Süddeutsche Zeitung

Bundesliga: Torsten Frings beendet Karriere:Leitwolf und Brummbär

Mitreißender Allwetterfußballer im Mittelfeld: Mit Torsten Frings beendet ein großer deutscher Fußballer seine Bundesliga-Karriere. Er steht für einen Typus, den es bald nicht mehr geben wird.

Das schönste Bild von Torsten Frings? Es gibt einige schöne Bilder von ihm, auf den meisten ist allerdings auch diese Kopfumrandung zu sehen, die man auf gar keinen Fall "Frisur" nennen sollte. Aber das schönste? Das schönste Bild stammt vom 29. Juni 2006.

Es war der Tag, als Frings sich mit Argentinien anlegte. Von den Momenten nach diesem WM-Viertelfinale gibt es viele Motive, schön sind sie alle, auf allen wird gerumpelt, gerangelt und gerudelt. Auf einem Bild sieht man einen zornbebenden Frings und neben ihm den Pressechef Harald Stenger, der sich todesmutig der feindlichen Übermacht entgegenstellt.

Torsten Frings war der Mittelpunkt der Welt. Er blieb das für ein paar Tage, er stand im Zentrum fesselnder Verschwörungstheorien. Die Hauptverschwörungstheorie ging so, dass Frings im allgemeinen Handgemenge gar nicht viel gemacht hat, dass er von italienischen Medien angeschwärzt und dann gesperrt wurde. Von italienischen!

Im Halbfinale hat Deutschland gegen Italien natürlich verloren. Mit Frings, so die Hauptschlussfolgerung der Hauptverschwörungstheorie, wäre das nicht passiert. Frings war überragend, mit Frings wäre Deutschland Weltmeister geworden.

Nur mit Frings wird man Weltmeister? Keine schlechte Zeile ist das für eine Biographie, es gibt Schlimmeres, was man einem Sportler nachrufen kann. Trotzdem geht Frings, 34, nicht als Held. Er geht als einer, dem sie den Vertrag nicht mehr verlängern - und zwar nicht die Bösen da draußen, die Undankbaren vom DFB. Sondern die eigenen, die Guten von Werder Bremen, denen er zu teuer und am Ende wohl auch zu langsam geworden war.

Es sieht selten schön aus, wenn Helden altern. Das ist beim großen Frings nicht anders als beim noch größeren Michael Ballack, dem er ein treuer Leibwächter war. Beide haben gar nicht gemerkt, wie sie vom Sockel gefallen sind. Im tiefsten Innern haben die alten Rocker die Zweifel der hippen Löw-Combo immer für eine vorübergehende Verwirrung der Sinne gehalten.

Diese neumodischen Typen würden schon noch merken, was sie davon haben! Joachim Löw hat es aber gar nicht gemerkt. Er hat Frings nach der EM 2008 so schleichend ausrangiert, wie er das gerade bei Ballack macht.

Kulturkampf um Ballack und Frings

Mit Frings verlässt nicht nur ein großer Fußballer die Bühne der Bundesliga, es geht auch einer der Letzten seiner Art. Ballack ist noch da, aber vielleicht nicht mehr lange, und auch Frank Rost, 37, hat ja gerade aufgehört, der Torwart des HSV. Alle drei stammen aus der Zeit, in der man sich als Jungprofi hochdienen und Alu-Koffer schleppen musste. Alle drei finden es irgendwie befremdlich, dass Jungprofis heute gehätschelt werden und auch noch Ansprüche stellen.

Der Kulturkampf, der rund um die Figur Ballack entbrannt ist, lässt sich genauso gut mit Frings bebildern. Verglichen mit jenen Profis, die als glatt geschliffene Rhetoriker die Elite-Internate verlassen, wirkte er zunehmend wie der Geist, der stets verneint. Er bockt, wenn ihm was nicht passt, er zeigt seine schlechte Laune, wenn er eine hat. Auf den letzten Metern der Karriere wirkte es, als würden Frings und Rost ihre jungen Kollegen nicht mehr motivieren, sondern eher runterziehen mit ihrer Brummbär-Attitüde.

Es wäre ungerecht, wenn dies der Eindruck ist, der bleibt. Hinter dem grummelnden Frings steckt ein kumpelhafter, durchaus empfindsamer Kerl, dessen Mutterwitz nicht zu unterschätzen ist. Den wahren Frings verdecken verwegene Tattoos, er versteckt sich in riesigen Autos. Auch das sind schöne Bilder, Torsten Frings in einem monströsen Hummer H2, Leergewicht 2903 Kilogramm.

Heute wirkt Frings, als leite er aus seiner großartigen WM 2006 immer noch Rechte für sich ab, auch da ist er Ballack ähnlich, der sich immer noch als Chelsea-Spieler begreift. Aber dieser letzte Eindruck darf nicht verdrängen, dass Frings sich lange für den deutschen Fußball geopfert hat.

1997 wechselte er als Stürmertalent zu Werder Bremen, zum großen Fußballer machte ihn ein Geistesblitz von Trainer Thomas Schaaf, der den jungen Mann ins defensive Mittelfeld steckte. Dort zeigte Frings dem Ramelow-und-Jeremies-gewöhnten Land, wie man dort auch spielen kann: Er wurde zum mitreißenden Allwetterfußballer, der gleichermaßen zerstören und aufbauen konnte.

Im Nationalteam hat er sich trotzdem lange und ohne zu murren als Rechtsverteidiger verschwenden lassen, und als er nach der WM 2006 in seiner Lieblingsrolle endlich weltweit anerkannt war, begannen ihn Verletzungen zu plagen, eine nach der anderen. Er kam immer wieder auf hohem Niveau zurück, aber verglichen mit den Jungathleten von heute wirkte er manchmal, als wiege er 2903 Kilogramm.

Was jetzt noch kommt? Vielleicht spielt der große Alte noch irgendwo ein bisschen weiter, vielleicht baut er aber auch eine Loge für sich und Frank Rost. Dort sitzen sie dann wie Statler und Waldorf, die großen Alten von der Muppet Show, gemeinsam sitzen sie da und kommentieren sarkastisch die jugendliche Bundesliga-Bühne.

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Quelle:
SZ vom 18.05.2011/jüsc
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