Süddeutsche Zeitung

DFB: Joachim Löw:"Die Türkei ist extrem gefährlich"

Mit Technik und Raffinesse: Bundestrainer Joachim Löw lobt den Gegner am Freitagabend in der EM-Qualifikation. Die Probleme in seiner Mannschaft beunruhigen ihn nicht.

Thomas Hummel

Was hätte ein Erich Ribbeck gegeben, um einmal eine solche Frage zu beantworten? Ein Rudi Völler? Auch ein Berti Vogts in seinen letzten Amtsjahren? Sie führten zu einer Zeit den Vornamen Bundestrainer, als die Deutschen sich mit dem Gedanken anfreundeten, dass die jungen Männer des Landes kaum mehr den Ball dreimal hochhalten können. Die Nationalspieler waren immer die gleichen, wurden immer älter und wenn es sein musste, dann liefen sie mit 39 Jahren noch als Libero herum. Frische Gesichter kamen aus Brasilien oder Südafrika und mussten eingebürgert werden.

Im Oktober 2010 wird ihr Nachfolger Joachim Löw zum wiederholten Mal gefragt, was er denn nun von der nächsten jungen Supergeneration hält, die gerade die Bundesliga aufmischt. Von den Mainzern Lewis Holtby und Andre Schürrle, beide 19, von den Dortmundern Mario Götze, 18, und Sven Bender, 21. Dabei hat Löw auch an diesem Freitagabend beim wichtigen Qualifikationsspiel zur Europameisterschaft 2012 gegen die Türkei wahrlich kein Altersproblem in seiner Elf.

Beispiel Mittelfeld. Nach dem Ausfall von Bastian Schweinsteiger hoffen drei Kandidaten, in die Mannschaft zu rücken: Toni Kroos, 20, Christian Träsch, 23, und wenn der 21-jährige Thomas Müller, wie vom Bundestrainer ins Gespräch gebracht, in die defensive Zentrale rückt, dürfte ihn rechts vorne der 21-jährige Marko Marin ersetzen. Zudem legte sich Löw auf den Innenverteidiger Holger Badstuber, 21, fest, auch Jérôme Boateng, 22, hat links hinten gute Einsatzchancen.

Und da kommt nun also die Frage nach der nächsten Generation. Weil der Deutsche Fußball-Bund (DFB) nach den düsteren Jahren zwischen 1998 und 2004 sein Jugendkonzept komplett umgestellt und verbessert hat, spuckt dieses System nun jedes Jahr die schönsten Fußballbegabungen aus. Doch während ein Holtby, ein Schürrle oder ein Götze wohl schon zehn Länderspiele hinter sich hätten, hätten sie ihre Karriere im Jahr 2004 begonnen, bremst Löw heute die Euphorie.

Diese Spieler "erfreuen mich in ihrer Spielweise", einige seien "entwicklungsfähig" und hätten "eine große Karriere vor sich", sagte Löw bei einer Pressekonferenz in Berlin. Aber ob sie es schafften, "zu den Besten der Welt zu gehören, müssen sie erst beweisen". Sein Maßstab sei sehr hoch angesetzt und die Spieler müssten erst im Laufe ihrer Karriere zeigen, dass sie gegen Spanien und Argentinien bestehen könnten. Goldene Generation? Davon will Löw erst mal nichts wissen.

FC-Bayern-Krise? Nicht schlimm!

Die Aussagen des Bundestrainers dürfen auch als Vertrauensvotum für seine aktuelle Mannschaft gewertet werden. Denn diese hat schließlich in Südafrika den Weltfußball aufgemischt. Und diese soll am Freitag in Berlin gegen die Türkei und am Dienstag in Kasachstan das Fundament legen, um die nächste Hürde zu nehmen: die direkte Qualifikation für die EM in Polen und der Ukraine. Und die hat nur der Erste der Gruppe A sicher.

Wenig überraschend hat Löw die Türken als "qualitativ beste Mannschaft" in dieser Gruppe identifiziert. Sie gehöre zur europäischen Spitze, lobte Löw, und erinnerte an das EM-Halbfinale in Basel 2008: "Dort war die türkische Mannschaft die bessere. Sie können mit Technik und Raffinesse spielen." Und mit Guus Hiddink sei dort nun ein Trainer, der einer Elf schnell eine Handschrift verpassen könne. Durch die vielen erwarteten türkischen Zuschauer im Olympiastadion würden die Spieler vermutlich noch beflügelt. "Ich halte den Gegner für extrem gefährlich", warnte er.

Nun hat Löw schon häufiger vor Länderspielen den Gegner für stark befunden und dessen Qualitäten gelobt - um ihn dann im Verbund mit Chef-Scout Urs Siegenthaler am Taktikhaken durch die Manege zu ziehen. Doch in den Nuancen war herauszuhören, dass Löw tatsächlich Respekt hat vor den Türken. Die Probleme im eigenen Team hält er indessen für nicht gravierend.

Da ist zum einen der Ausfall von Schweinsteiger, Toni Kroos gilt wohl als erster Ersatzkandidat, wenngleich Träsch "in sehr guter Form" sei und Müller eine Alternative, "weil er aus der Mitte heraus sehr torgefährlich ist". Mit Sami Khedria, Thomas Müller und Mesut Özil wäre die DFB-Elf in der Mitte des Platzes allerdings äußerst offensiv aufgestellt. Und Khedira müsste sich wie bei Real Madrid darauf konzentrieren, die Defensive zusammenzuhalten.

Auch die Formkrise einiger WM-Fahrer beunruhigt Löw kaum. Gerade die Spieler des FC Bayern, aber auch Lukas Podolski konnten ihre Form nicht retten, Per Mertesacker und Jérôme Boateng waren zuletzt verletzt. Im Training spüre der Bundestrainer aber, dass alle willig seien, das am Freitagabend für 90 Minuten auszugleichen: "Ich mache mir kaum sorgen. Ich weiß, dass sich die Spieler auf den Punkt konzentrieren können und technisch guten Fußball spielen."

Wer braucht da eine nächste, goldene Generation?

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