Süddeutsche Zeitung

Schwimm-EM:Er trainiert für die Extreme

Florian Wellbrock zeigt bei der EM in Budapest, dass jeder Armzug gerade nur Olympia gilt: Über zehn Kilometer gewinnt er im Schlussspurt Bronze. Wasserspringer Patrick Hausding erobert seine 17. EM-Medaille.

Von Saskia Aleythe

Schwimmen, bis die Kappe vom Kopf rutscht, das muss ungefähr die Art Zweikampf sein, die sich Florian Wellbrock vorgestellt hatte. Der 23-Jährige liebt das Duell gegen seine Konkurrenten, noch mehr, nachdem er vor ein paar Wochen bei der deutschen Olympia-Qualifikation in Berlin ganz allein durchs Becken pflügen musste aus Mangel an Konkurrenz. Nun also der Lupa-See in Budapest, EM-Rennen im Freiwasser über zehn Kilometer: Da kämpfte Wellbrock bis zur Ziellinie gegen Marc-Antoine Olivier um Silber, dann hüpfte die Kappe vom Kopf. Wellbrock schlug 0,3 Sekunden später an als der Franzose, Bronze also. Eine Enttäuschung für den Weltmeister Wellbrock?

Jeder Armzug ist gerade auf Olympia ausgerichtet, und diese EM soll vor allem der Anpassung an besondere Umstände dienen. Erfahrungen sammeln im Getümmel im Freiwasser, Konkurrenzbeobachtung, so etwas eben. "Im Endeffekt kann man mit der Bronze-Medaille ganz zufrieden sein", sagte Wellbrock, als noch das Wasser von seinem Anzug tropfte, Gregorio Paltrinieri aus Italien gewann nach 1:51:30,6 Stunden Gold. Es war die erste Freiwasser-Medaille für die Deutschen in Budapest. Am Mittwoch hatte Wasserspringer Patrick Hausding vom Ein-Meter-Brett mit Gold geglänzt (Foto), und Tina Punzel und Lou Massenberg eroberten Silber im Mixed-Synchronspringen vom Drei-Meter-Brett. "Meine 16. Goldmedaille, das klingt ein bisschen surreal", sagte Hausding, am Donnerstag kam die 17. im Drei-Meter-Synchronspringen mit Partner Lars Rüdiger hinzu. "Letzte Saison waren wir noch die Underdogs, jetzt haben wir gezeigt, dass wir Medaillenkandidaten bei Olympia sind", sagte der 32-Jährige.

Gleiches gilt auch für Wellbrock, der weiß, dass in Tokio ganz andere Bedingungen herrschen werden, was ihn schon am Donnerstag im Rennen über fünf Kilometer zu einem interessanten Manöver verleitet hatte. Obwohl der See nur 18,9 Grad warm war - Wellbrock ist 26 Grad aus dem Becken gewohnt - hatte er als einziger Starter im Feld den Neoprenanzug im Schrank gelassen. Der sorgt für Auftrieb und damit für Tempo, und schützt natürlich auch vor Kälte. Das ist also beinahe so, als würde ein Langläufer mit ungewachsten Skiern in einen Wettkampf starten. In kurzen Hosen. Doch wie gesagt: alles für Olympia. In Tokio werden die Temperaturen ins andere Extrem gehen, die Freiwasser-Wettbewerbe müssen früh am Morgen ausgetragen werden. Im Schwimmanzug ohne Ärmel kam Wellbrock auf Rang neun, sieben Sekunden hinter Paltrinieri. Nur sieben Sekunden, in Anbetracht der Umstände. "Mir war es wichtig, noch einmal einen Wettkampf in diesem Anzug zu haben", sagte Wellbrock, wichtiger als eine EM-Medaille.

Mit Extremen muss ein Freiwasserschwimmer umgehen können, sagt sein Trainer Bernd Berkhahn, über die Distanz von zehn Kilometern ist Wellbrock dann auch in Neopren angetreten. "Ich bin recht weit vorne geschwommen, weil ich mich im Pulk nicht zurechtgefunden habe", sagte der Weltmeister von 2019, bis zum letzten Kilometer hatte er das Feld mit angeführt. In der letzten der fünf Runden zogen Paltrinieri und einige Konkurrenten vorbei, da habe Wellbrock "ein bisschen zu wenig Gegenwehr" gezeigt, sagte Berkhahn. Doch Wellbrock kämpfte sich zurück, "das hat er stark gemacht." Eine Erfahrung, die man so mal mitnehmen kann.

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