Süddeutsche Zeitung

Bundesliga:Und jetzt: die große Langeweile!

Von Maik Rosner, Dortmund

Hinterher waren es die Bilder, die allein schon genug Aussagekraft besaßen. Wie jenes Foto aus der Kabine des FC Bayern, das die Münchner kurz nach dem Schlusspfiff posteten und das ihre versammelte Mannschaft in Jubelpose zeigte. Oder auch jenes Bild, das die beiden Trainer später auf dem Podium abgaben, als es um ihre Eindrücke und Zwischenbilanzen vor der nun anstehenden Länderspielpause ging.

Jupp Heynckes saß mit recht entspannten Gesichtszügen aufrecht auf seinem Stuhl und referierte zufrieden über das 3:1 (2:0) seiner Mannschaft des FC Bayern bei Borussia Dortmund und über die Erfolgsserie von nun sieben Siegen hintereinander. BVB-Trainer Peter Bosz saß derweil geduckt zwei Plätze weiter und lauschte den Ausführungen seines Kollegen, die Gesichtszüge wirkten angespannt. Da half es auch wenig, dass Heynckes die Frage verneinte, ob man schon meisterliche Bayern gesehen habe.

"Das würde ich nicht sagen. Wir haben zwar eine sehr gute erste Halbzeit gespielt, aber wir haben auch drei Chancen zugelassen", sagte der 72-Jährige. Allerdings ließ er kurz nach diesem Klagen auf hohem Niveau eine Einschätzung folgen, die den Verfolgern RB Leipzig (vier Punkte Rückstand) und Dortmund (sechs) eher wenig Hoffnung machen dürfte.

"Dann werden wir selbstverständlich besser und stärker", prognostizierte Heynckes, als es um die zweite Saisonhälfte ging, bis zu der alle derzeit verletzten Spieler zurückerwartet werden. Heynckes bezog sich damit auf Manuel Neuer, Thomas Müller, Franck Ribéry und auch auf den leicht angeschlagenen Jérôme Boateng, der nun beim BVB auf der Bank geschont worden war.

"Wir hätten keine Probleme damit, wenn es langweilig wird", sagt Mats Hummels

Gesehen hatte der Innenverteidiger trotz einiger BVB-Chancen vor allem in der ersten Halbzeit eine Münchner Machtdemonstration, die in die Toren von Arjen Robben (17.), Robert Lewandowski (37.) und David Alaba (67.) gemündet war. Der zu späte Anschlusstreffer von Dortmunds Marc Bartra (88.) änderte am Gesamteindruck nichts mehr, dass die Bayern unter dem zurückgehrten Heynckes nachhaltig zu alter Stärke gefunden haben. Und dass die Titelvergabe in der Liga womöglich nun ähnlich unspannend verlaufen könnte wie in den Vorjahren.

"Wir hätten kein Problem damit, wenn es langweilig wird", sagte Innenverteidiger Mats Hummels. Dass er nachschob, er glaube das aber noch nicht so recht, klang eher pflichtschuldig denn überzeugend. "Kompliment an meine Truppe, sie haben das überragend angenommen", sagte Heynckes über sein umfangreiches Lehrprogramm in den zurückliegenden "wahnsinnig strapaziösen Wochen", seitdem er die Nachfolge von Carlo Ancelotti angetreten hat. Elf Punkte mehr als der BVB hat seine Mannschaft in den vergangenen vier Ligaspielen geholt.

Hinter den Münchnern lag nun ein Spiel, das zwar phasenweise wogend und packend geraten war, zumeist aber doch ziemlich einseitig ausfiel. Überwiegend waren es ja die Münchner gewesen, die das Geschehen mit ihrer Ballsicherheit und größeren Reife prägten. Fast zwei Drittel Ballbesitz wies die Statistik zwischenzeitlich für sie aus, und auch die spielerischen Elemente überwogen beim Meister. Der BVB dagegen wurde meist nur bei Kontern gefährlich, häufig fehlten dabei aber die letzte Aktion und der unbedingte Zug zum Tor.

