Süddeutsche Zeitung

Borussia Dortmund:Die Furcht scheint größer als der Glaube

  • BVB-Boss Watzke sieht sich nach dem knappen 3:2 gegen Düsseldorf genötigt, eine Kampf- und Motivationsansage Richtung FC Bayern zu schicken.
  • Derweil scheint es in Dortmund in puncto Motivation zu hapern: Favre, so hört man, warne überdeutlich vor Gefahren, statt den Profis von ihren Stärken vorzuschwärmen.
  • Der Mut zur Dominanz fehlte dem BVB zuletzt - gegen Gladbach kommt es nun ein letztes Mal genau darauf an.

Ein bisschen wirkte es so, als wollte Hans-Joachim Watzke mitteilen: Wenn hier sonst schon keiner Optimismus verbreitet, dann muss ich es wohl selber machen. Und so rief der Dortmunder Chef am Ende eines fußballerischen Grusel-Schockers die sofortige Umkehr der meteorologischen Verhältnisse an der Ligaspitze aus: "Die Mannschaft hat heute einen brutalen Druck gehabt. Aber der Druck wandert ab jetzt weiter: nach Süden."

Hätte Watzke die Wetterlage mit ihren Hoch- und Tiefdruckgebieten moderiert, es wäre glaubwürdiger gewesen. Aber nach dem erzitterten 3:2 - gegen zuletzt nur noch zehn Spieler von Fortuna Düsseldorf - hatte Dortmunds Geschäftsführer offenbar schnell erkannt, dass Fußballer Kampfansagen hören wollen. Auch dann, wenn sie nicht allzu realistisch sind.

Dortmunds Leistung auf dem Spielfeld schien dagegen von einer fast greifbaren Furchtsamkeit und Passivität geprägt zu sein. Von einer kaum erklärlichen Angst vor einem Gegner, der zwar schon gegen den FC Bayern und Leipzig achtbare Unentschieden geholt hatte, aber dessen Klasse sich doch in Grenzen hält. Trainer Lucien Favre dagegen hatte die Fortunen vorab zu Titanen aufgebaut. Dortmund führte trotzdem durch ein Tor von Christian Pulisic, kassierte durch einen Torwartfehler von Marwin Hitz das 1:1, ehe Thomas Delaney und Mario Götze auf 3:1 erhöhten. Das war aber noch nicht alles: Gegen dezimierte Fortunen wurde schließlich mit schlotternden Beinen ein 3:2 ins Ziel gerettet.

Watzkes Appell war trotzdem nicht an den Haaren herbeigezogen. Tatsächlich erwartet am kommenden Samstag jeder, dass die Bayern ihr letztes Saisonspiel gewinnen - oder zumindest nicht verlieren. Ein Punkt reicht den Münchnern gegen Frankfurt, egal was Dortmund parallel in Mönchengladbach gelingt. Frankfurt und Gladbach kämpfen am letzten Spieltag allerdings selbst im Fernduell darum, den letzten freien Champions-League-Startplatz zu ergattern. So könnte die Angst vor dem Versagen doch noch einmal blitzschnell die Seite wechseln und nach München weiterwandern - so weit jedenfalls die Theorie des Dortmunders Watzke.

Man hört, Favre warne oft überdeutlich vor den Gefahren

Tatsächlich aber ist der Glaube gering, dass sich der Trend bei den Borussen im letzten Spiel noch dreht. Denn zur Rechnung vom angeblichen Saisonfinale am letzten Spieltag gehört ja ein Sieg des BVB zwingend dazu. Die neun Punkte Vorsprung, die Dortmund in der Hinrunde kurzzeitig auf die Bayern hatte, sind aber ja gerade deshalb dahin geschmolzen, weil die Dortmunder - absurderweise genau seit jenen Zeiten - immer weniger Zutrauen in die eigene Stärke hatten. Das war in der Rückrunde wie die Muster einer Wetterkarte zu lesen: Gegen starke Gegner (beim 0:5 gegen die Bayern, beim 0:3 gegen Tottenham in der Champions League) ebenso wie gegen mittelmäßige wie Düsseldorf, Nürnberg, Augsburg oder Schalke.

Anstatt den eigenen Profis von ihren Stärken vorzuschwärmen, so hört man, warne Favre oft überdeutlich vor den Gefahren. Es mag zu viel Nostalgie mitschwingen, wenn in dieser Rückrunde in BVB-Zirkeln so oft wie nie zuvor vom früheren Dortmunder Trainer Jürgen Klopp die Rede war. Was dessen Ansprache bewirken kann, war jüngst beim 4:0 seines FC Liverpool gegen den FC Barcelona im Champions-League-Halbfinale zu bestaunen. Klopps Menschenfängerei wirkte Wunder.

"Die Bayern haben die Chance auf den Meistertitel auf dem Silbertablett serviert"

Im Kontrast dazu steht Favre, der in der Hinrunde als hoch versierter Fußball-Professor galt und eine Menge Lobeshymnen zu hören bekam. Manche sahen Favre schon in den Höhen des Meistertrainers Pep Guardiola schwebend: einer, der einfach jeden Spieler besser machen kann. Aber dann änderte sich schlagartig das Anforderungsprofil für den BVB und seinen Trainer. Der eigene Erfolg stellte plötzlich andere Anforderungen, als nur schönen Fußball zu lehren. Es ging jetzt darum, den Mut zum Weitersiegen aufzubringen.

An dieser neuen Aufgabe - mitten in der Saison - sind Favre und seine Spieler bisher gescheitert. Am heftigsten trat das im Heimspiel gegen Hoffenheim zu Tage, als der BVB in der letzten Viertelstunde eine 3:0-Führung abgab und nur 3:3 spielte. Eine Blaupause für die meisten Rückrundenspiele des BVB, der zwar immer mal optische Glanzpunkte setzte, aber nach scheinbar kleinen Rückschlägen im Spielverlauf oft in Ängste zu verfallen schien, selbst bei sicherer Führung.

BVB-Berater Matthias Sammer hatte diese kollektive Weigerung zuletzt in seiner Rolle als Fernseh-Experte kritisiert: "Die Bayern haben die Chance auf den Meistertitel auf dem Silbertablett serviert. Die Dortmunder haben dankend abgelehnt." Sammer mochte das an der vermeintlichen Jugend und Unerfahrenheit der Profis festmachen. Das entspricht, wenig überraschend, der offiziellen Erklärungs-Strategie von Watzke und Sportdirektor Michael Zorc für die Patzerserie in der Rückrunde. Dabei greift diese Erklärung dann doch zu kurz.

Sollte Dortmund in Gladbach gewinnen, würde dies in der Summe die drittbeste Punktausbeute bedeuten, die der BVB in 52 Bundesliga-Jahren geholt hat. Es würde aber vielen BVB-Fans schwer fallen, diese Seite der Medaille zu sehen. Sie wären lieber mit fliegenden Fahnen untergegangen, wenn es denn schon sein muss: unterzugehen.

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SZ vom 13.05.2019/vit
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