Süddeutsche Zeitung

Doping:Olympia ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln

Friede, Fairplay, Völkerfreundschaft? Das sind Marketing-Lügen. In Wahrheit müssen die Olympischen Spiele für nationale Großmachtträume und gute Geschäfte herhalten. Und Thomas Bach schaut dabei zu.

Kommentar von Claudio Catuogno

Ein verstecktes Loch in der Wand des Anti-Doping-Labors. Dahinter ein Agent des Geheimdienstes, offiziell akkreditiert als Kanal-Ingenieur. Draußen in den Wettkampf-Arenen gehen für ein paar Stunden die Flutlichter aus. Und hier, in einem geheimen Labor-Trakt, beginnt ein Wettkampf der anderen Art: Urinfläschchen werden geöffnet, ohne die Siegel zu beschädigen, positive Dopingproben werden weggeschüttet, stattdessen kommen vorher eingelagerte und katalogisierte Körpersäfte aus der Urin-Bank in die Röhrchen. Willkommen bei den Pipi-Panschern von Sotschi. Willkommen bei den Olympischen Spielen.

Die kriminelle Energie ist beachtlich, mit der sich Russland bei Wladimir Putins Propaganda-Winterspielen 2014 in Sotschi an die Spitze der Nationenwertung manipuliert hat. Im Sportministerium wurde der Betrug geplant und überwacht, Mediziner entwickelten die Doping-Cocktails, Geheimdienstler die nötigen Verschleierungs-Techniken.

Die sogenannten Anti-Doping-Experten in den Laboren, die dopende Athleten eigentlich enttarnen sollen, verschafften ihnen erst die nötige Tarnung. Und warum das alles? Nein, nicht um einen Krieg zu gewinnen. Um Medaillen zu gewinnen. Gold, Silber, Bronze. Kann man die perverse Überhöhung des Sports deutlicher auf den Punkt bringen als mit dieser Räuberpistole?

Aber eine Medaille war eben noch nie bloß ein Stück Metall mit einem Band daran. So wie Olympische Spiele schon lange kein Sportfest mehr sind für die sogenannte Jugend der Welt. Tatsächlich sind Olympische Spiele immer auch die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln gewesen. In den 1980er-Jahren waren sie die Fortsetzung des "Kalten Krieges". Nicht zuletzt, um dem Bruder jenseits des Eisernen Vorhangs die eigene Leistungsfähigkeit vorzuführen, wurde in der DDR nach Staatsplan gedopt - und in Westdeutschland zumindest von der Politik geduldet und universitär begleitet.

Heute geht es eher um den Propagandakrieg nach innen. Das gilt nicht nur für Russland, wo nationale Sporterfolge immer auch dem Machterhalt dienen sollen, sondern auch für die Sport-Großmacht China, den Gastgeber der Sommerspiele 2008 und der Winterspiele 2022. Dort vermuten Experten ähnliche Betrugsstrukturen, ohne sie bislang beweisen zu können. Auch in Europa bemühen gerade viele die Rückbesinnung auf die Nationen. Die Brexit-Kampagne warb mit dem Slogan "Make Britain Great Again". In Polen und Ungarn höhlen nationalkonservative Kräfte den Rechtsstaat aus. Wenn eine Nation unbedingt "great" sein will, passen Sport-Medaillen immer gut ins Konzept.

Die Russen und das IOC verdienen Gold in Heuchelei

Diese fortwährende Instrumentalisierung verträgt sich nicht mit den Werten der olympischen Bewegung: Fairplay, Weltfriede, Völkerverständigung. Und der staatliche Dopingbetrug der Russen bedroht das olympische Kerngeschäft - die Integrität des sportlichen Wettkampfs. Der logische Schluss wäre also, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) mit dem Deutschen Thomas Bach an der Spitze jetzt gegen beides so entschieden wie möglich vorgeht, gegen die Instrumentalisierung der Spiele und die korrupten russischen Sportsfreunde.

Tatsächlich windet sich Bach durch die größte Vertrauenskrise des IOC hindurch. Anstatt Russland jetzt von den Sommerspielen in zwei Wochen in Rio de Janeiro auszuschließen, wartet er erst mal ab, wie der Sportgerichtshof Cas den Ausschluss der russischen Leichtathleten bewertet, den der Weltverband IAAF verfügt hat. Entscheidungen auf die Fachebene verweisen, sich selbst keine Feinde machen, den schönen Schein um jeden Preis am Leben erhalten - das ist Bachs Prinzip.

Unterstützung bekommt er aus der alten Heimat: Die Athletenkommission des Dachverbands DOSB fordert, "nachweislich saubere" Athleten aus Russland müssten in Rio starten dürfen. Dabei beweist der aktuelle Skandal ja gerade, dass es "nachweislich saubere" Athleten nicht gibt. Bloß: Für das Geschäftsmodell Olympia ist es überlebensnotwendig, diesen Eindruck aufrechtzuerhalten.

Deshalb ist es auch nur die halbe Wahrheit, dass die Russen das olympische Kerngeschäft beschädigt haben. Sie haben es auf die Spitze getrieben. Und sich dabei erwischen lassen. Betrug, Mauschelei und Korruption gehören längst zum olympischen Kerngeschäft. Das Anti- Doping-System ist ein Publikums-Beruhigungs-System, das nicht funktioniert. Und Fairplay und Weltfriede sind die Marketing-Lügen, die alles schön weichzeichnen. Kürzlich hat das IOC, ungerührt von den fortgeschrittenen Ermittlungen, eine neue Image-Kampagne gestartet: weiße Friedenstauben, dazu der Slogan "Together we can change the world". Dafür eine Goldmedaille in der Disziplin Heuchelei.

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Quelle:
SZ vom 20.07.2016/schma
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