Das zeigte sich schon bei der ersten Chance des Spiels, als Pierre-Emerick Aubameyang nach einem schönen Steilpass von Sokratis frei auf Bayerns Torwart Sven Ulreich zulief, mit dem Abschluss aber zu lange zögerte, so dass Niklas Süle diesen noch abgrätschen konnte. Ähnlich erging es nach einer halben Stunde Andrej Yarmolenko, der nach einem Ballverlust von Javier Martínez frei vor Ulreich zum Abschluss kam, diesen aber nicht überwinden konnte. Dieses Duell wiederholte sich kurz vor der Pause, wieder ging Ulreich aus diesem als der Sieger hervor. "Überragend" habe Ulreich gehalten, lobte Heynckes. "Es ist ein schöner Tag", bilanzierte Neuers Vertreter auch übergeordnet. Am nächsten an einem Dortmunder Tor war Shinji Kagawa gewesen, der zwischen Yarmolenkos Chancen den Außenpfosten traf (32.)

Nach Alabas Treffer zum 3:0 schüttelt Co-Trainer Gerland freudig die Fäuste

Die Bayern hatten zu diesem Zeitpunkt schon 1:0 geführt. Auch deshalb, weil sie kühler und konsequenter vor dem Tor agierten als die Dortmunder. Exemplarisch dafür stand Robbens schmucker Schlenzer nahezu in den Winkel, nachdem James Rodríguez Thiago Alcántaras Flanke abgelegt hatte. Ein bisschen Glück kam beim 0:2 hinzu, als Lewandowski eine flache Hereingabe von Joshua Kimmich mit der Hacke aufs Tor brachte und dabei davon profitierte, dass Julian Weigl den Ball unhaltbar für seinen Torwart Roman Bürki ablenkte. Kimmich war erst am Samstagmorgen von München aus nachgereist, nachdem er wegen einer Magenverstimmung am Vortag nicht mit der Mannschaft nach Dortmund aufgebrochen war.

Zumindest das zweite Gegentor bestätigte jene Eindrücke, die sich im Saisonverlauf unter dem neuen Trainer Peter Bosz eingestellt und in den nun schon sechs sieglosen Spielen hintereinander in der Bundesliga und Champions League verfestigt haben. Eine große Anfälligkeit nach Ballverlusten war ja immer wieder zu besichtigen gewesen. Andererseits hatte Bosz gegen die Münchner zumindest überwiegend die Defensive stabilisiert, indem er Gonzalo Castro anwies, den Sechser Weigl verstärkt zu unterstützen.

Nennenswerten Ertrag aber konnten die Dortmunder erneut nicht erwirtschaften, was auch daran lag, dass die in der zweiten Halbzeit zunächst forcierte Offensive ihre Chancen gleich nach der Pause ungenutzt ließ. Auch Aubameyangs Phase ohne Torerfolg verlängerte sich damit auf nun schon fünf Pflichtspiele in Serie. Und mitansehen musste der Stürmer auch noch, wie Alabas Flanke Mitte der zweiten Halbzeit den Weg zum 0:3 ins Tor fand. Bayerns Co-Trainer Hermann Gerland schüttelte vor der Bank freudig die Fäuste und fiel Cheftrainer Heynckes in die Arme.

Es war jener Moment, in dem bei den Münchnern die Gewissheit Einzug hielt, auch das siebte Spiel unter dem zurückgekehrten Fußballlehrer für sich zu entscheiden und wohl auch schon einen großen Schritt in Richtung des sechsten Meistertitels in Serie geschafft zu haben. An diesem Gefühl ändert auch Bartras später Schlenzer zum 1:3 nichts mehr. "Wir haben gute Wochen gehabt", bilanzierte Ulreich. Und Heynckes befand, man habe gesehen, "dass sich die Mannschaft weiterentwickeln möchte". Für die Konkurrenz klang auch das nicht besonders verheißungsvoll.

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SZ vom 05.11.2017/chge
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