Süddeutsche Zeitung

Gnabry und Lewandowski:Sturmduo für große Aufgaben

  • Beim 3:0 des FC Bayern beim FC Chelsea sind Serge Gnabry und Robert Lewandowski die Hauptdarsteller.
  • Gnabry schießt seine Tore fünf und sechs in London, Lewandowski legt beide vor und trifft nach sieben K.-o.-Spielen ohne Tor selbst.
  • Der FC Bayern tritt in London erwachsener auf als zuletzt in der Bundesliga - und formuliert die höchsten Ziele.

Von Tim Brack, London

In K.-o.-Spielen, gerade in der Champions League, können kleine Momente über viel entscheiden. Einer dieser Momente trug sich am Dienstag an der Stamford Bridge zu, als der Stürmer des FC Bayern ziemlich alleingelassen vorm gegnerischen Torwart auftauchte. Gut, er war nicht frei zentral vorm Tor, sondern leicht links versetzt auf Höhe des zweiten Pfostens und Verteidiger waren auch in Sicht. Aber die Position war für den Stürmer von Weltklasse-Format gut genug, um selbst abzuziehen. Der Stürmer stand unter Druck, ein Treffer hätte eine Serie von sieben torlosen K.-o.-Spielen in der Königsklasse beendet.

Es wäre dem Stürmer also nicht zu verdenken gewesen, hätte er sein Glück versucht. All die Zweifler und Minutenzähler wären verstummt. Doch der Stürmer passte auf seinen Mitspieler zurück, der ihm zuvor den Ball serviert hatte, dieser musste dann nur noch zum 1:0 einschieben. Es war eine reife Entscheidung gewesen, die Robert Lewandowski in der 51. Minute im Bruchteil einer Sekunde gefällt hatte. Und eine, die Serge Gnabry sein Tor ermöglichte. Die Entscheidung stand an diesem Abend in London stellvertretend für die erwachsene Leistung des FC Bayern.

Am Ende siegten die Münchner im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League 3:0 (0:0) und können fast sicher für das Viertelfinale planen, auch wenn alle Beteiligten brav aufsagten, dass das nächste Spiel bei 0:0 beginnt. Der selbstlose Lewandowski steuerte auch einen Treffer zum formidablen Resultat bei (76.). Zuvor hatte er auch noch das 2:0 durch Gnabry vorbereitet (54.), es resultierte ebenfalls aus einem Doppelpass der beiden. Auf 17 Tore kommen die zwei Offensivspieler nun in der aktuellen Champions-League-Saison (Lewandowski auf elf, Gnabry auf sechs) - kein anderes Sturmduo in Europa hat eine solche Quote.

Gnabry, 24, bedankte sich nach dem Spiel artig bei Lewandowski für die Uneigennützigkeit. "Ich habe ihn schon ein paar Mal umarmt", sagte der Flügelspieler bei Sky. "Wir freuen uns einfach, es war super von ihm aufgelegt und so haben wir heute gewonnen." Wie gut die beiden harmonieren, hatten sie zuletzt schon in der Bundesliga gezeigt, als Gnabry Lewandowski gegen Paderborn zwei Treffer auflegte und einen selbst erzielte. Nun revanchierte sich der Pole für die Dienste.

Gnabry schrieb an diesem Abend aber auch die Fortsetzung einer Geschichte, die vor fünf Jahren begonnen hatte. Damals war er beim Londoner Verein FC Arsenal ausgebildet worden, ein Treffer war ihm in der englischen Hauptstadt nie für die "Gunners" gelungen. Als er im vergangenen Oktober mit Bayern zurückkehrte, klappte es gleich viermal gegen Tottenham. Gegen Chelsea ließ er nun zwei weitere Treffer folgen. "Arsenal fragt sich das vielleicht auch, warum er jetzt in London auf einmal trifft wie am Schnürchen", sagte Thomas Müller bei Sky. "Aber ich bin froh, dass er das erst jetzt tut und nicht vor fünf Jahren, denn sonst wäre er vielleicht gar nicht bei uns." Der Doppeltorschütze konnte sich seine Treffsicherheit auch nicht so recht erklären. "Viele Freunde sind noch hier, vielleicht verleihen die mir Kraft."

Die Vorstellung von Gnabry und Lewandowski gefiel auch Bayerns Sportdirektor Hasan Salihamidzic, der aber den Fokus nicht zu sehr auf die Torschützen lenken wollte. "Es wäre jetzt unfair, jemanden herauszuheben", sagte Salihamidzic. Er sah viel mehr "eine sensationelle Mannschaftsleistung" und lobte das Mittelfeld um Thiago und Joshua Kimmich sowie die Abwehrkette um den nimmermüden Alphonso Davies, der bei seinem ersten K.-o.-Spiel ebenfalls erstaunlich erwachsen auftrat.

Dass das Lob auf alle Beteiligten verteilt werden musste, sprach dafür, dass in London etwas zu beobachten war, was den Münchner zuletzt selten gelungen ist: Sie spielten zwei Hälften auf sehr gutem Niveau. In der Bundesliga hatten sie sich vor oder nach der Halbzeit gegen Gegner wie Mainz, Köln und Paderborn regelmäßig Schlampereien erlaubt. "Wir haben es heute ein bisschen besser durchgezogen als vielleicht in anderen Spielen in der Bundesliga", resümierte Müller.

Die Champions League scheint die Konzentration der Spieler zu schärfen. "Der Plan, den wir hatten, ist voll aufgegangen", sagte auch Salihamidzic. Der Sportdirektor erhofft sich, dass seine Spieler "Highlights mitnehmen, Selbstvertrauen mitnehmen, aber sich dann wieder auf die Bundesliga konzentrieren".

In London verweilten die Gedanken aber noch ein bisschen bei der Champions League. Die scheint in den Köpfen der Spieler wieder präsenter zu werden, was mit dem Beginn der K.-o.-Runde zu tun haben dürfte - aber auch mit steigender Form und Selbstsicherheit unter Trainer Hansi Flick. Die wiederum führt ja zu einer größeren Chance auf den Gewinn des prestigereichsten Wettbewerbs.

"Sind absolut in der Lage, die Champions League zu gewinnen"

Manuel Neuer sagte, dass es nach der Gruppenphase mit ausschließlich Siegen "ganz wichtig war, wieder ein Statement zu setzen". Thomas Müller wagte sich ganz der Stürmer noch weiter vor: "Ich habe ja bewusst schon formuliert, dass wir absolut in der Lage sind, die Champions League zu gewinnen. Das liegt jetzt nicht an dem Ergebnis von heute. Das ist nur die Konsequenz unserer Arbeit der letzten Wochen und Monate."

Auch Karl-Heinz Rummenigge gefällt, was Flick, der offiziell erst einmal bis Sommer Trainer ist, mit der Mannschaft anstellt. Der Vereinsboss übergab ihm beim Bankett ein nachträgliches Geschenk, weil Flick am Montag seinen 55. Geburtstag hatte. "In dem roten Päckchen ist ein Stift", sagte Rummenigge, "und mit Stiften unterschreibt man bei Bayern München manchmal auch Papiere." Als ehemalige Weltklasse-Stürmer weiß Rummenigge eben auch, wann man eine gute Vorlage spielen muss.

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