Süddeutsche Zeitung

FC Arsenal:Außer Kontrolle zum "Giroud-Goal"

Skorpion-Kick? No-Look Donkey-Kick? Bielmann-Pirouette? Nicht einmal Arsenal-Stürmer Olivier Giroud glaubt, dass sein Tor jemals wiederholt werden kann.

Von Thomas Hummel

Ist das die neue Mode des Fußballs? Fliegen nun all die eitlen Stürmer dieser Welt per Hecht durch den Strafraum, klappen den Unterschenkel nach vorne und versuchen den Ball mit der Hacke ins Tor zu lenken? Wie dieser Henrikh "Flickitaryan". Oder lehnen schlicht ihren Oberkörper nach vorne und heben ein Bein in die Luft wie eine Ballerina? Wie dieser Olivier Giroud.

Skorpion-Kick nennen sie so was in England. Oder "no-look donkey-kick" - wörtlich übersetzt: Eselstritt ohne hinzusehen, wie es die Zeitung Guardian taufte. Wie man es auch nennt: Das Tor des ehemaligen Dortmunders Mkhitaryan für Manchester United war schon erstaunlich. Doch der Treffer am Sonntagabend von Arsenal-Angreifer Olivier Giroud ließ bei erster Ansicht kurz den Gedanken zu, ob es sich hier eventuell um Fake-News handeln könnte. Um eine Computer-Animation.

"Er verwandelte das Tor in Kunst"

Nein, dieses Tor fand tatsächlich auf dieser Erde statt, im realen Leben. Trainer Arsène Wenger, der seit 21 Jahren in London arbeitet, kramte anschließend in seiner französischen Seele, wo oftmals viel Gespür für das Schöne im Leben zu finden ist. "Mit dem Tor hat er Fußball zur Kunst gemacht. Kunst wegen der Überraschung, der Schönheit der Bewegung. Es wird in Erinnerung bleiben als das Giroud-Goal, das niemand vergessen wird." (Das Tor können Sie hier sehen)

Das Unvergessliche hat oftmals die Neigung, an seltsamen Orten, in seltsamen Momenten zu passieren. Einfach so, ohne dass jemand damit rechnen konnte. Neujahrstag in London, es regnet Katzen und Hunde, wie sie hier sagen. Mesut Özil, der eigentlich für Kunst beim FC Arsenal zuständig ist, muss erkrankt absagen. Gegner ist das Team von Crystal Palace, in der Tabelle kurz vor der Abstiegszone. Mit dem neuen Trainer Sam Allardyce. Ja, genau der Allardyce, der kürzlich englischer Nationaltrainer werden sollte und sich dann vor versteckter Kamera um den Job brachte, als er angeblichen asiatischen Investoren Tipps zur Umgehung von offiziellen Transferregeln gab. Nach nur einem Spiel wurde er unter großem Getöse entlassen.

Als neuer Palace-Trainer sitzt Allardyce mit einer viel zu großen und hochstehenden Mütze auf der Trainerbank und sieht ein wenig aus wie ein Gartenzwerg. Die Leistung der Mannschaft passt sich an Wetter und Aussehen des Trainers an. Nach 17 Minuten spielt Mathieu Flamini einen Fehlpass am gegnerischen Strafraum, es ist der Beginn eines rasanten Arsenal-Konters. Eingeleitet unter anderem von einem Pass mit der Hacke von: Olivier Giroud.

Die Flanke auf Giroud kam eigentlich lausig

Der Franzose rennt anschließend so schnell er kann Richtung andere Spielfeldseite, wo er ja hingehört als Stürmer. Der Ball ist schon bei Alexis Sánchez auf dem linken Flügel, der Chilene flankt, eine lausige Flanke. Giroud ist viel zu schnell, der Ball segelt in seinen Rücken. Zur folgenden Szene wird der 30-Jährige später sagen: "Das war außer Kontrolle, ich hab mir einfach was ausgedacht in dem Moment. Das war sicherlich Zufall in dem Sinne, als dass niemand ernsthaft hoffen kann, das wiederholen zu können."

Weil der Ball so miserabel hereinfliegt, streckt Giroud sein linkes Bein über seinen Rücken nach oben. Es sieht ein wenig aus wie die berühmte Bielmann-Pirouette beim Eiskunstlaufen, wo die Athletinnen ein Bein und die zwei Arme über den Kopf zusammenführen. Giroud trifft mit der Hacke den Ball, derart abgelenkt fliegt er an die Unterkante der Latte ins Netz zum 1:0.

Wer will dieses Tor wiederholen?

Ein Moment, in dem sich alles zusammenfügt: Die verblüffende Beweglichkeit des 1,92 Meter großen Rammstürmers Giroud. Die Verwunderung, dass man in der Geschwindigkeit eines Premier-League-Angriffs eine solche Zirkusnummer erfolgreich ausführen kann. Und die Freude, einem wirklich einmaligen Ereignis beizuwohnen. Denn Giroud hat ja recht: Wer will dieses Tor wiederholen?

Tore mit dem Skorpion-Kick sind (bislang) so selten wie internationale Erfolge der englischen Nationalmannschaft. Fritz Walter schoss einmal ein solches Tor, 1956 vor 100 000 Zuschauer in Leipzig beim Duell des Meisters West (Kaiserslautern) gegen den Meister Ost (Wismut Karl-Marx-Stadt). Es firmiert als Jahrhundert-Tor. Später wurde der kolumbianische Torwart René Higuita berühmt, weil er bisweilen Schüsse auf sein Tor mit dem Skorpion-Kick abwehrte.

Man darf nun gespannt sein, ob die Könige der Torjäger das auf sich sitzen lassen. Ob Cristiano Ronaldo schon übt? Oder Zlatan Ibrahimovic, dem schon einmal ein ähnliches Werk gelang? Gary Lineker wird es mit seinen 56 Jahren wohl nicht mehr versuchen. Der ehemalige Stürmer ist heutzutage erster Repräsentant des englischen Humors und twitterte nach Girouds Treffer am 1. Januar: "Ohne Zweifel das beste Tor in diesem Jahr."

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