesiegbarkeit genommen. Seht her, sie sind doch schlagbar! "Wir haben unser wahres Gesicht gezeigt", sagte Schult am Samstagabend, nicht mehr in ein Megafon, sondern in ein Mikrofon von Dazn. "Aber es ist natürlich bitter, dass wir das Duell im Hinspiel verloren haben."

Das war blöderweise der Haken bei der ganzen Sache: Das Champions-League-Finale in Turin am 21. Mai hat der VfL trotz des Sieges nicht erreicht. Dazu wären mehr Treffer nötig gewesen, nachdem Barcelona eine Woche zuvor über die Wolfsburgerinnen mit 5:1 vor einer Rekordkulisse von 91 648 Zuschauern geradezu hinweggefegt war. Der Triple-Sieger trifft nun in seinem dritten Königsklassen-Endspiel innerhalb der vergangenen vier Jahre auf Olympique Lyon (3:2/2:1 gegen Paris Saint-Germain) mit der deutschen Nationalspielerin Dzsenifer Marozsán. Es ist die Wiederauflage von 2019, als Barça keine Chance hatte und die 1:4-Niederlage verarbeitete, indem die Spielerinnen mehr, länger und härter trainierten - um 2021 schließlich zu reüssieren.

"Die Niederlage ist ein Weckruf", sagte Trainer Jonathan Giráldez in Wolfsburg. "Spiele wie das heutige sind Erfahrungen, die uns helfen." Lyon ist mit sieben Titeln Rekordsieger dieses Wettbewerbs und hat zum zehnten Mal das Finale erreicht - ein wahrer Routinier also, was große Spiele angeht. Bevor Barcelona den Titel 2021 erstmals gewinnen konnte, ging die Trophäe von 2016 bis 2020 an Olympique und wenn es nach dem Klub geht, wird das dieses Jahr wieder der Fall sein. Barcelona sei ein starkes Team, sagte OL-Trainerin Sonia Bompastor: "Aber mit dem Talent unserer Spielerinnen können wir diese Trophäe in einem Entscheidungsspiel gewinnen."

Tabea Waßmuth hat nun zehnmal in dieser Champions-League-Saison getroffen - so häufig wie Weltfußballerin Alexia Putellas

Für die VfL-Frauen begann der Abend ganz unabhängig vom Verlauf der Begegnung mit einem Erfolgserlebnis: 22 057 Menschen kamen in die VW-Arena. So viele, wie noch nie zu einem ihrer Heimspiele. Damit wurde eine acht Jahre alte Bestmarke (12 464) übertroffen. Auch das trug dazu bei, dass die Enttäuschung über das Aus bald verflog, der Abend fügte sich in eine Reihe von Zuschauerrekorden in dieser Champions-League-Saison.

Die erste Hälfte des Rückspiels war geprägt vom Ballbesitz Barcelonas, nur schien der katalanische Torhunger an diesem Abend nicht ganz so groß zu sein angesichts des komfortablen Vorsprungs aus dem Hinspiel - jedenfalls attackierte Barça weniger vehement. Dass sich die Spanierinnen nicht so gut entfalten konnten lag aber vor allem daran, dass die Wolfsburgerinnen diesmal defensiv kompakter standen, mutiger auftraten und sich diesmal nicht überrumpeln ließen. Bisweilen Glück und die gute Abwehr von Torhüterin Schult verhinderten eine Führung der Gäste.

Nach der Pause vergingen keine zwei Minuten, ehe Tabea Waßmuth mit ihrem zehnten Tor dieser Champions-League-Saison - und damit ebenso vielen wie Barças Weltfußballerin Alexia Putellas - das 1:0 erzielte. Wenig später erhöhte Jill Roord (60. Minute) auf 2:0. Sie hatten die Gäste tatsächlich aus dem Rhythmus gebracht. Nun war zu beobachten, dass auch das so selbstbewusste und versierte Barça-Team gestresst und beeindruckt werden kann. Mehr als sie es gewohnt sein dürften, waren sie mit der Defensive beschäftigt, während Wolfsburg aus den Treffern neuen Mut und Energie schöpfte.

Mit Kontern wurde der VfL immer wieder gefährlich und dürfte sich gefragt haben, wohin all das wohl hätte führen können, wenn nicht individuelle Patzer dazwischengefunkt hätten. "Ich bin sehr stolz", sagte Roord. "Letzte Woche war schrecklich für uns, wir haben uns selbst gar nicht gezeigt. Das ist nicht schlimm, Barcelona ist die beste Mannschaft momentan. Aber heute haben wir gezeigt, dass wir dieses Niveau auch in uns haben."

Noch ein Grund für die gute Laune trotz Halbfinal-Aus war, dass das Team bewusst ohne Erwartungen in die Saison gestartet war und diese also nur übertreffen konnte. Mit dem 33-jährigen Tommy Stroot hatte ein neuer Coach mit neuem Trainerteam einen durch diverse Wechsel umgestalteten Kader übernommen. Lieber nicht zu viel vornehmen, lautete das Kredo. "Wir wissen, was möglich gewesen wäre", sagte Stroot nach dem 2:0 noch. "Auch wenn das hier das Ende ist, ist es der Beginn einer wahnsinnigen Reise." In der Bundesliga sind die Wolfsburgerinnen Erste, im Pokalfinale treffen sie am 28. Mai auf Turbine Potsdam. Diese Reise führt sie also womöglich bald zum Double.

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