Süddeutsche Zeitung

FC Barcelona:Messi lächelt wieder

Beim 4:0-Saisonstart gegen Villarreal versucht Barça, das blamable Sommer-Theater um Lionel Messi vergessen zu machen - ein Stürmer von elektrischer Geschwindigkeit hilft dabei besonders mit.

Von Javier Cáceres

Die Hierarchie beim FC Barcelona ist noch intakt. Und vielleicht liegt die Betonung noch viel mehr auf dem Wörtchen "noch", als man heute ahnen kann.

Etwas mehr als eine halbe Stunde war in Barcelona gespielt, als der junge Stürmer Ansu Fati gegen den FC Villarreal einen Elfmeter herausgeholt hatte, nachdem er wie ein Blitz auf dem Rasen des Camp Nou eingeschlagen hatte. Die Logik besagte, dass er den Strafstoß treten würde, um dann im Alter von 17 Jahren und 332 Tagen der jüngste Schütze eines Hattricks der Geschichte der spanischen Liga zu werden - denn zuvor hatte er schon zwei Treffer gegen den überforderten FC Villarreal erzielt (15./19.).

Doch es war Kapitän Lionel Messi, der den Ball nahm und zum zwischenzeitlichen 3:0 versenkte (35.), ehe Barcelona durch ein Eigentor von Pau Torres auch noch zum 4:0-Endstand kam (45.). Für den neuen Barça-Coach Ronald Koeman war das der vielbesungene Einstand nach Maß: Einen Sieg mit mindestens vier Toren beim Debüt hatten beim FC Barcelona nur sieben Trainer hingelegt, darunter der verstorbene Udo Lattek vor knapp 40 Jahren. Doch aus Barça-Sicht war das zweitrangig. Viel wichtiger war, was nach dem Elfmeter zu sehen war. Denn Messi lächelte.

Diese Partie war in vielerlei Hinsicht die erste Partie: die erste nach Barcelonas Champions-League-Debakel gegen den FC Bayern (2:8), die erste Partie der neuen Saison, vor allem aber: die erste nach dem Sommer-Theater. Zur Erinnerung: Messi kündigte vor einem Monat seinen Abschied an und durfte dann doch nicht gehen; zwei seiner besten Freunde, Arturo Vidal und Luis Suárez, mussten den Klub verlassen; es verkrustete in der Summe Messis unauflösbaren Konflikt mit der Vereinsführung.

Wäre er nicht Zeit seines Lebens von unentzifferbarem Gestus gewesen, so wäre es ein Leichtes gewesen, ihm zu attestieren, dass ihn die gesamte Gemengelage auch am Sonntag noch gehörig nervte. Denn wenn die Kamera sein Gesicht einfing, sah man ein ernstes Gesicht. Konnte man erahnen, wieviel Groll Messi in sich trägt. Und es stand überdies zu vermuten, dass er an seinen Freund Luis Suárez dachte. Denn Suárez hatte nur wenige Stunden zuvor erstmals das Trikot von Atlético Madrid getragen - und als Einwechselspieler in 20 Minuten zwei Tore erzielt und eine Vorlage gegeben.

Der bisherige nominelle Mittelstürmer Atléticos, Diego Costa, war dankbar um die Verpflichtung des uruguayischen Konkurrenten: "Mit Suárez? Sehr gut! Der eine beißt, der andere schlägt zu...", sagte Costa nach dem 6:1 gegen Granada. All das linderte auf Seiten Barcelonas Ansu Fati, ein Stürmer von elektrischer Geschwindigkeit und dem Gesicht eines Messdieners, in dem er am Sonntag im Camp Nou die Kameras usurpierte.

Obwohl Fati erst 17 Jahre alt ist, hat der FC Barcelona bereits vier Mal seinen Vertrag aufbessern müssen. Zuletzt gab man ihm eine Rückennummer (22) und also eine Profilizenz fürs erste Team, was eine Klausel aktivierte, die seine Ablösesumme automatisch auf 400 Millionen Euro erhöhte. Das ist offenbar bitter nötig. In der spanischen Nationalelf hat Fati bereits geglänzt, zuletzt flatterte beim FC Barcelona ein Angebot über 170 Millionen ins Haus, angeblich von Manchester United; das Geld wäre Barcelona willkommen, um den Mittelstürmer zu holen, den Trainer Koeman immer noch für nötig hält. Aber: Barcelona lehnte das Angebot ab. Denn man weiß zu gut, dass Fati schon jetzt als einer der Spieler gilt, denen die Zukunft des Fußballs gehören wird.

Fati zündet sein Feuerwerk

Gegen Villarreal zeigte er am Sonntag eine Leistung, die fantastisch mit dem pyromusikalischen Spektakel korrelierte, das am Sonntag in Barcelona tobte. Aus Anlass des Endes der "Festes de la Mercè", den fünftägigen Stadtpartys zu Ehren der Schutzheiligen der katalanischen Kapitale wurden Raketen gezündet, die diesmal höher flogen als in früheren Jahren, damit die Menschen der pandemiegeplagten Stadt sie auch von ihren Balkons sehen konnten. Fati zündete sein Feuerwerk auf dem Rasen. Und das war mindestens ebenso spektakulär.

"Er ist ein junger Spieler, der noch Beständigkeit in seinem Spiel und in seiner Leistung braucht", sagte Trainer Koeman über das neue Feuer, das in seinem Team lodert, "aber er hat gezeigt, dass er eine große Zukunft vor sich hat. Ich bin sehr froh über sein heutiges Spiel". Nach dem Spiel schloss er Fati in die Arme: "Ich habe ihm gesagt, dass er ein großartiges Spiel gemacht hat." Doch nicht nur wegen Fati weckte Barcelonas Spiel unter den Fans des katalanischen Traditionsvereines Hoffnung.

Das Team fand sich im neuen System (4-2-3-1), in dem auch der vormalige Bayern-Leihspieler Philippe Coutinho gefiel, gut zurecht. Im Grunde arbeitete die ganze Mannschaft auch beim Spiel gegen den Ball so emsig, dass man kaum glauben konnte, was die Aufstellung besagt hatte: dass die einst angekündigte Revolution im Grunde ausgeblieben war. Auf dem Platz standen gleich sieben Spieler, die das 2:8 gegen die Bayern mitverschuldet hatten, unter ihnen: Messi, 33, der als "falsche Neun" hinter den Spitzen agierte und eine gute Leistung bot.

Fati freute sich auch am Sonntag daran, ihn an seiner Seite zu haben. "Ich hatte schon als Kind den Traum, mit ihm zusammenzuspielen, nun kann ich es machen. Er hilft mir immer und gibt mir Ratschläge", sagte Fati. Dass er seine Leistung nicht mit einem Hattrick krönte, es fiel nicht ins Gewicht. Denn in Barcelona hoffen sie, den vielgesuchten Erben Messis in den eigenen Reihen gefunden zu haben.

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