Süddeutsche Zeitung

Doping im Fußball:"Bis zu 50 Prozent haben es konsumiert"

Lesezeit: 4 min

Gab es nie - oder schon immer? Über verbotene Substanzen im Fußball haben früher schon Spieler, Trainer und Ärzte gesprochen. Ein Blick ins Archiv mit Zitaten von Daum bis Zidane.

Von Martin Schneider

Doping im Fußball ist gerade wieder aktuell. Und immer, wenn das Thema zur Sprache kommt, greifen erstaunlicherweise die gleichen Reflexe. Mehmet Scholl, Robin Dutt oder Jürgen Klopp sagten unter der Woche sinngemäß: Gibt's nicht, bringt nichts, höchstens Einzelfälle. Um sich ein realistischeres Bild vom Thema Doping und Fußball zu machen, kann man aber zum Beispiel ins Archiv gehen und schauen, was bisher von anderen Akteuren schon zum Thema gesagt wurde. Nicht nur in der Bundesliga, auch international kommt man dabei auf erstaunliche Fundstücke. Eine Zitate-Sammlung.

"Dr. Fuentes hat mir Pläne für vier der wichtigsten spanischen Fußballklubs gezeigt. Es waren medizinische Vorbereitungspläne für ganze Mannschaften für eine komplette Saison." (Der französische Journalist Stéphane Mandard in einem Interview mit dem SWR. In der Praxis des Frauenarztes Eufemiano Fuentes fand die spanische Guardia Civil 2006 Blutkonserven und Dopingmittel. Von seinen Kunden sind bisher nur Leichtathleten und Radfahrer wie Jan Ullrich oder Alberto Contador namentlich bekannt, Quelle)

"Hochleistungssport schadet der Gesundheit, da muss man mit Medikamenten entgegensteuern", sagte Fuentes

Moderator: "Hat man gedroht, Sie umzubringen?" Fuentes: "Nicht mit genau diesen Worten, aber es ging aus der Drohung hervor." (Eufemiano Fuentes in einem Radiointerview des spanischen Radiosenders Cadena SRE, Quelle)

"Ich bin Arzt. Für mich steht die Gesundheit des Sportlers an erster Stelle. Aber der Hochleistungssport schadet der Gesundheit. Und wenn dann der Sportler in das rutscht, was man ganz richtig Anämie des Sportlers nennt, dann muss man mit Medikamenten entgegensteuern. Und Epo ist eines davon." (Fuentes im gleichen Interview)

"Wenn ich rede, hätten wir weder den EM- noch den WM-Titel im Fußball." (Fuentes zu Mitinsassen seiner Zelle nach Quellen der spanischen Zeitung El Mundo, Quelle)

"Es gibt Vereine, die ihre Spieler ohne ihr Wissen dopen", sagte Wenger

"Es kommen Spieler von ausländischen Vereinen zu uns, deren Zahl der roten Blutkörperchen ist abnormal hoch. Das wundert uns sehr. Da gibt es Vereine, die ihre Spieler ohne ihr Wissen dopen." (Arsène Wenger, Trainer des FC Arsenal im Jahr 2004 zur britischen Zeitung Telegraph, Quelle)

"Ich weiß nicht genau, was es war, aber ich bin zu 99 Prozent sicher, dass es nicht legal war. Es war immer vor einem Spiel. Wir bekamen eine Injektion in den unteren Rückenbereich. Als ich mich nach jeder Injektion großartig fühlte, akzeptierte ich diese Behandlungen." (Der irische Nationalspieler Tony Cascarino zu seiner Zeit bei Olympique Marseille zwischen 1994 und 1997, Quelle)

"Sie werden sich wundern - ja. Wir setzen Clenbuterol ein, um die Muskulatur bei verletzten Spielern schneller zu stabilisieren. Wir setzen das Mittel natürlich rechtzeitig wieder ab." (Christoph Daum, 1992, damals Trainer des VfB Stuttgart in einem Interview mit der Bild-Zeitung. Clenbuterol ist ein Kälbermastmittel mit anaboler Wirkung. Alberto Contador wurde 2011 positiv auf Clenbuterol getestet. Später sagte Daum, Clenbuterol mit Anabolika verwechselt zu haben, Quelle)

