Süddeutsche Zeitung

FC Bayern:Lewandowski reicht seine Kandidatur ein

Ein Bundesligaprofi als Weltfußballer? Absurd ist der Gedanke nicht, denn kaum ein anderer hat in dieser seltsamen Saison so zuverlässig geliefert wie Lewandowski.

Von Javier Cáceres, Berlin

Für die Interessen des FC Bayern war es am Samstag, perspektivisch betrachtet, vielleicht nicht die schlechteste Nachricht, dass an Trainer Hansi Flick noch eine kuriose Frage erging. Sie lautete im Kern, ob sein Stürmer Robert Lewandowski nicht zum Kreise der Kandidaten für den Titel des Weltfußballers gezählt werden müsse.

"Wenn ich es einfach mal nach Toren messe", sagte Flick: "Er hat in der Bundesliga 34 Buden gemacht. Und 51 Pflichtspieltore insgesamt sind auch eine Hausnummer, da kann man auch mal nachdenken, dass man mal einen Spieler aus der Bundesliga zum Weltfußballer machen kann." Ein Novum wäre es: Seit der Erschaffung des Preises im Jahr 1991 hat es nie einen Bundesligaprofi auf dem höchsten Treppchen des Podiums gegeben; der Preisträger im Debütjahr der Auszeichnung, Lothar Matthäus, spielte seinerzeit bei Inter Mailand.

Nun also Robert Lewandowski , beim 4:2 im Endspiel gegen Leverkusen Schütze zweier Treffer? "Mit diesen wichtigen Toren ist er ein Kandidat, um Weltfußballer zu werden", sagte Matthäus selbst am Samstagabend bei Sky, "ich weiß, wovon ich spreche." Sollte Lewandowski noch den Goldenen Schuh holen, "ist er Ende des Jahres ein ganz großer Favorit auf den Titel", sagte er weiter.

Was wäre passiert, hätte Lewandowski alle 34 Spiele bestreiten können?

Absurd ist der Gedanke nicht: Diese seltsame Saison hält keinen Spieler parat, der behaupten könnte, ihr seinen Stempel aufgedrückt zu haben - ob er nun Sadio Mané (FC Liverpool), Karim Benzema (Real Madrid), Lionel Messi (FC Barcelona), Ronaldo (Juventus) oder Kylian Mbappé (Paris Saint-Germain) heißt. Lewandowski kann immerhin darauf verweisen, dass er zuverlässig geliefert hat.

Gegen Leverkusen erzielte er seine Pokalfinaltore sieben und acht, so viele schaffte nicht einmal die Bayern-Legende schlechthin, Gerd Müller. Und wer weiß, was passiert wäre, wenn Lewandowski alle 34 Bundesligaspiele der abgelaufenen Saison hätte bestreiten können. Womöglich wäre Müllers bislang unumstößlicher Rekord von 1971/72 (40 Tore in 34 Spielen) doch ins Wanken geraten.

Dass Lewandowski von den Musen geküsst worden ist, war auch am Samstag zu sehen, bei seinem Lupfer zum zwischenzeitlichen 4:1, aber vor allem beim dritten Tor der Bayern. Einen langen Ball von Manuel Neuer hatte er mit der Geschmeidigkeit eines Bolschoi-Tänzers vom Berliner Himmel gepflückt, ehe er so etwas wie einen Schuss mit Schrot abließ. Er zog mit brachialer Gewalt ab, der Ball sprang von den Armen des Leverkusener Torwarts Lucas Hradecky auf den Boden, dann wieder ans Gesäß des Finnen - und von dort ins Tor.

"Überraschend", fand Lewandowski. Und, ach ja, warum der Samstag eine perspektivisch gute Nachricht für die Bayern war? Weil die Bewerbung um den Titel des Weltfußballers über die Champions League führt. Und es kaum einen Spieler geben dürfte, der motivierter ist als Lewandowski.

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SZ vom 06.07.2020/vit
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