Süddeutsche Zeitung

Dominanz in der Bundesliga:FC Bayern feiert die Wiesn-Meisterschaft

Lesezeit: 3 min

27 Spieltage verbleiben, doch eigentlich kann der Bundesliga-Rest aufgeben: Der FC Bayern hält selbst die stärkste Konkurrenz auf Fernglas-Distanz - trotz Verletzungssorgen und mit Weltmeistern auf der Bank.

Aus dem Stadion von Thomas Hummel

Er war gar nicht so gemeint, doch die 17 anderen Klubs können den Satz nur als Drohung verstehen: "Es sind nur sieben Spiele gespielt und noch ein langer Weg zu gehen." Arjen Robben sagte ihn. Er trug eine Tüte aus dem FC-Bayern-Fanshop über der Schulter, hatte seine Jacke um die Hüfte gebunden, trug bunte Turnschuhe und wirkte sportlich entspannt. Die Bundesliga hat wirklich noch einen langen Weg zu gehen. Einen 27 Spieltage langen Weg, der nur begrenzte Spannung verspricht, dafür umso mehr Demutsbekundungen Richtung München.

Platz eins ist wohl vergeben. Im Grunde feiert der FC Bayern am Sonntag bei seinem Ausflug auf das Oktoberfest die erste Wiesn-Meisterschaft der Vereinsgeschichte.

Den Tabellen-Sechsten Hannover 96 beim 4:0 vorgeführt und überrannt. Die nominell stärkste Konkurrenz schwächelt und ist schon auf Fernglas-Distanz: Leverkusen fünf Punkte, Schalke neun Punkte, Dortmund sagenhafte zehn Punkte. Während dort viel schief läuft, erklärte der entspannte Bayern-Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge im Trachtenjanker: "Wir haben eine gute Mannschaft, wir haben einen sehr, sehr guten Trainer, alles ist wunderbar."

Schwergewichtsboxer gegen Fliegengewicht

Die Münchner Fußballwelt ist so wunderbar, dass Trainer Pep Guardiola trotz der Verletzungen von Thiago, Holger Badstuber, Javi Martínez, Bastian Schweinsteiger und Franck Ribéry die drei Weltmeister Jérôme Boateng, Thomas Müller und Mario Götze zwecks Schonung auf die Bank setzte. Trotz dieser Absenzen schickte Guardiola eine Elf auf den Platz, die der Bundesliga-Mittelklassemannschaft aus Hannover so überlegen war wie ein Schwergewichtsboxer einem Fliegengewichtler.

Der dortige Trainer Tayfun Korkut versuchte es wie zuletzt Paderborn, Köln und Moskau mit einer Fünfer-Abwehrkette, um die Münchner Angriffswellen zu stoppen. Davor sollten drei Mittelfeldrenner zusätzlich ihre Beine in den Weg stellen. Später sollte Korkut sagen, seine Mannschaft hätte eigentlich vorgehabt, schnelle Kontergegenstöße zu fahren. Doch in der Realität wirkte die Formation der Gäste wie eine vorauseilende Kapitulationserklärung. Wir tun euch nichts, wir stellen uns alle hinten rein, dafür - bitte, bitte - verschont uns ein wenig!

Weil sich acht Hannoveraner hinten postierten und die Stürmer Joselu und Artur Sobiech nicht die eifrigsten waren im attackieren, durften sich die Münchner im Mittelfeld ungestört die Bälle zuschieben. Sie taten das gewohnt präzise und schnell, sodass nicht einmal eine 10-0-0-Aufstellung Durchbrüche verhindert hätte. Xabi Alonso etwa hatte so ungeheuerlich viel Platz im Mittelfeld, dass er vor lauter Langeweile einmal den Ball aus 60 Metern Richtung Tor drosch und Torwart Ron-Robert Zieler zu einer Glanztat zwang.

"Du musst auch mal was machen"

Beim 1:0 und 3:0 schossen Rafinha und Xherdan Shaqiri seelenruhig den Ball über alle Gegner hinweg, von denen sich trotz ihre Vielzahl niemand aufraffte, Robert Lewandowski zu folgen, der zweimal gekonnt vollendete. Dazwischen nutzte Arjen Robben einen fürchterlichen Fehlpass von Felipe zum 2:0. Robben erhöhte zum Schluss nach einem seiner zahlreichen Tempodribblings auf 4:0, um später den Gegnern einen gut gemeinten Rat zu geben: "Das zeigt auch den anderen Mannschaften, dass es nicht gut ist, nur zu verteidigen. Du musst auch mal was machen."

Aber was tun gegen diese Bayern, die schon wieder so Playstation-gleich herumpassen, technisch alle fehlerlos agieren und vor allem athletisch den Gegnern weit voraus sind? Die Münchner Spieler waren einfach schneller, beweglicher, dynamischer als die Gegner, die über 90 Minuten hinten in den Seilen hingen und hofften, dass der nächste Schlag nicht allzu fest sein würde.

Die Lehren dieses Spiels: Robben dribbelt in einer eigenen Liga, Robert Lewandowski hat sich nach seinem Wechsel akklimatisiert, Philipp Lahm und Xabi Alonso dominieren das Mittelfeld und Manuel Neuer hält zur Not gegen frei auf ihn zulaufende Stürmer wie Sobiech kurz vor der Pause.

Motivationsrede in eigener Sache

Dabei hatte der Zweifler Pep Guardiola angekündigt, erst im Winter wieder eine Mannschaft in Topverfassung präsentieren zu können. Nun musste er schon eine Motivationsrede in eigener Sache halten. "Es ist Oktober", erklärte er, "es wäre langweilig, wenn der Trainer jetzt schon denkt: Alles ist top, alle sind fit. Man kann es immer besser machen." Das Zurücklehnen liegt dem Katalanen nicht. Zu beobachten auch diesmal wieder, wenn er selbst kleine Misslichkeiten sofort gestikulierend an der Seitenlinie monierte.

Nach dem Spielende mahnte er an, dass seine Mannschaft zu viel laufe. Während praktisch alle Bundesliga-Kollegen enorme Laufbereitschaft von ihren Spielern einfordern und von Datenanbietern Kilometer gezählt werden als Indiz der Stärke, fordert Guardiola gekonntes Positionsspiel statt wildem Gerenne: "Wir laufen immer viel, aber das Konzept ist nicht laufen. Du hast nicht gut gespielt, wenn du viel gelaufen bist. Forget laufen, stay in position." Und er führte aus: "Vier Tore sind okay. Ich hoffe, dass wir in Zukunft noch mehr Tore schießen."

Angesichts solcher Probleme kann der Bundesliga-Rest aufgeben. Oder, Herr Korkut? "Ich hatte keine weiße Fahne dabei, auch kein weißes Taschentuch. Es wird Mannschaften geben, die den FC Bayern mehr fordern können als wir heute." Da könnte Hannovers Trainer Recht behalten. Ob die Kollegen daraus Hoffnung schöpfen, ist dennoch fraglich.

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