Süddeutsche Zeitung

Fußball:Der nächste Schritt führt raus aus der Bundesliga

Die Bundesliga hat an Strahlkraft verloren: Talente, die sich weiterentwickeln wollen, wählen oft das Ausland als nächste Station. Für das Nationalteam könnte das aber positiv sein.

Kommentar von Benedikt Warmbrunn

Zärtlich nimmt der Zugang des Sommers sein neues Trikot in die Hand. Im schummerigen Licht betritt er sein neues Stadion, die Kamera folgt ihm ganz nah, von oben bis unten filmt sie seinen Körper. "Love at first sight", schreibt der Klub über den Zugang des Sommers bei Twitter. Eventuell reicht also dieses 35-sekündige Filmchen, um zu erklären, warum Philipp Max sich dem PSV Eindhoven angeschlossen hat: Vielleicht, ganz vielleicht geht es auch um Liebe.

Bis zum 5. Oktober läuft die sog. Transferperiode, für finale Erkenntnisse über die Machtverhältnisse im europäischen Fußball ist es zu früh, die großen Fragen sind unbeantwortet (Werden die Klubs im Corona-Sommer tatsächlich weniger Geld ausgeben? Wohin geht Lionel Messi, und für wie viel?). Und doch lässt sich im deutschen Fußball bereits ein Trend erkennen: Talente, die den berühmten nächsten Schritt gehen wollen, treten für diesen bevorzugt aus der Komfortzone Bundesliga heraus.

Der Linksverteidiger Max, 26, zum Beispiel hätte Augsburg vor ein paar Jahren am ehesten in Richtung Leverkusen, Gladbach oder Wolfsburg verlassen, so wie 2015 Schalkes Julian Draxler ("Ich will in Wolfsburg den nächsten Schritt machen"). Dass es Max nach Eindhoven zieht, zu einem sicher nicht armen Klub, der sich aber in der international wenig beachteten niederländischen Eredivisie gerade einmal für die Europa League qualifiziert hat, das überrascht dann doch. Zumindest auf den ersten Blick.

Auf den zweiten Blick ist zu erkennen, dass all die Wolfsburgs offenbar an Anziehungskraft eingebüßt haben, vielleicht auch an Zahlungskraft. Aus Freiburg wechselte Luca Waldschmidt zu Benfica Lissabon und Robin Koch zu Leeds United, Leipzigs Timo Werner ging zum FC Chelsea, wohin ihm vermutlich bald Leverkusens Kai Havertz folgen wird. Kevin Volland, 28, gilt zwar kaum noch als Talent, aber auch er wollte fort aus Leverkusen, ihn zieht es nach Monaco. Die Beweggründe mögen in jedem Einzelfall unterschiedlich sein, Werner und Havertz wechseln zu einem der spannendsten Teams Europas; Waldschmidt und Max wurden zumindest mit extrem viel Zuneigung empfangen; Volland dürfte kaum schlechter bezahlt werden. Für die deutsche Nationalmannschaft ist diese Entwicklung nicht schlecht, sie bekommt womöglich reifere Spieler - die Bundesliga aber verliert Identifikationsfiguren und in der Breite auch an Qualität.

Als bräuchte es noch einen letzten Beweis, dass das Ausland für aktuelle und auch ehemalige deutsche Talente attraktiver geworden ist, hat der 33 Jahre Aaron Hunt (drei Länderspiele zwischen 2009 und 2013, inzwischen Kapitän beim Zweitligisten HSV) der Sport-Bild verraten, dass er einen Wechsel innerhalb Deutschlands ausschließe. Aber für ein paar Jahre in der Türkei, in den USA oder in Dubai sei er durchaus noch offen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5018648
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 03.09.2020/ska
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.