Süddeutsche Zeitung

BVB-Trainer Jürgen Klopp:Gereizt vor dem großen Duell

Die Empörung über den DFB und Bundestrainer Joachim Löw ist bei Borussia Dortmund nur noch mit Mühe unter der Decke zu halten. Die Frage nach den Gründen für die vielen Verletzungen seiner Spieler bringt Trainer Jürgen Klopp in Rage.

Von Freddie Röckenhaus, Dortmund

Dass die laufende Woche bei Jürgen Klopp nicht als eine der glücklichsten seiner Trainer-Laufbahn in die Biografie eingehen wird, war spätestens am Donnerstagnachmittag amtlich. So lange die Fragen artig blieben, war Dortmunds Trainer bei der Pressekonferenz zum bevorstehenden Schlagerspiel gegen den FC Bayern der gewohnte Charmebolzen. Dann kamen erste Fragen nach den Verletzungen seiner beiden Abwehrspieler Mats Hummels und Marcel Schmelzer im Länderspiel gegen England und danach, wie Klopp mit dem Kahlschlag in seiner Viererkette umzugehen gedenke - und vorbei war es mit der Laune. Aufgestauter Frust schien über die verdatterten Journalisten hereinzubrechen.

Klopps Chef Hans-Joachim Watzke hatte da schon längst wissen lassen, dass er "angesichts der neuen Konstellation nicht mehr von der Meisterschaft reden" wolle. Die Woche könnte, so schätzt man es in Dortmund ein, eine frühe Vorentscheidung bringen im bisherigen Zweikampf der Münchner Übermannschaft und des scheinbar einzigen Herausforderers. Von seiner Stamm-Viererkette mit Piszczek, Subotic, Hummels und Schmelzer hat Klopp gegen die Bayern seit Dienstag keinen mehr an Bord. Schon länger fehlt Spielmacher Ilkay Gündogan, Kapitän Sebastian Kehl ist gerade erst wieder fit geworden.

"Wir werden uns neu sortieren und dann Fußball spielen", wollte der Borussen-Trainer die Sorgen zunächst noch beschönigen. Mit der schnellen Verpflichtung des vereinslosen Ex-Nationalspielers Manuel Friedrich, den Klopp aus Mainzer Tagen schätzt, hat Dortmund zwar einen nominell ordentlichen Ersatz gefunden, der theoretisch schon am Samstag eingesetzt werden dürfte. Friedrich sei "in gutem Zustand" und könne spielen. "Aber", so Klopp, "dass Manuel in den letzten fünf Monaten nur 60 Minuten Spielpraxis in einem Freundschaftsspiel gegen Paderborn vorweisen kann, wissen wir auch."

Die Nachricht aus München, dass bei den Bayern Franck Ribéry ausfallen wird, mochte Klopp nicht wirklich als eine gute Nachricht kommentieren. Auch ohne den Franzosen wird die Bayern-Offensive es mit einer uneingespielten Dortmunder Abwehr zu tun bekommen. Gesetzt sind Großkreutz, der Piszczek bisher tadellos vertrat, Sokratis, der mit Griechenlands Nationalmannschaft am Dienstag die Qualifikation für Brasilien 2014 schaffte, und auf der linken Verteidigerseite Erik Durm, der schon zu Saisonbeginn Marcel Schmelzer ordentlich vertreten hatte.

Als Innenverteidiger dürfte Mittelfeldspieler Sven Bender am ehesten in Frage kommen, nach ihm der 18-jährige Marian Sarr. Friedrich dürfte Außenseiterchancen haben. Im nächsten Champions-League-Spiel am Dienstag gegen Neapel ist der frühere Leverkusener wegen der Uefa-Regularien nicht spielberechtigt. Klopp würde sich also ersparen, nach dem Bayern-Spiel erneut umbauen zu müssen. Offensiv dagegen hat Dortmund seine Stammspieler beisammen.

