Süddeutsche Zeitung

Borussia Dortmund:Die Tore der Teenager

Jude Bellingham, 17, und Ansgar Knauff, 19, bringen dem BVB neuen Schwung für die Champions-League-Herausforderungen. Doch die Jungen werden die Probleme des Klubs nicht alleine lösen können.

Von Freddie Röckenhaus, Dortmund

Wer so ein Tor schießt, läuft Gefahr, dass seine Jugendfotos ausgegraben werden. Und da steht er also: Ansgar Knauff, zwölf Jahre alt, ein schmächtiger Dreikäsehoch, und schaut zum Hünen Jürgen Klopp hinauf. Der Große war noch Trainer bei Borussia Dortmund, Klein-Ansgar war eben zum besten Spieler des "Family Cup" gewählt worden - obwohl seine Mannschaft von der SVG Göttingen das Jung-Kicker-Turnier knapp nicht gewonnen hatte. Der große Kloppo, so weiß man heute, lud den kleinen Knauff dann zum Probetraining bei den U13-Junioren des BVB ein. Aber wer hätte gedacht, dass dieser Steppke sieben Jahre später so ein Siegtor für Dortmund schießen würde wie das zum 3:2 beim VfB Stuttgart?

Knauffs Tor schaute fast einfach aus: Querpass von Erling Haaland, kurzes Dribbling, verdeckter Schuss durch die Beine von drei Stuttgartern hindurch. Der Ball schlägt neben dem Pfosten ein! Jubel auf den Knien, wie man das von den Postern der ganz Großen kennt - und Haaland fliegt im Hechtsprung dem Torschützen hinterher. Dass man bei so einem Tor unweigerlich an Arjen Robben erinnert wurde - auch wenn der nicht mit rechts, sondern mit links seine Kurvenbälle zirkelte -, ging in der Begeisterung ein bisschen unter.

Vor allem aber war dieses 3:2 ein Tor, das Dortmund noch mal ins Rennen bringt. Ohne Sieg in Stuttgart, überhaupt ohne eine andauernde Siegesserie bis zum Saisonende, wird es nichts mehr werden mit der Qualifikation zur Champions League. Dazu sind Wolfsburg (acht Punkte) und Frankfurt (sieben) zu weit weg. Es gibt für Dortmund also nur noch K.o.-Spiele in der Bundesliga, im DFB-Pokal-Halbfinale und am Mittwoch in der Champions League gegen Manchester City (Hinspiel 1:2).

Sehr wichtig also war dieses Tor des nächsten Teenagers aus der Dortmunder Nachwuchsabteilung, die von Lars Ricken geleitet wird. Dessen Ruhm basiert bekanntlich auch darauf, den BVB als 20-Jähriger mit seinem Treffer zum 3:1 gegen Juventus Turin zum Champions-League-Sieg 1997 geschossen zu haben.

Bellingham kürte seinen Teamkollegen Knauff via Twitter anschließend zum neuen "Superstar"

Teenager-Tore sind in Dortmund seither normal. Kürzlich wurde Youssoufa Moukoko, seit November gerade mal 16, als bisher jüngster Torschütze der Bundesliga notiert, sowie als Jüngster, der in der Champions League zum Einsatz kam. Jetzt, da Moukoko verletzt ausfällt, trifft eben dessen Junioren-Sturmpartner Knauff. Für BVB-Verhältnisse ist der, trotz seiner Spielberechtigung für die A-Junioren, mit seinen 19 Jahren nicht mal gar so jung.

In Stuttgart gelang zudem Jude Bellingham, Stammspieler mit erst 17 Jahren, ebenfalls sein erstes Bundesligator, zum zwischenzeitlichen 1:1. Wie sich das unter Teenies gehört, kürte Bellingham seinen Teamkollegen via Twitter anschließend zum neuen "Superstar". Dass der Engländer Bellingham regelmäßig zu den besten Borussen gehört, daran hat sich das Publikum halt schon gewöhnt.

Als Trainer Edin Terzic Knauff jüngst im Champions-League-Hinspiel in Manchester in der Startelf aufbot, war das noch als überraschende Marotte registriert worden. Knauff mischte gegen City ein bisschen mit, zahlte aber auch Lehrgeld. Sein persönliches Fazit in Stuttgart blieb davon unberührt: "Eine unglaubliche Woche für mich." Überraschend hatte der BVB, gegen den eigenen Kodex, den jungen Mann gleich vor die Kameras gelassen. Man verstand schnell, warum. Ziemlich bodenständig ließ Knauff wissen, dass er sich "in jedem Training und jedem Spiel" zu verbessern versuche. Und dass er hoffe, dass das so weiter gehe. Seit Ansgars Mutter erlaubte, dass der Sohn mit 15 aus Göttingen ins Dortmunder Fußballinternat wechseln dürfe, geht es bislang eigentlich immer so weiter.

Trainer Terzic war da schon deutlicher: "Er hat die Fähigkeit, eins gegen eins an Gegenspielern vorbei zu fliegen." Und Knauffs Kollege Thomas Delaney ergänzte: "Er ist einfach unfassbar schnell." Zudem (wie der derzeit verletzte Engländer Jadon Sancho) mit Dribbling-Ideen sowie mit einer sehr feinen Technik gesegnet. Und im Duo mit dem vielleicht noch etwas schnelleren Haaland ein Problem für jeden Gegenspieler. Apropos Haaland: Der blieb torlos in Stuttgart, stellte allerdings einen Bundesliga-Saisonrekord auf. Der Norweger wurde mit einer Spitzengeschwindigkeit von 36,04 km/h gemessen und überholte damit den Gladbacher Marcus Thuram (35,97 km/h).

Entwarnung bei Hummels und Reus - beide können gegen Manchester City wieder dabei sein

Terzics Problem sind jedoch weniger die jüngsten BVB-Spieler. Neben Knauff, 19, Haaland, 20, und Bellingham, 17, überzeugte auch Gio Reyna, 18, zudem hielt Mateu Morey, 20, meist gut mit. In Sancho, 21, Moukoko, 16, und Zagadou, 21, sind weitere Begabte am Start. Weniger überzeugend in der Alterspyramide des BVB ist oft der Mittelbau, der eigentlich eine Mannschaft mit den Dortmunder Ansprüchen tragen sollte. Bellingham, Reyna und Haaland spielten gegen die ebenfalls mit Extrem-Talenten gespickten Stuttgarter von Anfang an in tragenden Rollen. Knauff kam in der 67. Minute für den angeschlagenen Marco Reus ins Spiel. Schon da wurden auf der Ersatzbank die Gesichter von vermeintlichen Säulen wie Thorgan Hazard, 28, oder Julian Brandt, 24, länger, die erst später eingewechselt wurden. Auf die Dauer werden die Teenager den BVB jedoch nicht allein retten können.

Immerhin konnte Dortmund am Sonntag Entwarnung geben: Mats Hummels, in Stuttgart mit Magenkrämpfen ausgewechselt, und Marco Reus, der einen Schlag aufs Sprunggelenk bekam, werden gegen Manchester City dabei sein. Ein 1:0 würde am Mittwoch fürs Halbfinale reichen. Wer's schießt, ob alt oder jung, wäre dann egal.

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