Süddeutsche Zeitung

Champions League: Real Madrid:Eine Drohung namens Özil

Für den hochgelobten deutschen Nationalspieler wird das Spiel gegen den AC Mailand zum Praxistest. Bisher brillierte Özil nur gegen unterklassige Gegner. Nun kommt Reals Schreckgespenst von 2009.

Javier Cáceres

Als Mailands Trainer Massimiliano Allegri vor dem vergangenen Wochenende von spanischen Journalisten belagert wurde, wollte er mit Blick auf die anstehende Champions-League-Partie bei Real Madrid vor allem eines wissen: "Spielt Özil gegen Málaga? Ja? Dann spielt er auch gegen uns", sagte Allegri - und wirkte reichlich besorgt.

Und nach dem 4:1-Sieg von Spaniens Rekordmeister in Málaga dürften die Sorgen von Allegri eher noch größer geworden sein. Der deutsche Spielmacher brillierte erneut - und ließ nicht nur die Medien ("ein himmlischer Spieler") schwelgen, sondern auch seine Mitspieler. "Er ist ein großartiger Fußballer", schwärmte Real Madrids Cristiano Ronaldo - auch sein argentinischer Sturmpartner Gonzalo Higuaín sah sich in seiner Einschätzung bestätigt, dass Real einen hervorragenden Einkauf getätigt habe, mit diesem Özil.

Der Sieg der Rentnertruppe

Vor allem Özil ist zu verdanken, dass sich die Zwischenbilanz des vom Portugiesen José Mourinho neu konzipierten Real-Teams sehen lassen kann. Sieben Spieltage sind seit Beginn der Saison vergangen, und es gibt kaum eine Statistik, in der Real Madrid oder einer seiner Spieler nicht führen würde. Angefangen damit, dass die Elf einen Punkt vor Titelverteidiger FC Barcelona liegt, 16 Tore erzielt und nur drei kassiert hat. Und dennoch will die Unsicherheit darüber, wie stressresistent Real tatsächlich ist, noch immer nicht völlig aus Madrid weichen. Der Grund: Bislang hat Real keinen Gegner von echter Statur gehabt, sondern ausschließlich gegen Teams gespielt, die am Ende der Saison wohl im Tabellenkeller angesiedelt sein werden.

Die Szenerie erinnert stark an das Vorjahr, als der AC Mailand zum bislang letzten Mal im Bernabéu-Stadion zu Gast war. Seinerzeit hatte sich Reals Saison ähnlich gut angelassen wie die jetzige, Trainer in Madrid war damals der Chilene Manuel Pellegrini. Doch am 21. Oktober 2009 siegte dann eine von den Madrilenen im Vorfeld als Rentnertruppe verspottete Mailänder Mannschaft mit 3:2.

Trainer Allegri reizt Mourinho

Diesmal kommt der AC weit einschüchternder daher. Ein paar Spieler sind dabei, die bestens wissen, wie sich ein feindliches Bernabéu-Stadion anfühlt (die früheren Barcelona-Kicker Ronaldinho und Ibrahimovic etwa), und dazu kommt ein Stürmer, der mit Real noch eine Rechnung offen hat: 2008 verließ Robinho, Milans neuer Liebling, Real im Groll, weil Spaniens Rekordmeister begann, Cristiano Ronaldo zu umgarnen.

Weil ihm diese Vorgeschichten offenkundig nicht würzig genug sind, hat Mailands Trainer Allegri seinen Kollegen Mourinho jetzt auch noch verbal gereizt. Der Portugiese liege ihm, sagte Allegri, die vier bisherigen Duelle würden davon zeugen. "Die ersten beiden Spiele konnte Mourinho nicht gewinnen, beim dritten Mal hat er mich bestohlen, das vierte Mal war ein Massaker. Er hatte Inter, ich damals Cagliari. Nicht schlecht, oder?" Und wenn er sich schon mit Cagliari nicht vor Mourinho-Teams versteckt habe, werde er dies mit Milan erst recht nicht tun. "Vielleicht spiele ich mit sechs Offensivkräften", tönte Allegri in Anspielung auf Ronaldinho, Pirlo, Pato, Robinho, Ibrahimovic und den deutschstämmigen Ghanaer Kevin Prince Boateng.

Die Feuerprobe

Ob Mourinho auf diese Herausforderung eingeht? Oder ob er doch eher dem Impuls nachgibt, sein Team auf Defensive und Konter einzuschwören, wie er es beim FC Porto, bei Chelsea und bei Inter Mailand getan hat? Spannung versprechen auch andere Fragen. Etwa, wie viele Freiheiten Mesut Özil genießen wird. Und wie sich der 22-Jährige im Angesicht aggressiver Gegner schlagen wird.

Denn: So unbestritten es auch ist, dass alle Partien, in denen Reals Spiel ein verführerisches Aroma versprühte, Özils Stempel trugen - so drängte sich stets auch der Eindruck auf, dass er vor allem dann brillierte, wenn er Räume hatte. Womöglich dürfte Mourinho den Deutschen dazu drängen, fast so viel defensive Arbeit zu verrichten wie Sami Khedira, der zweite, am Wochenende ebenfalls hochgelobte deutsche Nationalspieler.

"Was man sehen kann, ist, dass unsere Balleroberung weit vorne stattfindet - und dass dann versucht wird, schnell umzuschalten", sagt Reals Sportdirektor Miguel Pardeza, ein ehemaliger Real-Profi. Eine Schlüsselrolle spielt dabei Özil, der den Keim des gegnerischen Spielaufbaus ersticken soll. Beim 4:1 in Málaga entstand aus einer Balleroberung Özils ein Treffer für Real; ein großartiger Lohn für eine aufreibende Aufgabe.

Zehn Kilometer pro Partie

Keine Offensivkraft absolviert bei Real ein größeres Laufpensum als der junge Mann aus Gelsenkirchen: rund zehn Kilometer pro Partie. "In Deutschland hatte er weniger Verantwortung, weniger Druck, weniger Anforderungen. Hier muss er arbeiten, Druck ausüben, Aspekte des Spiels beherrschen, die ihm weniger liegen", hat Mourinho erklärt. "Die 90 Minuten nehmen sich sehr hart für ihn aus. Doch so lange er Energie hat, macht er das sehr gut. Er ist ein Junge, der noch wachsen muss, doch er fühlt sich immer besser." Der AC Mailand dürfte der erste echte Praxistest werden.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1013308
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 19.10.2010/dabi
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.