Süddeutsche Zeitung

Bundesliga:Bayerns Zukunft rumpelt noch

  • Nach der erneuten Meisterschaft rücken beim FC Bayern junge Profis wie Renato Sanches oder Joshua Kimmich in den Fokus.
  • Gegen Darmstadt zeigen beide aber, dass sie noch viel lernen müssen.
  • Auch Douglas Costa spielt nicht wie einer, der dem Verein helfen kann.

So ungefähr stellt man sich das vor, wenn der beste Nachwuchsspieler Europas auf Spieler trifft, die man weder in Europa noch in Deutschland, sondern ausschließlich in Darmstadt kennt. Renato Sanches trat an, beschleunigte, zog am ersten, zweiten, dritten Darmstädter vorbei, und okay, sein Querpass blieb dann irgendwo hängen. Aber das kann schon mal passieren in voller Fahrt, und hey, Leute, der Bursche ist Jahrgang 1997, noch keine 20 Jahre alt. Auf jeden Fall ist Sanches ein wildes Spektakel, das war einwandfrei zu erkennen in dieser 78. Minute der Partie Bayern München gegen Darmstadt 98.

So wie diese 78. Minute haben sich die Münchner das wohl vorgestellt, als sie vor einem Jahr die Verpflichtung dieser portugiesischen Wunderwuchtbrumme bekannt gaben. Ein Edgar Davids sei das, nur ohne Brille, hieß es, ein Jahr später muss man dieses Urteil ein wenig präzisieren: Im Moment ist Sanches eine Art Edgar Davids, nur ohne Brille und Edgar Davids.

Natürlich könnte man es sich jetzt leicht machen und den jungen Mann auf all jene Minuten des Spiels reduzieren, die vor und nach der 78. Minute kamen. Hämische Menschen könnten hämische Zusammenschnitte herstellen, in denen man seine Ballverluste aneinanderreiht, und man könnte ein paar Szenen folgen lassen, in denen Renato Sanches mit atemberaubendem Schnauben antritt, dann aber mitsamt Ball irgendwo draufrumpelt.

Sanches bei der Weltfußballer-Wahl? Eher nicht

Nein, Sanches hat nicht sonderlich gut gespielt beim 1:0 gegen Darmstadt, es war eher eine 90-minütige Bestätigung dessen, was man sich zuletzt schon gedacht hatte: dass die Bayern hier einen Spieler haben, dem man keinen Gefallen tut, wenn man ständig betont, dass er im Sommer zum besten Nachwuchsspieler der EM gewählt wurde und dass er die Münchner eine Basis-Ablöse von 35 Millionen Euro gekostet hat, die - unter sehr, sehr, sehr theoretischen Umständen - auf 70, 75 Millionen anwachsen könnte. Dank komplexer Klauseln könnten etwa weitere 20 Millionen fällig werden, falls der Spieler in seiner Vertragslaufzeit bis 2021 unter die letzten drei bei der Weltfußballer-Wahl kommt oder in Weltauswahlen berufen wird.

Nach Betrachtung von Sanches' erstem Bayern-Jahr und der Leistung gegen Darmstadt darf man vermuten: Zumindest dieses Geld werden die Bayern sich sparen.

Eine beliebte Fußballfloskel besagt ja, dass man befreit aufspielen könne, wenn es um nichts mehr gehe, aber zur Ehrenrettung von Sanches muss man anmerken: Es kann schon auch andersrum sein. Die Partie gegen Darmstadt wurde zwar nicht wegen Geringfügigkeit eingestellt, aber ein belastbares Urteil ließ das Spiel nicht zu. Zu friedlich schien die Sonne, zu entschieden war Bayerns Meisterschaft und nach dem frühen Tor durch Bernat (18.) auch Darmstadts endgültiger Abstieg, zu unabgestimmt wirkte Bayerns Startelf mit Spielern wie Sanches, Kimmich oder Bernat - für die Körperspannung der Spieler war das keine günstige Versuchsanordnung.

Auch Douglas Costa enttäuscht weiter

So wurde es nur in begrenztem Maße jene Partie, die es bei Ansicht der Aufstellung hätte werden sollen: Nur selten wurde die mögliche Zukunft des FC Bayern sichtbar. Der Zentrale mit Renato Sanches, 19, und Joshua Kimmich, 22, gelang es nie, Autorität zu entwickeln, auch der zuletzt umstrittene Flügelspieler Douglas Costa verzichtete auf Werbung in eigener Sache. Allein Juan Bernat wies gelegentlich überzeugend darauf hin, dass er übrigens auch noch da ist. Sein hübsches Dribbeltor schuf einen kleinen spanischen Moment.

Aber gerade wegen seiner sehr mäßigen Intensität schaffte es dieses Spiel, für etwas zu stehen. Es ließ schon mal erahnen, was für eine Herausforderung der anstehende bayerische Umbruch werden könnte. Die Spielintelligenz, die im Höchstmaß die scheidenden Philipp Lahm und Xabi Alonso garantieren, dürfte diese Elf nicht so schnell ersetzen können, auf gar keinen Fall durch Renato Sanches, der selbst an guten Tagen eine völlig andere, extrem physische Art von Fußball bevorzugt.

Und nebenbei lenkt Sanches' spezieller Stil den Blick auf jenen Mann, der diesen Umbruch fachlich zu begleiten hat: auf Trainer Carlo Ancelotti, der bislang eher nicht als Talentausbilder auffällig wurde. Gerade Sanches ist ein Spieler, dessen rohe Kräfte gebändigt und gelenkt gehören, damit von jenem wilden Spektakel, das er bei der EM verkörperte, nicht nur die Wildheit übrig bleibt.

Zuletzt war zu hören, dass Klubs wie AS Monaco oder Olympique Marseille den jungen Sanches gerne ausleihen würden, aber bisher gibt es von Bayern kein Signal, dass sie das für eine gute Idee halten. Was nicht bedeutet, dass Sanches künftig häufiger spielt: Fürs Mittelfeld haben die Bayern den Hoffenheimer Sebastian Rudy verpflichtet, und wenn man sie nach ihrem Interesse am Schalker Mittelfeldspieler Leon Goretzka befragt, dann schweigen sie so beredt, dass das wahrscheinlich auch kein gutes Zeichen für Renato Sanches ist.

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SZ vom 08.05.2017/jbe
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