Süddeutsche Zeitung

Rassismus im Eishockey:Ein weißer Sport

Schwarze Menschen - das ist ein Fakt - sind nur selten im nordamerikanischen Profi-Eishockey zu sehen. Eine Gruppe von Frauen kämpft dafür, dass sich das ändert.

Von Jonas Hüster

Ihr erstes Eishockey-Spiel besuchte Renee Hess im Jahr 2016. Die Plätze seien schrecklich gewesen, erzählt sie, weit oben unter der Decke. In der Arena spielten die Anaheim Ducks gegen die Dallas Stars. Während die Partie lief, bemerkte Hess, dass Menschen fehlten. Sie vermisste Zuschauer, die so aussahen wie sie. "Die meisten Gesichter, die ich sah, waren von weißen Männern und Frauen. Es fühlte sich fast ein wenig einschüchternd an", sagt Hess. Noch im Stadion habe sie beschlossen, andere Frauen zu suchen, die sich so fühlten wie sie.

Hess, die im Hochschulwesen arbeitet, stellte 2018 einen Fragebogen zusammen. Sie wollte wissen, welche Erfahrungen People of Color im Eishockey machten.

Daraufhin erhielt sie gut 100 Antworten, viele von schwarzen Frauen, die noch nie ein Spiel besucht hatten. "Sie fühlten sich unwohl, ins Stadion zu gehen oder hatten niemanden, der mit ihnen hin wollte", sagt die 41-Jährige.

Einer der Gründe: Eishockey ist ein teurer Sport

Um das zu ändern, organisierte sie ein Treffen. 45 Frauen und ihre Familien kamen nach Washington D.C., zu einer Partie des NHL-Teams der Washington Capitals. Der schwarze Spieler Devante Smith-Pelly besuchte die Frauen anschließend in einer Kabine. "Das ist unglaublich, vermutlich etwas, von dem ich nicht dachte, dass ich es jemals sehen würde", sagte er in einem Interview. Dieses Treffen war der Anfang vom Black Girl Hockey Club.

Der Black Girl Hockey Club (BGHC) ist heute eine Non-Profit-Organisation. Die Mitglieder wollen ihren Sport inklusiver machen, einen Raum für People of Color schaffen. Eishockey sei eine "überwiegend weiße Sportart", sagt Hess.

Das zeigt sich auch in Zahlen: Ende 2020 waren 42 Black, Indigenous und People of Color in der NHL aktiv, das sind etwa sechs Prozent der Spieler. Nur 18 schwarze Spieler bestritten mehr als fünf Spiele in der vergangenen Saison. Vergleicht man diesen Wert alleine mit Spielern aus den USA, die mehr als fünf Spiele gemacht haben, dann liegt dieser unter dem Wert der US-Gesamtbevölkerung. Dort haben schwarze Menschen und Afro-Amerikaner einen Anteil von 13 Prozent.

Definition

People of Color (PoC) ist eine Selbstbezeichnung von Menschen mit Rassismuserfahrung, die nicht als weiß und westlich wahrgenommen werden und sich auch selbst nicht so definieren. Die Erweiterung Black, Indigenous und People of Color (BIPoC) wird verwendet, um schwarze und indigene Menschen ausdrücklich einzuschließen. (Quelle: Neue deutsche Medienmacher)

Bei den Frauen sei gerade eine Handvoll der Spielerinnen schwarz, sagt Hess. Es gebe viele Gründe für diesen Zustand, erzählt sie weiter, die Finanzen seien einer davon. Denn Eishockey ist ein teurer Sport, Equipment und Teilnahmegebühren kosten viel Geld. In einer Umfrage der Scotiabank und des Unternehmens FlipGive gaben etwa 60 Prozent der befragten "Hockey-Eltern" an, dass sie mehr als 5000 Dollar im Jahr für ihre Kinder ausgeben würden. Wer sich das nicht leisten kann, steht außen vor. In den USA haben schwarze Menschen oft ein geringeres Einkommen. Der BGHC versucht zu helfen, indem er Stipendien an junge Spielerinnen vergibt.

Es fehle aber auch an Zugängen zum Sport, sagt Hess. Die Eishallen seien selten in schwarzen Bezirken, auch die Schulen bieten eher Basketball oder Baseball an - und kein Eishockey. "Viele wissen gar nichts über den Sport", sagt sie. Weil es nur wenige schwarze Profis gibt, hat der Nachwuchs kaum Vorbilder. Darum will der BGHC ein Mentoren-Programm starten, weibliche Profis sollen sich mit jungen Spielerinnen austauschen. Eine davon wird Blake Bolden sein.

Die "N-Bombe" in der Kabine

Bolden war die erste schwarze Frau, die in der 2015 gegründeten NWHL antrat. Dort spielte sie für Bosten Pride und die Buffalo Beauts. Auf dem Eis machte sie mehrfach Erfahrungen mit rassistischen Beleidigungen, das N-Wort sei unzählige Male gefallen, sagt sie. Bei den Männern gibt es ähnliche Fälle.

Ende 2019 twitterte der frühere Calgary-Flames-Spieler Akim Aliu über das rassistische Verhalten seines Ex-Trainers Bill Peters. Der habe sich vor zehn Jahren über den Musikgeschmack des damals 20-Jährigen abfällig geäußert, dabei sei in der Kabine mehrfach "die N-Bombe" gefallen. Aliu spielte da noch im Farmteam der Chicago Blackhawks. Der Vorfall wurde von ehemaligen Mitspielern bezeugt, Peters trat als Trainer zurück.

In seiner Karriere schaffte Aliu nie wirklich den Durchbruch in der NHL. Er spielte vor allem in unteren Ligen, wechselte mehrfach zu Klubs ins Ausland. Die Liga untersucht seinen Fall aktuell noch immer. Auf die Frage, was er sich davon erhoffe, sagte er Sports Illustrated: "Die Wahrheit darüber, warum ich nicht in der Lage war, in der National Hockey League erfolgreich zu sein."

Hess: "Antirassismus ist eine tägliche Entscheidung"

Aliu ist Teil der Hockey Diversity Alliance (HDA), die nach dem Tod von George Floyd gegründet wurde. Als erneut Polizeigewalt gegen schwarze Menschen in den USA publik wurde, stellte die Vereinigung einen formellen Antrag an die Liga, alle Playoff-Spiele auszusetzen. Andere US-Profiligen hatten ihre Spiele bereits abgesagt, die NHL folgte einen Tag später.

Die Gruppe aus ehemaligen und aktuellen Profis übt öffentlich Kritik. Ende des vergangenen Jahres beendeten sie die Zusammenarbeit mit der NHL. In einem Statement dazu wurde die Liga für ihre mangelnde Bereitschaft kritisiert, systemischem Rassismus im Eishockey entgegenzutreten. Dabei hatte die NHL kürzlich mehrere Initiativen angekündigt, die Rassismus bekämpfen und Inklusion fördern sollen. Dazu gehören etwa verpflichtende Diversitätstrainings mit Spielern und Funktionären. Die Maßnahmen sind noch jung, ob sie eine nachhaltige Wirkung entfalten, muss sich zeigen.

Hess denkt, die Liga habe die Notwendigkeit einer dauerhaften Weiterbildung erkannt. Um die systemischen Probleme im Eishockey zu bekämpfen, müsse allerdings auf allen Ebenen verstanden werden, wie wichtig Gerechtigkeit sei. "Es darf nicht nur eine einmalige Sache sein, so etwas ist kein Antirassismus", sagt sie: "Antirassismus ist eine Entscheidung, die man täglich neu treffen muss."

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