Süddeutsche Zeitung

DFB-Pokal:Ganz vorne ist der FC Bayern verletzlich

Von Claudio Catuogno

Manchmal kann man es seinem Oberschenkel auch wirklich nicht recht machen. Da hatte Thomas Müller die ersten 45 Minuten im vorbildlichen Wechsel aus Entspannung (auf der Bank) und Warmlaufen (am Spielfeldrand) verbracht, da hatte er sich in der Pause noch mal gestreckt und gedehnt, weil er in der zweiten Halbzeit mitwirken sollte im Ligaspiel am Samstag beim HSV (1:0). Doch dann: ein Hackentrick gleich nach der Einwechslung - Muskelfaserriss. Und schon wieder braucht Jupp Heynckes einen Plan B.

Kwasi Okyere Wriedt, 23, wird wohl noch mal die Reisetasche packen müssen.

Mehr Ernstfall geht kaum in so kurzer Zeit

Dass man als Trainer - gerade in den wichtigen Spielen - so gut wie nie alle wichtigen Spieler beieinander hat, das weiß Heynckes nicht erst seit dem verlorenen Champions-League-Finale 2012 in München, welches er mit Anatoli Timoschtschuk und Diego Contento in der Abwehr bestreiten musste. Irgendjemand ist immer verletzt, altes Branchengesetz. In der Regel finden die wirklich wichtigen Spiele zwar eher im April als Ende Oktober statt. Aber für Heynckes und die Bayern sind nun eben die kommenden zwei Wochen ziemlich entscheidend, in denen sie zweimal gegen Leipzig (Mittwoch Pokal, Samstag Bundesliga) und eine Woche später gegen Dortmund antreten müssen. Also gegen den aktuell Dritten und Ersten der Tabelle. Und dazwischen noch zu einem Auswärtsspiel bei Celtic Glasgow.

Mehr Ernstfall geht kaum in so kurzer Zeit, und deshalb hatten sich bereits im Spätsommer einige rund um den Klub gefragt, ob diese Wochen der Wahrheit im Herbst wohl die Hürde seien, die den Trainer Carlo Ancelotti das Amt kosten könnten. Nun haben sie den Trainerwechsel sogar schon früher vollzogen in München, und deshalb ist es jetzt ihr 72-jähriger Lieblings-Jupp, der über die Hürde drüber muss. Die Nachricht von Müllers Oberschenkelverletzung ist da nur eine von mehreren beunruhigenden Diagnosen.

DFB-Pokal - 2. Runde

Dienstag

Fort. Düsseldorf - B. Mönchengladbach 18.30

SV Wehen Wiesbaden - FC Schalke 04 18.30

Bayer Leverkusen - 1. FC Union Berlin 18.30

SC Paderborn 07 - VfL Bochum 18.30

Schweinfurt 05 - Eintracht Frankfurt 20.45

1. FC Magdeburg - Borussia Dortmund 20.45

FSV Mainz 05 - Holstein Kiel 20.45

SpVgg Greuther Fürth - FC Ingolstadt 20.45

Mittwoch

VfL Osnabrück - 1. FC Nürnberg 18.30

Hertha BSC - 1. FC Köln 18.30

VfL Wolfsburg - Hannover 96 18.30

1. FC Kaiserslautern - VfB Stuttgart 18.30

Werder Bremen - TSG Hoffenheim 20.45

Jahn Regensburg - 1. FC Heidenheim 20.45

SC Freiburg - Dynamo Dresden 20.45

RB Leipzig - Bayern München ARD / 20.45

Achtelfinale: 19. und 20. Dezember.

Der Plan B also? Kwasi Okyere Wriedt?

Zumindest ist es aufgefallen, dass Heynckes gleich nach seiner Rückkehr aus dem Ruhestand den Mittelstürmer der hauseigenen Regionalliga-Mannschaft zu den Profis hinaufbefördert hat. Gegen Freiburg und in Hamburg saß Wriedt auf der Bank. Seine Empfehlung: neun Tore in elf Spielen für Bayern II. Aber zu viel sollte man wohl nicht erwarten von einem, der im Sommer vom VfL Osnabrück aus der dritten Liga gekommen ist - selbst wenn damals auch mehrere Zweitligisten an ihm interessiert waren. Eher gibt die Personalie Wriedt einen Hinweis, wo Jupp Heynckes seinen Kader schon vor Müllers Faserriss für besonders verletzlich und ergänzungsbedürftig gehalten hat: ganz vorne.

Deshalb zunächst mal die gute Nachricht: Robert Lewandowski geht's prima.

Es fehlt ein Back-up für Lewandowski

Nicht so gut geht es, in alphabetischer Reihenfolge: Juan Bernat (Trainingsrückstand nach Syndesmosebandriss), Thomas Müller (Muskelfaserriss), Manuel Neuer (Mittelfußbruch), Franck Ribéry (Außenbandriss im Knie). Und womöglich, aber dazu hatte der Klub bis Montagnachmittag nichts Definitives mitgeteilt, fällt in Leipzig auch der Verteidiger Mats Hummels aus. Kapselriss im Sprunggelenk. Es sei wohl "nicht so wild", hatte Hummels zwar noch am Samstag in Hamburg gemutmaßt - aber im Rhythmus englischer Wochen hat man schnell mal zwei Spiele verpasst.

Um nun das große Wehklagen anzustimmen, sind noch zu viele Betten frei im Lazarett. Mit ihrer Lädierten-Kleingruppe liegen die Bayern im Durchschnitt. Aber man darf zumindest festhalten, dass Heynckes die Variationsmöglichkeiten ausgehen. Die Auswahl an Innenverteidigern reduziert sich auf Jérôme Boateng und Niklas Süle; zudem ist Javi Martínez wieder ins Training eingestiegen nach seiner Schulterverletzung.

Lewandowski darf nicht mehr auf die Schulter fallen

Damit kommt Heynckes vorerst wohl klar. In der Offensive muss er nun, anders als zu Beginn seines vierten Münchner Engagements, auf Spieler zurückgreifen, die er nicht schon aus dem Triple-Jahr 2013 kennt: auf Thiago und/oder James Rodríguez. Und für den offensiven Akzent von der Bank, den frischen Angreifer 20 Minuten vor Schluss? Dafür ist die Personaldecke nun zu dünn. Mal abgesehen von Wriedt.

Dem Vernehmen nach hat Heynckes sich dezent gewundert über die Kaderzusammenstellung der Bayern: Wie nur konnten sie auch diese Saison wieder ohne einen Back-up für den Mittelstürmer Lewandowski anpacken? Zumal nach den Erfahrungen der letzten Spielzeit, als der Schlussspurt in der Champions League auch deshalb misslang, weil Lewandowski sich mit malader Schulter über den Platz quälte? Ganz sicher wird Heynckes seinen Chefs noch mal ins Gewissen reden, im Winter einen weiteren Stürmer zu kaufen oder zu leihen. Eins könnten die Bayern derzeit noch weniger gebrauchen als Risse im Müller-Muskel: dass Lewandowski noch mal auf die Schulter fällt.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3721008
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 24.10.2017/schma
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.