Süddeutsche Zeitung

DFB-Elf gegen Portugal:Endlich mal ein Spaß-Spiel

Minimale Änderungen, große Wirkung: Joachim Löw setzt gegen Portugal auf die gleiche Mannschaft wie gegen Frankreich - justiert aber an den richtigen Stellen nach. Entscheidend dabei: Die Flügelzange und vor allem Robin Gosens.

Von Martin Schneider

Robin Gosens hätte sein Tor eigentlich gar nicht mehr schießen sollen. "Zum Glück hat mich der Coach noch ein bisschen draufgelassen, damit ich die Hütte machen konnte", erzählte er am ARD-Mikrofon mit immer noch ansteckend guter Laune. Gosens hatte leichte Probleme mit den Adduktoren, weil er vorher eine Partie spielte, bei der er nichts und niemand schonte, schon gar nicht seine Adduktoren.

Er sagte in den Interviews am Samstagabend auch noch, dass er "ultrahappy" sei, dass ihm "einer abgehe", wenn er für die Nationalmannschaft ein Tor schießen könne, er sagte ein paar Mal "geil", einmal auch "affengeil". Und er erzählte, dass ihm Thomas Müller vorgeworfen hätte, er würde schon nach 60 Minuten vom Feld gehen. "Der hat das direkt nach Spielende gesagt: Wie kannst du nach 60 runtergehen?! Da habe ich gesagt: besser gute 60 als schlechte 90. Ich glaube, damit ist das Thema durch." So ungefähr war Gosens Tag in München - am Ende war er sogar schlagfertiger als Thomas Müller.

Manchmal gibt es nach Spielen ja rege Debatten um den Mann des Spiels. Diesmal nicht. Zwei Torvorlagen, ein reguläres Tor per Kopf und ein annullierter Treffer per Volleyseitfallzieher, den sehr wahrscheinlich sogar die Erfinder der Abseitsregel hätten gelten lassen, weil man so ein Tor einfach nicht abpfeifen kann, aber Serge Gnabry stand in der Entstehung halt ein paar Zentimeter zu weit vorne, und so eine kalibrierte Linie fühlt einfach nichts. Sei's drum. Robin Gosens war unbestritten der Protagonist dieses 4:2-Sieges der deutschen Nationalmannschaft gegen Portugal.

Es geschah, wie von Löw vohergesagt

Ein Sieg, der die Chancen des DFB-Teams auf ein EM-Achtelfinale empfindlich erhöht, aber noch viel wichtiger war es seit gefühlten Ewigkeiten das erste Spiel der deutschen Männer-Fußballnationalmannschaft, das Spaß machte.

Wie es dazu kommen konnte? Tatsächlich hatte Joachim Löw den Verlauf des Spiels in der Pressekonferenz vor dem Spiel schon beschrieben. Diese Fragrunden haben völlig zurecht meist miese Einschaltquoten, es ist in der Regel ein Plattitüdenfestival. Aber Löw sagte da, man habe das Frankreich-Spiel analysiert, man müsse Feinheiten ändern, offensiver spielen, höher stehen, mutiger agieren, die Schwächen der Portugiesen ausnutzen, dann käme man zu Torchancen. Und genau so geschah es.

Löw, der vor dem Spiel vermutlich jeden Aufstellungstipp der Welt hätte lesen können, wenn er ihn hätte lesen wollen, schickte exakt die gleiche Mannschaft aufs Feld - aber er änderte Kleinigkeiten. Oder vielmehr: vermeintliche Kleinigkeiten.

Während seine Mannschaft gegen die Franzosen aus Angst vor Kontern und vermutlich auch nur aus Angst vor Kylian Mbappé tief stand und das Loch zwischen Abwehr und Angriff unüberwindbar war, schloss sie diesmal die Lücke. Toni Kroos und Ilkay Gündogan agierten tief in der gegnerischen Hälfte, aber mit der klaren Aufgabe, die noch weiter vorne stehenden Robin Gosens/Joshua Kimmich zu finden, für die das herrlich altmodische Wort "Flügelzange" wieder entstaubt wurde. "Alle waren zwei, drei Meter weiter vorne", sagte Thomas Müller später, vermutlich waren es allerdings eher zehn, 15 Meter. Aber der Plan klappte hervorragend, vor allem in den ersten 15 Minuten.

