Süddeutsche Zeitung

Abstieg aus der Bundesliga:Hamburg geht im schwarzen Rauch unter

  • Ein 2:1-Sieg gegen Gladbach reicht nicht - der HSV steigt nach 55 Jahren erstmals aus der Bundesliga ab.
  • Kurz vor Ende der regulären Spielzeit zünden Chaoten Rauchbomben und Böller. Die Polizei muss das Spielfeld stürmen.
  • Viele friedliche Fans skandieren gegen die Ultras im Fan-Block.

Von Carsten Scheele, Hamburg

Die Zeit stand still um 17.21 Uhr im Volkspark. Doch nicht, weil der Hamburger SV kurz davor war, sich zum ersten Mal in die zweite Liga zu verabschieden. Noch wenige Sekunden waren zu spielen, der HSV führte 2:1 gegen Gladbach, als Hunderte schwarz gekleidete und vermummte HSV-Anhänger hinter dem Gladbacher Tor auf perfide Weise die Regie an sich rissen.

Dutzende, wenn nicht gar Hunderte Böller flogen in den Strafraum, als der erste Abstieg der Vereinsgeschichte sportlich kaum mehr zu vermeiden war. Schwarzer Rauch stieg auf, die Polizei stürmte den Rasen und zog sofort dichte Schutzriegel vor der Tribüne auf, beorderte sogar Hunde und die Reiterstaffel auf den Platz. Die Spieler brachten sich in Sicherheit. Die Chaoten böllerten weiter, es war ein Inferno, das die Bundesliga in dieser Form noch nicht ertragen musste.

Eine Viertelstunde später war der HSV dann tatsächlich abgestiegen. Ein historischer Moment, fast 55 Jahre hatte Hamburg zuvor ununterbrochen in der Bundesliga gespielt. Ein Teil der Fans hatte für den denkbar unwürdigsten Abschied gesorgt.

"Das ist richtig, richtig bitter", sagte HSV-Kapitän Gotoku Sakai mit Tränen in den Augen: "Wir haben in den letzten Wochen sehr viel Gas gegeben. Ich bin sehr stolz auf die Mannschaft." Verteidiger Kyriakos Papadopoulos meinte: "Die Enttäuschung ist riesengroß. Wir sind selbst schuld. Der Trainer kam zu spät." Und Klub-Idol Uwe Seeler sagte: "Ich bin sehr traurig. Ich gehe aber weiterhin zu den Spielen."

Trainer Titz richtet seinen Klub im Endspiel offensiv aus

Viele hatten den HSV zuvor für unabsteigbar gehalten. War die Lage noch so brenzlig, irgendwo kam immer einer her, der den totgeglaubten Verein am Leben hielt. 2014 rettete Pierre-Michel Lasogga den HSV in der Relegation gegen Fürth, 2015 war es Marcelo Diaz, mit einem Freistoß in der Nachspielzeit gegen Karlsruhe. 2017 schoss der bis dato unbekannte Luca Waldschmidt das Siegtor im Abstiegsfinale gegen Wolfsburg, zwei Minuten nach seiner Einwechslung, in der 87. Minute.

Und auch diesmal hatte es noch Hoffnung gegeben. Beim Anpfiff stand die berühmte Bundesliga-Uhr des HSV bei 54 Jahren, 260 Tagen, 22 Stunden, 30 Minuten und 47 Sekunden. Ein Sieg gegen Gladbach, eine gleichzeitige Niederlage des VfL Wolfsburg gegen Köln - und der HSV hätte sich noch einmal in die Relegation retten können. Und der Glaube war fest: Es wäre dann schon gut gegangen in der Extrarunde gegen Holstein Kiel.

Trainer Titz hatte den HSV im Endspiel offensiv ausgerichtet, was sollte er auch anderes tun? Und das Spielglück war zunächst auf Hamburger Seite. Ein Handspiel von Gladbachs Denis Zakaria im Strafraum übersah Schiedsrichter Felix Brych, doch der Videoassistent aus Köln schaltete sich ein: Brych korrigierte sich und gab den Elfmeter, den Aaron Hunt sicher verwandelte (11.). Der Volkspark brüllte, manche hatten noch nicht mitbekommen, dass Wolfsburg durch ein Tor von Joshua Guilavogui ebenfalls führte. Die Stadionregie gab zwar Zwischenstände von anderen Plätzen durch, nicht jedoch aus Wolfsburg.

HSV spielt trotz mieser Aussichten lobenswert

Phasenweise spielte der HSV überhaupt nicht wie ein Absteiger. Mutig und forsch drängten die Hamburger den Gegner in die eigene Hälfte, wie zuletzt häufig unter Titz, Filip Kostic brachte den Ball scharf in die Mitte, wo Bobby Wood das 2:0 verpasste (24.). Defensiv ließen die Hamburger den Gladbachern dann aber doch abstiegsreif viel Platz, Josip Drmic durfte beim ersten gefährlichen Konter lässig durch die Hamburger Hälfte spazieren, bevor er zum 1:1 einschoss (28.). In diesem Moment war die Rettung ganz weit weg.

In der zweiten Halbzeit spielte der HSV trotz mieser Aussichten lobenswert nach vorne. Der kleine Tatsuya Ito (48) und Kostic (58.) vergaben gute Gelegenheiten, ehe Lewis Holtby per sattem Linksschuss zum 2:1-Endstand für den HSV traf (63.). Doch Hamburg blieb abhängig von den Geschehnissen in Wolfsburg: Dort kassierte der VfL zwar erst den Ausgleich, ging durch Divock Origi aber wieder in Führung, im Hamburger Volkspark wurde es immer stiller. Denn die Zuschauer waren natürlich über ihre Smartphones informiert über die Ereignisse in Wolfsburg.

Die Zuschauer klatschen für ihre niedergeschlagenen Hamburger

Als Wolfsburg 160 Kilometer weiter südlich gar das 3:1 erzielte, begannen die Hamburger Fans zu "Mein Hamburg lieb ich sehr" eine Massenkaraoke, ein berührender Moment. Der war mit den ersten Böllern wie weggeblasen. Schnell kippte die Stimmung, aber die vermummten Chaoten waren in der Minderzahl. "Wir sind Hamburger und ihr nicht", skandierten die friedlichen Fans. Kurz riefen sie in Richtung der Polizei: "Holt sie raus." Sie, die Idioten, die für diese unwürdigen Szenen gesorgt hatten.

Als die Gruppe die Tribüne verlassen hatte, machte die Polizei den Rasen frei. Schiedsrichter Brych pfiff die Partie für einige Sekunden an, dann aber schnell wieder ab. Trotzdem klatschten die Zuschauer. Sie beorderten ihre Spieler im Moment des Abstiegs auf eine Ehrenrunde. Als wollten sie ihnen Mut machen. Und zeigen, dass der überwiegende Teil der HSV-Fans doch friedlich gesinnt ist.

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