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FC Liverpool gegen Real:Angefixt von den alten Legenden

Die Champions League ist für den FC Liverpool in dieser Saison die letzte Möglichkeit auf einen Pokal. Dafür muss das Team von Jürgen Klopp gegen Real Madrid allerdings ein kleines Wunder vollbringen.

Von Sven Haist, Liverpool

Zumindest ist Jürgen Klopp das Lachen nicht vergangen. Um der unangenehmen Diskussion in Bezug auf die vermaledeite Bilanz des Liverpool Football Club an der Anfield Road die Schärfe zu nehmen, setzte Klopp auf einen bewährten Kniff: Fragen, bevor man selbst befragt wird - und sich dann köstlich über die Antwort amüsieren.

Im Interview vor dem Ligaheimspiel gegen Aston Villa am Samstag hakte Klopp bei den Reportern des Haussenders LFCTV nach, wann er denn zuletzt mit ihnen in Anfield nach einem Sieg seiner Mannschaft gesprochen habe. "Vor Weihnachten gegen Tottenham Hotspur", hieß die Antwort, die bei Klopp umgehend für Gelächter sorgte. "Vor Weihnachten?", jauchzte er: "Wirklich?! Waren es die Spurs?" Mit seiner leichtherzigen Reaktion gelang es Klopp, das unvergleichliche Missgeschick aus acht sieglosen Heimspielen hintereinander, darunter sechs Niederlagen in Serie, das Liverpool in knapp 130 Jahren Klubhistorie nie widerfahren war, fast wie eine Errungenschaft aussehen zu lassen.

Seit dem 2:1 über Tottenham am 16. Dezember schien das über Jahre als Talisman geltende Stadion für den Meister plötzlich wie verteufelt zu sein, so dass auf der Insel schon angenommen wurde, der streitbare Druide José Mourinho hätte als Trainer der Spurs in seinem Unmut über das damals in letzter Minute verlorene Spiel die ehrwürdige Spielstätte verhexen lassen. Knapp vier Monate gehorchte Liverpool das Stadion nicht mehr - bis das Team die bösen Geister nun mit einem erneut in letzter Minute erzielten 2:1 über Villa offenbar vertrieb, dem 100. Heimerfolg für Klopp in Anfield.

Der umjubelte Sieg war die emotionale Einstimmung aufs Aufeinandertreffen mit Real Madrid am Mittwoch im Viertelfinal-Rückspiel der Champions League. Nach dem bescheidenen 1:3 vor einer Woche in der spanischen Hauptstadt versucht Liverpool einmal mehr Kraft aus vergangenen Legenden zu ziehen, einigen kaum für möglich gehaltenen Aufholjagden im Europapokal. Zum Beispiel dem 4:0 über den FC Barcelona, als Liverpool auf dem Weg zum Champions-League-Triumph 2019 in den eigenen vier Wänden mithilfe der Fans im Halbfinale ein 0:3 aus dem Hinspiel wettmachte. Der frühere Klubangreifer John Aldridge mahnte jedoch im Liverpool Echo, dass man nicht "alle zwei Jahre" auf ein Wunder hoffen könne. "Achtzig Prozent" des Resultats seien der Atmosphäre geschuldet gewesen, findet Klopp. Diesmal müsse man es "ohne die Anhänger" schaffen. Zwar fließt das Bier wieder in den Pubs auf der Insel seit den Lockerungen für die Gastronomie am Montag, an Zuschauer in den Stadien ist jedoch noch nicht zu denken.

Gegen Real darf sich der LFC nicht wieder grobe Abwehrfehler leisten wie im Hinspiel

Nach schwerwiegenden Abwehrfehlern in Madrid muss Liverpool die Gunst im Angriff suchen. Im Duell mit dem technisch und taktisch überlegenen Real besteht die wohl einzige Erfolgsaussicht darin, die Begegnung über die Athletik zu gewinnen. In Trent Alexander-Arnold und Andrew Robertson verfügt der Tabellensechste der Premier League über zwei dynamische Außenverteidiger, deren Angriffsdrang momentan gleichermaßen Chance und Risiko bedeuten. Ohne das Nachrücken auf beiden Flanken fehlt Liverpool der Spielwitz und das Durchsetzungsvermögen in der Offensive. Nicht zufällig erzielte Alexander-Arnold den Siegtreffer gegen Villa. Aber die Rastlosigkeit der beiden geht eben auch auf Kosten des Abwehrverbunds, in dem grobe Stellungsfehler nach den Ausfällen der etatmäßigen Innenverteidiger (van Dijk, Gomez, Matip) in bisweilen jedem Spiel zu sehen sind. Diesen Schwachpunkt arbeitete Real im Hinspiel heraus, indem besonders der deutsche Nationalspieler Toni Kroos aus fast jeder Position das Spiel mit fein temperierten Steilpässen hinter die gegnerische Abwehr beschleunigte.

Die Champions League ist für den FC Liverpool die finale Möglichkeit auf einen Pokal in der seit Weihnachten missratenen Saison. Sofern dem sechsmaligen Titelträger des Wettbewerbs diesmal ein Comeback verwehrt bleiben sollte, dürfte immerhin garantiert sein: dass Jürgen Klopp schon einen Weg finden würde, das Aus schmackhaft zu verkaufen.

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