"Es gab bei uns Amateurspieler, die auf dem Spielfeld tot umfielen, dann hieß es: Herzversagen. Aber da war mehr. Ich dachte, das darf nicht wahr sein! Was geht hier vor sich? Das war meine Motivation, das Buch zu schreiben." (Ex-Nationaltorhüter Toni Schumacher über die Motivation, sein Buch "Anpfiff" zu schreiben in dem er explizit auf Doping-Praktiken in der Bundesliga einging, Quelle)

"Es ist verlogen, Doping abzustreiten"

"Jeder weiß Bescheid, denn in der Bundesliga ist Tratsch üblich. Da wird - vor allem vor Saisonbeginn - von neuen Spielern viel erzählt. Wie viel beim früheren Klub geschluckt und was beim neuen Verein bevorzugt wird. Es ist deshalb verlogen, Doping abzustreiten. Das Aufputschen ist im Fußball genauso an der Tagesordnung wie in anderen Sportarten." (Paul Breitner in einem Spiegel-Interview 1987 zu den Doping-Vorwürfen von Toni Schumacher, Quelle)

"Franz Beckenbauer war in einer schwierigen Situation: Er weiß, der Toni hat recht. Er musste aber auch die Interessen des Deutschen Fußball-Bundes berücksichtigen. Denn so wie beim Skandal mittels Bestechung Spiele verschoben wurden, so ist Doping auch eine Art von Schiebung, die untersucht werden muss." (Paul Breitner im gleichen Interview zum Rausschmiss Schumachers aus der Nationalmannschaft nach seiner Buchveröffentlichung)

"Es ist mir bekannt, dass früher Captagon genommen worden ist. Viele Spieler waren verrückt danach. Das war überall bekannt und wurde praktiziert. Bis zu 50 Prozent haben das konsumiert. Nicht nur in der zweiten Liga." (Peter Neururer zu seiner Zeit bei Schalke 04, damals Zweitligist. Captagon ist ein Amphetamin-Derivat und hat eine aufputschende Wirkung, Quelle)

Auch bei der WM 1998 waren Spritzen im Spiel

"Als die Weltmeisterschaft 1998 losging, haben einige unserer Spieler begonnen, Spritzen von Glenns (Hoddle, damaliger englischer Nationaltrainer, Anm. d. Red.) bevorzugtem Mediziner, einem Franzosen namens Dr. Rougier zu nehmen. Es war anders als alles, was wir bei United (Manchester United; Anm d. Red.) taten, aber alles korrekt, da bin ich mir sicher. Nachdem einige sagten, sie fühlten einen richtigen Energieschub, entschied ich, die Hilfe auch anzunehmen." (Gary Neville, ehemaliger englischer Nationalspieler, Quelle)

Staatsanwaltschaft: "Haben Sie zugesehen, als die Spritzen oder die Infusion vorbereitet wurden? Zinédine Zidane: "Ich war immer dabei, ja, und er hat mir gesagt, das seien Vitamine" (Zinédine Zidane vor Gericht im Zuge eines Prozesses, in dem er die Einnahme von Kreatin zugab und seinem Verein Juventus Turin systematisches Blutdoping mit Epo vorgeworfen wurde, Quelle)

"Es kommt so weit, dass wir alle Doping brauchen. Einige tun es schon jetzt." (Emmanuel Petit, ehemaliger französischer Nationalspieler und Weltmeister, 1999, Quelle)

"Man sollte immer nachfragen, aber der Spieler kann nicht immer wissen, was gespritzt wird." (Philipp Lahm am vergangenen Freitag im Interview mit Sport1, Quelle)

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Digitale SZ vom 08.03.2015
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