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Manuel Neuer in der Champions League:Unüberwindlich, wenn es schwierig wird

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Immer noch hat der Torwart mit 34 nichts von seinem Ehrgeiz und seiner Akribie verloren und wird "im Grunde Stück für Stück immer besser", lobt Oliver Kahn.

Von Philipp Selldorf, Lissabon

Es war bloß ein harmloser Scherz, als Oliver Kahn im Teamquartier des FC Bayern erklärte, Gianluigi Buffon, sein immer noch aktiver Kollege aus den Zeiten der Jahrhundertwende, ginge geradewegs auf die 50 zu. Allerdings mögen ein paar Leute das nicht lustig gefunden haben. Buffon, 42 Jahre alt und just für eine weitere Saison von Juventus Turin verpflichtet, hat sich bestimmt über den Spruch des Bayern-Vorstands amüsiert, aber ob das auch für Alexander Nübel, 23, und Marc-André ter Stegen, 28, gilt?

In gewisser Weise ging die Bemerkung auf ihre Kosten. Außer dass Kahn meinte, im Vergleich mit Buffon sei der 34-jährige Manuel Neuer ein junger Kerl, stellte er auch fest, der Nationaltorwart werde in der fortgeschrittenen Karriere "nicht schlechter", sondern "im Grunde Stück für Stück immer besser - da kommen noch gute Jahre". Für Nübel beim FC Bayern und ter Stegen bei der Nationalelf würde es eine Zukunft auf der Bank bedeuten, sollten Kahns Worte sich bewahrheiten.

Vorerst lässt sich sagen, dass es gar nicht nötig ist für Neuer, immer besser zu werden. Er ist ja schon der Beste. Für diese Wertung gibt es keine Beweise, doch in der Fußballszene genügend Befürworter. Ihre Zahl ist durch die Auftritte des deutschen Nationaltorwarts während der Leistungsschau beim Turnier in Lissabon nicht kleiner geworden. Barcelonas ter Stegen, Manchester Citys Ederson, Leipzigs Peter Gulácsi zeigten Nerven, als es schwierig wurde. Neuer zeigte sich unüberwindlich, als ihm Lyons Stürmer Karl Toko Ekambi gegenüberstand und den Münchnern der Anschlusstreffer zum 1:2 drohte. Der Torwart machte sich gleichzeitig groß und breit, während das große, breite Tor für Ekambi ganz klein wurde.

Neuer lässt sich von den Unruhen der Saison nicht irritieren

"Einzigartig" sei Neuer, äußerte Kahn ein nicht zu unterschätzendes Lob. Einzigartigkeit pflegte der sogenannte King Kahn früher für sich allein zu reklamieren. Als Funktionär des FC Bayern lässt er nun ohne Neid gelten, dass Neuer ein würdiger Nachfolger ist. Dieser wiederum weiß zu schätzen, dass er einen Artverwandten und eine Lobby in der Münchner Vereinsführung hat. Nicht zuletzt sieht er das als Aufwertung seines Berufsstandes, von dem es ja im Fußball heißt, er sei den Sonderlingen vorbehalten, woraus abgeleitet wurde, Torhüter seien für Jobs als Trainer oder Manager ungeeignet.

Ein 11-Freunde-Interview nutzte Manuel Neuer neulich, um Genugtuung darüber auszudrücken, dass überall ehemalige Torhüter an der Macht seien: Jörg Schmadtke in Wolfsburg, Florian Kohfeldt in Bremen, Manuel Baum beim DFB, Lutz Pfannenstiel (ehedem) in Düsseldorf. Er selbst strebt als Kapitän nicht erkennbar nach der Vorherrschaft. Um das Prinzip "flache Hierarchie" zu verstehen, brauchte er keine Magazine zu studieren - dieser Stil entspricht seinem Wesen. Er führt das Team ohne unbedingten Machtanspruch und lässt Platz für Jüngere wie Joshua Kimmich und Leon Goretzka.

Wenn am Sonntag die letzte Partie der Saison bewältigt ist, dann liegt eine Spielzeit hinter Neuer, in der er konstant sein gewöhnliches Spitzenniveau gewahrt hat. Dabei waren die Umstände der Saison nicht gewöhnlich: Er setzte sich unter öffentlichen Unruhen mit seinem Klub über die Vertragsverlängerung auseinander (auch wenn das weitgehend die Berater für ihn erledigten) und stand nach der Trennung von seiner Frau und durch die neue Freundin im Blickpunkt der Regenbogenpresse. Fotografen lagen auf der Lauer, wenn er daheim am Tegernsee auf Fahrradtour ging oder zum Stand-Up-Paddling ausrückte. Es hat ihn nicht irritiert, über manches vermeintliche Beweisfoto konnte er herzlich lachen.

Immer noch hat er nichts von seinem Ehrgeiz und seiner Akribie verloren, immer noch analysiert er vor jedem Spiel mit seinem vertrauten Spezialtrainer Toni Tapalovic die Schusshaltungen aller Angreifer, immer noch hat er sich eine vergleichsweise normale Lebensweise bewahrt. Er trinkt sogar - bei der heutigen Profi-Generation erwähnenswert - öfter mal ein Bier. Doch es ist auch völlig klar, was passieren wird, sollte er mit den Bayern den Pokal gewinnen: Dann wird er das Ziel Titelverteidigung ausrufen.

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SZ vom 22.08.2020
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