Neben der rein technischen Bewältigung der Verletzungsmisere gärt allerdings der Konflikt des BVB mit der Nationalmannschaft und mit Bundestrainer Joachim Löw intern offenbar mehr denn je. Klopp reagierte vielleicht deshalb so schroff auf Fragen, wie er die Verletzung seiner Spieler beim Freundschaftsspiel gegen England beurteile. Erst nach ausufernder Medienschelte räumte Klopp ein, dass man "nicht glücklich" sei, dass in so einem "engen Terminplan noch Freundschaftsspiele untergebracht" würden. Noch mehr in Fahrt kam Dortmunds Coach bei Fragen nach den zuletzt diskutierten Ursachen für Verletzungen bei mehreren seiner Spieler.

Aggressive Spielweise als Verletzungsgrund?

Im DFB-Tross war zuletzt immer mal wieder zu hören, Dortmunds aggressive, laufintensive Spielweise sei ein möglicher Grund für eine erhöhte Verletzungsanfälligkeit bei Klopps Spielern. Ebenso waren am Rande der Reise der Nationalmannschaft Gerüchte aufgekommen, Dortmunds ebenfalls in einem Freundschaftsspiel der Nationalmannschaft (gegen Paraguay) verletzter Spielgestalter Ilkay Gündogan stehe am Rande der Sportinvalidität. Tatsächlich geht es Gündogan aber derzeit immer besser. Er rechnet noch im laufenden Jahr mit einem Comeback beim BVB.

Intern spielen die atmosphärischen Störungen des BVB mit der Nationalmannschaft offenbar eine inzwischen immer größere Rolle. Es wird über offizielle Beschwerden beim DFB diskutiert. Löw hatte zuletzt bei einer Pressekonferenz den Neu-Dortmunder Henrikh Mkhitaryan flapsig als "Mickey-noch-was" bezeichnet, zudem haben sie beim BVB nicht vergessen, wie der Bundestrainer sich in ungewohnter Einzelkritik ausgerechnet die Dortmunder Spieler Schmelzer und Hummels herausgepickt hatte.

Zuletzt hatte Dortmunds Vorstandschef Watzke vor den Länderspielen gegen Italien und England öffentlich an Löw appelliert, die Spieler der Kontrahenten Bayern und Dortmund in etwa gleich zu belasten. Nun wird es dem Bundestrainer als Trotzreaktion ausgelegt, dass er vor dem Spiel in England die Bayern-Spieler Neuer und Lahm zur Erholung nach Hause geschickt hat und Stürmer Thomas Müller 90 Minuten von der Bank aus verfolgen durfte - auch wenn Klopp hierzu nicht öffentlich schimpfen wollte.

Beim FC Bayern wiederum verweisen sie darauf, dass Toni Kroos als Einziger aus den beiden Klubs in beiden Partien durchspielte. Und darauf, dass Bayern-Spieler bei Länderspielen grundsätzlich häufiger zum Einsatz kommen als BVB-Profis.

Klopps Gereiztheit muss man wohl vor dem Hintergrund der in Dortmund nur mit Mühe unter der Decke gehaltenen Wut begreifen. "Die Bayern" befand Klopp, "haben nicht weniger Verletzte. Sie können das nur besser abfedern." Und in Richtung Löw und DFB platzierte der verärgerte Klopp noch den Hieb: "Freundschaftsspiele der Nationalmannschaft in der Sommerpause sind kein Kavaliersdelikt."

Diese Zeit sei zur Regeneration der Spieler gedacht. Wenn nicht alles täuscht, wird die Kritik aus Dortmund Richtung DFB-Zentrale nicht leiser werden, wenn es kommt, wie viele vermuten, wenn Klopps Notkette also am Samstag den Münchnern nicht gewachsen sein sollte. "Es wird keiner Mitleid mit uns haben", prophezeite Klopp grimmig für den Samstag. Und falls doch: Punkte für Mitleid gibt es nicht.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1824742
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 22.11.2013/ebc
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.