Süddeutsche Zeitung

Bayern, BVB und Leipzig:Vielleicht sogar ein Dreikampf

Erwächst den Münchnern in RB Leipzig ein weiterer, dauerhafter Konkurrent? Die Liga steuert auf eine historisch seltene Rivalität an der Spitze zu.

In der Halbzeitpause des Abendspiels in Leipzig haben sie im Stadion Waldemar Hartmann interviewt, jenen Mann, bei dem sich die Historiker bis heute nicht ganz einig sind: Ist Waldemar Hartmann einfach einer, der wunderbar zu diesem schönen Freistaat Bayern passt, oder ist es sogar andersrum: War Waldemar Hartmann zuerst da, und dieser schöne Freistaat Bayern wurde erst um den Waldi herum gebaut? Dieser Waldi stand nun also in der Halbzeit da unten auf dem Rasen und erklärte den Leuten, dass er nach vier Jahren aus Berlin weggezogen sei, weil ihm die Hauptstadt "zu chaotisch" geworden sei - und dass er jetzt "im liebenswerten Leipzig" wohne, vor einer Woche seien die Möbel gekommen.

"Ich bin ein Leizpiger", rief er also in gewohnter Bescheidenheit und bestimmt ohne historische Anspielung ins Mikrofon, und dann erzählte er noch von einem Stadionerlebnis im März, bei dem "wir 5:0 gegen Hertha gewonnen haben". Mit "wir" meinte er selbstverständlich die Leipziger.

Gibt es ein deutlicheres Anzeichen für das Ende der Ära des FC Bayern? Waldi, der Waldi trinkt jetzt kein Weißbier mehr, sondern Zeugs aus Dosen. Das ist tatsächlich ein bisschen so, als würde Uli Hoeneß von seinem Tegernsee hinauf in die chaotische Hauptstadt ziehen und für den dortigen Fußballverein den Slogan "Wir sind wir, wa" erfinden.

Der BVB weist darauf hin, dass er noch da ist

Das war ja das große Thema vor diesem Abendspiel gewesen: Müssen sich die Münchner daran gewöhnen, dass die Dosendingsfußballer aus Leipzig nicht nur vorübergehend mal aufmüpfig werden, sondern zu einer dauerhaften Konkurrenz aufsteigen? Wer im großen Almanach der Bundesliga blättert, findet dort ja nicht nur ständig diesen bayerischen Meistertitel - auffällig ist auch das Muster des Zweikampfs. Immer wieder gab es diesen einen Rivalen, mal waren es die Kölner, mal der HSV, mal war es Werder Bremen, mal Borussia Dortmund. Zuletzt waren die Münchner aber allzu oft nur ihr eigener Rivale, in diesem Duell Bayern gegen München ging es maximal darum, ob Bayern oder München schon im März oder doch erst im April als Meister feststehen. Und nun stand plötzlich diese Frage als eine Art Überschrift über dieser Saison: Würde es in dieser Saison und überhaupt in naher Zukunft womöglich zu einem Duell Bayern vs. Leipzig kommen? Zu einem Kulturkampf des alten Geldes gegen das neue?

Wer solche Fragen stellt, bekam die erste Antwort schon vor dem Anpfiff dieses Abendspiels: Mit einem wuchtigen 4:0 gegen Bayer Leverkusen machten die Dortmunder darauf aufmerksam, dass sie übrigens auch noch da sind. Das anschließende Abendspiel gab dann auch mehrere Antworten: In der ersten Halbzeit degradierten die Münchner die Leipziger, inspiriert vom frühen Tor, im Wortsinn zum Verfolger - die Leipziger rannten hinterher, kamen aber niemals mit. Die erste Halbzeit war eine bayerische Machtdemonstration der allererniedrigendsten Sorte: Sie ließen Leipzig gar nicht mitspielen. In der zweiten Halbzeit zeigten die Leipziger, inspiriert vom späten Tor, dann aber, was sich mit Mut und Wucht bewirken lässt: Sie drängten sich in dieses Spiel hinein und wirkten nun vorübergehend wie ein Verfolger, der den Führenden zumindest vor sich sieht.

Womöglich steht die Dramaturgie dieses Spiels für die aktuelle Lage an der Spitze dieser Liga: Ja, die Bayern sind schon noch besser, aber - ebenfalls ja - die Leipziger haben den festen Willen, ihnen lästig zu fallen. Noch steckt die Saison in ihren Anfängen, aber möglicherweise wird man im großen Almanach später mal über die Saison 2019/2020 lesen, dass es zumindest vorübergehend mal einen Dreikampf zwischen Bayern, Dortmund und Leipzig gab.

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Quelle:
SZ vom 15.09.2019/ebc
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