Süddeutsche Zeitung

Fußball-Bundesliga:Es war einmal ein stolzer HSV

Am 80. Geburtstag von Klublegende Uwe Seeler kassiert der Hamburger SV gegen Dortmund fünf Gegentore. Trainer Markus Gisdol bleibt nur, den Existenzkampf auszurufen.

Eine schöne Hommage an Uwe Seeler sollte es werden, wenigstens ihm wollte der Hamburger SV eine Freude machen. Eine Torte in Form eines HSV-Trikots mit der Nummer 80 darauf bekam die Legende vor dem Anpfiff auf dem Rasen, wichtige Menschen gratulierten ihm zum 80. Geburtstag, und das Publikum im Volksparkstadion sang Happy Birthday.

"Heute sind wir alle Uwe", hieß es auf der Anzeigetafel, manche der 57 000 Zuschauer trugen eine Seeler-Maske. Der Jubilar dankte gerührt und wünschte "ein tolles Spiel", nachher werde man gemeinsam "eine Schallplatte aufnehmen". Doch dann, ja dann mündete die Party am nasskalten Samstagnachmittag in das nächste Debakel dieses einst so stolzen Klubs.

2:5 gegen Borussia Dortmund. 0:3 zur Halbzeit und 0:4 nach 48 Minuten durch vier Treffer von Pierre-Emerick Aubameyang. Genau, jener Aubameyang, der noch am Mittwoch gegen Lissabon wegen schlechten Benehmens gefehlt hatte und diese Ehrung für den ehemaligen Torjäger Seeler nun als einziger Angreifer so richtig ernst zu nehmen schien.

Vom HSV wirkte mit Verspätung nur Nicolai Müller ein bisschen am Uwe-Gefühl mit, indem er nachher immerhin noch zweimal für die Gastgeber traf - so viele Tore hatte der Abstiegskandidat von der Elbe in sämtlichen neun Partien zuvor insgesamt erzielt. "Es ist schwer, nach so einem Spiel Worte zu finden", sprach Markus Gisdol, der Trainer der Verlierer. Mit zwei Punkten und 4:23 Toren ist sein Team mit Abstand Tabellenletzter, während sich der Kollege Thomas Tuchel mit seinem Ensemble vor dem Vergleich mit dem FC Bayern in zwei Wochen wieder auf den vorderen Plätzen einrichtet. Kein einziges Mal hat Gisdols Elf gewonnen, seit er Ende September Bruno Labbadia ablöste.

Gisdols Dreierkette ist ein Desaster

Die Erwartungen seien in Hamburg anders als zum Beispiel in Darmstadt oder Ingolstadt einfach zu groß gewesen, klagte der Schwabe, darunter leide man noch immer. Inzwischen müsse jeder verstehen, dass dies reiner Existenzkampf sei. Wobei die meisten Sportfreunde schon vor Gisdols Notverpflichtung geahnt hatten, dass der HSV in diesem Zustand eher um eine dritte Bewährungsprobe in der Relegation kämpfen dürfte als um die Rückkehr in Europa- oder Champions League.

Vor allem war diesmal sehr schnell zu erkennen, dass der HSV die derzeit schlechteste Abwehr und der BVB einen der besten Stürmer der Bundesliga beschäftigt. Deshalb misslang das Seeler-Fest bereits nach einer halben Stunde und drei Gegentoren, wie man sie selten in Serie zu sehen bekommt. Nach vier Minuten schoss Emre Mor nach einer Flanke von Christian Pulisic, René Adler wehrte sehr unglücklich ab, Aubameyang brauchte nur noch den Fuß hinzuhalten, 0:1.

Nach 23 Minuten verlor Kapitän Johan Djourou nach einem Missgeschick des Brasilianers Douglas Santos den Ball als letzter Mann noch ungeschickter am eigenen Strafraum, Mor bediente Aubameyang, 0:2. Nach 27 Minuten kam der Ball nach Adlers Abschlag sogleich von Marc Bartras Kopf aus der Dortmunder Hälfte zurück, Aubameyang nahm ihn auf und rannte alleine aufs Tor zu, 0:3. Individuelle Fehler hätten den Plan über den Haufen geworfen, bedauerte Gisdol. Seine Dreierkette mit Djourou, Spahic und Cléber war ein Desaster, dabei sollte sie diesen Aubameyang stoppen.

Ein dritter Hamburger Treffer wird nicht gegeben

Zwei weitere erstklassige Chancen ließ der Gabuner allein in diesem ersten Drittel der Partie noch aus, aber gleich nach Wiederbeginn legte er nach. Das nächste Problem der Hamburger Defensive war diesmal ein vereintes Missverständnis von Djourou und Manndecker Emir Spahic - Zuspiel Pulisic, Schuss Aubameyang, 0:4 nach 48 Minuten. Gisdol setzte sich bald frustriert auf die Bank, neben der ein Uwe Seeler aus Pappe stand.

Tuchel dagegen konnte Nationalspieler wie Mario Götze, André Schürrle und Julian Weigl ausruhen lassen, Verletzte wie Marco Reus und Sven Bender kamen eh nicht ins Aufgebot. Es reichte in dieser Besetzung lässig für den HSV. Obwohl sich die Hausherren am Ende zumindest Mühe gaben, sich nicht komplett zu blamieren.

Müllers 1:4 war das erste HSV-Tor nach 737 Spielminuten, nach dem 1:5 von Ousmane Dembélé ließ er mit einem strammen Schuss das 2:5 folgen. Ein weiterer Treffer von Michael Gregoritsch wurde wegen vermeintlichen Fouls aberkennt, doch zumindest kam kurz Stimmung in die Arena. In der zweiten Halbzeit sei es wenigstens gelungen, sich nicht vorführen zu lassen und dagegen zu halten, lobte Gisdol. Man habe diese zweite Halbzeit nicht verlieren wollen, erläuterte der Doppeltorschütze Müller, aber der Anfang sei grausig gewesen, "unverständlich."

Man brauche auch mal Glück, um freier aufzuspielen, gab Djourou zu bedenken. So ähnliche Sätze sind immer wieder zu hören. Woche für Woche mache ein anderer Fehler, stellte Gisdol fest, er könne trotzdem keinem den Kopf abreißen. Die Pfiffe verstehe er auch, "aber das hilft uns überhaupt nichts". Wie gefiel das alles Uwe Seeler, dem treuen, bescheidenen, jetzt 80-jährigen Ehrenbürger? "Den Geburtstag lasse ich mir nicht verderben", sagte er. "Außer Uwe könnt ihr alle gehen", sangen einige Fans, das passt sicher nicht so gut auf seine Schallplatte.

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SZ vom 06.11.2016/fued
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