Nach dem Gegentreffer spielte die DFB-Elf einfach weiter

Es gehört dann zur zuweilen auftretenden Absurdität des Fußballs, dass Portugal trotzdem in Führung ging. Nach einem Konter, ausgeführt nach einer Ecke der Deutschen. Löw sagte später, er habe vor dem Spiel extra vor den Kontern der Portugiesen nach gegnerischen Ecken gewarnt, und er sagte wenig verklausuliert, das manchmal keiner auf ihn höre. (Löw: "Es gibt schon au klare Aufgaben, aber manchmal hat man das Gefühl, dass das net ganz so hundert Prozentig klappt au.") Kai Havertz war die letzte Absicherung und Kai Havertz kann unzweifelhaft viel, aber Innenverteidiger wird er nicht mehr. Cristiano Ronaldo schoss sein erstes Tor gegen Deutschland.

Das überraschendste an diesem Gegentreffer war, dass er so gar nichts mit der deutschen Mannschaft machte. Sie spielte einfach weiter - nur diesmal fielen die Tore und zwar alle durch die Flügelzange.

Tor eins: Kimmich auf Gosens, der nimmt direkt ab, Eigentor Ruben Dias. Tor zwei: Gosens nimmt den Umweg über Müller, der auf Kimmich, der passt rein, Eigentor Raphael Guerreiro. Tor drei: Kombinationsfußball zu Gosens, der auf Havertz, der hinein ins Tor. Tor vier: Kimmich direkt auf Gosens, der mit dem Kopf hinein.

Was gegen Frankreich nicht passte, passte diesmal. Serge Gnabry, der am Ende in keiner Tor-Statistik auftauchte, machte ein sehr gutes Spiel, Thomas Müller war wieder omnipräsent und Kai Havertz, am Dienstag noch von Paul Pogba abgekocht, war ebenfalls ursächlich an allen vier Treffern beteiligt. Dass Portugal dann noch durch eine lächerlich schläfrig verteidigte Standardsituation zum 2:4 kam, wird Löw helfen, auf die Dringlichkeit dieser Problematik hinzuweisen.

Zur Geschichte des Spiels gehört aber auch, dass Portugal definitiv nicht Frankreich war. "Ehrlicherweise muss man schon sagen, dass die Franzosen besser verteidigen können. Es war heut für uns einen Tick einfacher", gab Müller zu. Die Meinung war mehrheitsfähig. Vor dem 2:1 schien Portugal Gosens einfach zu vergessen. Und den Platz, den Kimmich vor seiner Flanke zum 4:1 hat, den hat man in München in diesen Tagen noch nicht mal im Englischen Garten.

Am Mittwoch spielt das DFB-Team gegen Ungarn, Löw erwartet ein "zäheres" Spiel, auch die Franzosen kamen beim 1:1 in Budapest nur einmal durch die dichte Abwehr. Und noch ist nichts gewonnen, ein Ausscheiden immer noch möglich und die Lehre aus der miserablen WM 2018, bei der man auch das erste Gruppenspiel verlor und das zweite gewann, ist präsent.

Aber im Zweifel ist da auch noch Robin Gosens, ein Spieler, den es so eigentlich nicht mehr geben sollte, der noch nie ein Nachwuchsleistungszentrum von innen sah und sich über den FC Dordrecht (zweite niederländische Liga), Heracles Almelo (erste niederländische Liga) zu Atalanta Bergamo durchbiss. Gosens ist auch definitiv kein perfekter Fußballer wie Havertz, Kroos oder Gündogan. Aber er könnte genau der Typ Fußballer sein, den diese Mannschaft noch gebraucht hat. Denn Havertz, Kroos oder Gündogan sagen in der Regel nicht "geil", oder "affengeil", wenn ihnen ein gutes Spiel gelungen ist. Manchmal macht es aber einfach Spaß, das mal wieder zu hören.

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